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Contergan-Skandal Empörung über Contergan-Denkmal

Die einen kündigen eine Demo an, die anderen bleiben ganz weg: Das erste Contergan-Denkmal wird morgen in Stolberg enthüllt - gegen den Willen vieler Geschädigter. Und das nicht nur, weil ausgerechnet der Pharmakonzern Grünenthal die Skulptur bezahlt.

Für viele Contergan-Geschädigte geht die Aussage des Denkmals an ihrer Lebenswirklichkeit vorbei. Foto: dpa

Stein des Anstoßes ist eine gerade mal 62 Zentimeter große Bronzeskulptur des Aachener Bildhauers Bonifatius Stirnberg mit dem Titel "Das kranke Kind". Der Figur fehlen beide Arme. Sie ist Teil des ersten Mahnmals der Welt für Contergan-Geschädigte, das am morgigen Freitag in Stolberg im Kreis Aachen enthüllt wird. Doch die meisten Opfer haben etwas dagegen.

„Wir können uns mit diesem Denkmal nicht identifizieren", sagt Ilonka Stebritz, Sprecherin des Bundesverbands Contergangeschädigter, in dem der überwiegende Teil der 2400 in Deutschland lebenden Opfer organisiert sind. Vielen von ihnen stößt bitter auf, dass das Mahnmal ausgerechnet vom Pharmakonzern Grünenthal finanziert wird, der Firma, die das gefährliche Schlafmittel Contergan vor gut 50 Jahren auf den Markt brachte und hernach jahrzehntelang mit den Opfern über mögliche Entschädigungen stritt. „Das ist ein gutes Beispiel dafür, wie Grünenthal mit möglichst wenig Einsatz für uns Geschädigte möglichst viel für sein eigenes Image tut“, sagt Stebritz.

Grünenthal könnte viel mehr für Contergangeschädigte tun, zum Beispiel was die wissenschaftliche Aufarbeitung der Contergan-Geschichte angeht", so die Verbandssprecherin weiter. Dass man sich stattdessen entscheide, mehrere tausend Euro für eine solche „medienwirksame Aktion“ auszugeben, sei ein „Schlag ins Gesicht der Betroffenen“.

Ähnlich sieht es der Verein Contergannetzwerk Deutschland, der ein Denkmal ohne eine damit verbundene Zusage über finanzielle Versorgung der Opfer durch Grünenthal als "blanken Hohn" empfindet und seine Mitglieder zu einer Demonstration während der Einweihungszeremonie aufruft.

Grünenthal von Kritik „überrascht“

Bei Grünenthal zeigt man sich „überrascht“ ob der harschen Kritik. Grünenthal sei weder Initiator des Denkmals noch Ausrichter der Einweihungszeremonie, sagt Unternehmenssprecher Frank Schönrock. Der Contergangeschädigte Johannes Igel, auf dessen Initiative das Denkmal errichtet werde, sei vielmehr auf Grünenthal zugekommen, weil er und die Stadt Stolberg keine andere Möglichkeit der Finanzierung gesehen hätten. Stolberg ist der Firmensitz von Grünenthal.

Das Unternehmen habe sich dann dafür entschieden, das Denkmal zu bezahlen. Man habe dem „großen Anliegen der Betroffenen“ Rechnung tragen wollen, weil man „dass Contergan in der Gesellschaft nicht in Vergessenheit gerät". „Wie wären denn die Reaktionen gewesen, wenn wir die Bitte abgelehnt hätten?", fragt Schönrock.

Initiator Johannes Igel sieht die Beteiligung nicht als Chance für Grünenthal, sich von der Verantwortung freizukaufen. „Ich wollte der Firma nur eine Brücke bauen, rübergehen muss sie schon selbst", sagt Igel, der selbst contergangeschädigt ist. Deshalb findet er eine Demonstration, bei der die Opfer ihre Forderungen an Grünenthal stellen können, völlig legitim. Ihn habe besonders das Schicksal der durch Contergan gestorbenen Babys gerührt - ihnen habe er mit dem Denkmal ein Zeichen setzen wollen, erklärt der Mann aus Morbach im Hunsrück.

Das reicht dem Bundesverband nicht. Er empfindet das Denkmal an sich als „ungeeignet" - und will deshalb trotz Einladung der Einweihungsfeier fern bleiben. Mit der kindlichen Anmutung der Skulptur werde nicht nur das „schuldhafte Verhalten von Grünenthal" verharmlost, es würden auch die gesundheitlichen und sozialen Probleme der Opfer heute verniedlicht, heißt es in einer Stellungnahme. „Wir sind keine Kinder mehr", sagt Ilonka Stebritz, „sondern Erwachsene, um deren Anliegen sich niemand ernsthaft kümmert, ganz besonders nicht die Firma Grünenthal."

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