Lade Inhalte...

Computerspielemuseum in Berlin Es hat Pong gemacht

In Berlin öffnet am Freitag das neue Computerspielemuseum, die selbst ernannte "Spiel- und Experimentallandschaft". FR-Autor Johannes Gernert spazierte vorab durch die Ausstellung zur Geschichte des Daddelns.

17.01.2011 22:18
Johannes Gernert
Auch dieses Nintendospiel kann man im Museum bestaunen - und natürlich auch spielen. Foto: dapd

Mittendrin sitzt Jens Wunderling und steuert ein neongrünes Kreuz über die Meilensteine der Computerspielgeschichte. Auf dem Kopf hat er eine gestreifte Mütze, in der Hand hält er einen dieser alten schwarz-roten Joystick-Knüppel. Wenn er ihn bewegt, macht es klack und das Kreuz rückt auf einen der Kästen mit den aufgedruckten Spielenamen. Sie sind an einer Wand befestigt, eine riesige Auswahltafel, die wie eine Steuerung funktioniert. Wenn das Kreuz auf einem der Meilensteine mit den Titeln ruht, erscheint auf dem kleinen Bildschirm direkt vor Wunderling eine kurze Geschichte, wie jetzt zu „Karate Champ“ aus dem Jahr 1984: „Gilt als eines der ersten Kampfsportspiele“. Zwei etwas sparsam gezeichnete Gestalten hüpfen auf dem Schirm herum.

„So geil“, sagt Wunderling. Er hat die Sache mit einem Kollegen gestaltet. Auf dem Meilenstein-Kasten ganz rechts unten: „Grand Theft Auto“, 2008, eine Mischung aus Autorennen und Schießerei, einer der meistverkauften Titel überhaupt.

Die Karte mit den Meilensteinen steht im Zentrum des neuen Computerspielemuseums in Berlin. In dieser Woche wird die selbsternannte „Spiel- und Experimentallandschaft“ eröffnet, bestückt unter anderem mit Daddelklassikern, Spieleautomaten und einem Riesenjoystick. Derzeit laufen noch die Vorbereitungen. Neben Wunderling steckt ein Techniker in einem offenen Flipperautomaten, alles voller Kabel. Es sieht aus, als hätte der Flipper den Mann geschluckt.

Schon Magisterarbeit über PC-Spiele geschrieben

Vorn am Eingang, wo die Tür noch ein wenig klemmt und die elektronische Schranke noch ein bisschen oft losfiept, steht Andreas Lange und erklärt, wie das alles dann doch geklappt hat. Lange ist 43 Jahre alt und Direktor des Museums, schon recht lange. Seine schwarzen Lederschuhe sind ein bisschen ausgelatscht, er trägt ein legeres, dunkles Jackett. Anfang der Neunziger hat er sein Studium der Religionswissenschaften abgeschlossen, mit einer Magisterarbeit über „Die Geschichte von Computerspielen betrachtet unter mythentheoretischen Gesichtspunkten“, er hat mit Indiana Jones und Micky Maus argumentiert.

Als die Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle, kurz USK, einen Gutachter brauchte, um Spiele einzustufen, war Lange bestens vorbereitet. 1996 hat er dann in einem ABM-Projekt das Computerspielemuseum konzipiert und ein Jahr später eröffnet. Er hat alte Joysticks und Konsolen gesammelt, die in den neuen Räumen jetzt in Vitrinen lagern. Und er hat sich jahrelang für mehr Förderung eingesetzt, das Museum zwischendurch aus Protest geschlossen, bis der Regierende Bürgermeister Berlins, Klaus Wowereit, auch Kultursenator wurde und das Projekt plötzlich unterstützte. Nun war Geld da, um die Räume einzurichten, die der Förderverein in der Berliner Karl-Marx-Allee angemietet hat.

Lange erzählt das alles vor einer mannshohen Figur aus dem Nintendo-Spiel „Zelda“, die Schutzschild und Schwert in Richtung seines Rückens streckt. Dann geht er los, eine kleine Tour durch die Ausstellung. An den strahlend weißen Wänden hängen Infoboxen. Lange läuft vorbei an dem Bild mit dem ersten Schachcomputer und am Elektronengehirn Nimrod, das 1951 in Berlin vorgestellt wurde, auch Ludwig Erhard war dabei. Nimrod besteht aus einer großen Wand voller Lämpchen, die einen Haufen Streichhölzer darstellen sollen. Nur, dass, statt Hölzer zu ziehen, Nutzer und Rechner abwechselnd Lämpchen ausschalten. Bei wem das letzte Lämpchen leuchtet, der hat verloren. Lange drückt ein paar Mal auf die schwarzen Knöpfchen. Verloren! Er lächelt.

Computer als "Teilhabemuseum unserer Zeit"


Der Direktor geht zu einem Monitor, nimmt einen Joystick und dreht damit den Würfel, der auf dem Bildschirm erscheint. Auf den Würfelseiten laufen Videoszenen mit Ralph Baer, er hat die erste Spielekonsole erfunden und ist Schirmherr des Museums. Lange wählt eine Szene aus. Man sieht Baer Mitte der Sechziger wie er vor einer Art Tennissimulation sitzt. Ein Punkt hüpft über den Bildschirm, von links nach rechts. Direkt neben dem Monitor steht der Spieleautomat „Pong“, ein großer Kasten mit integriertem Bildschirm, jenes Gerät, das damals verkauft wurde. Auch hier pongt ein Punkt wie ein Tennisball von links nach rechts, die Schläger sind zwei schlichte Striche. Die Blaupause für vieles, was dann folgte.

Lange ist kein Computerspieleskeptiker, sondern ein Optimist. Seine Kinder sind neun und sechs Jahre alt, sie sollen lieber Computer spielen als Fernsehen, findet er. Über das Spielen erschließe man sich die Welt – eine medial geprägte umso besser. „Für uns sind Computer- und Videospiele das Teilhabemedium unserer Zeit“, sagt er.

Weiter hinten im Ausstellungsraum ist zu sehen, wie man sich dieser Welt mit Spielen nähern kann. Hören, Sehen, Handeln, Mitmachen, so heißen die Schwerpunkte, immer illustriert mit Beispielen. In der Abteilung „Sehen“ etwa ist zu lesen, wie Computer virtuelle Räume für jedermann schufen. In einer etwas entlegeneren Ecke wird die digitale Zockerkultur von BRD und DDR verglichen. Die DDR förderte Computerspiele, als Unterrichtsergänzung.

Andreas Lange ist bei Jens Wunderling angekommen. Der steuert immer noch das Kreuz über die Wand mit den Meilensteinen. Das Spiel „Elite“ ist da jetzt zu sehen, irgendwas mit Raumschiffen, schwarzer Bildschirm, weiße Punkte. Oder „Decathlon“, ein Sportklassiker, der heftige, schnelle Steuerungsbewegungen erfordert. Lange muss dann mal los, es gibt noch einiges zu tun. Am Freitag ist schließlich Eröffnung. Ralph Baer, der Erfinder der Heimkonsole, wird auch dabei sein – virtuell. Er lebt in New Hampshire, in den USA.

Zur Startseite

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum