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Coffee-Shops Kiffen für Ausländer verboten!

In einigen Provinzen der Niederlande ist es nicht mehr erlaubt, Cannabis an Ausländer zu verkaufen. Ein Schlag für die Betreiber der Coffee-Shops - denn die Meisten kommen nur, um unbehelligt zu kiffen.

28.04.2012 17:38
Philipp Alvares de Souza Soares
Das Cannabis-Verbot für Ausländer ist ein Schlag für die Betreiber von Coffee-Shops. Foto: dpa

Die Droge ist zu seinem Lebensinhalt geworden. Marc Josemans ist 52 Jahre alt und kifft seit er 16 ist. Der Niederländer hat sein Hobby zum Beruf gemacht. Er hat keine Ausbildung und arbeitete als Hilfskraft auf Jahrmärkten, bis er vor 28 Jahren ins Cannabis-Geschäft einstieg und das „Easy Going“ im Zentrum von Maastricht eröffnete. Es ist der älteste Coffee-Shop der Stadt. Die Droge habe ihn reich gemacht, sagt Josemans.

In seinem Laden riecht es leicht süßlich, Rauchschwaden wabern durch die Luft. Die Tische und Bänke dort sind aus Pressspan, hellbraun furniert, und am Boden festgeschraubt. Lange bleiben soll hier niemand. Die Kunden sollen ihre Ware kaufen und dann weiterziehen. Marc Josemans sitzt im ersten Stock des Gebäudes, niemand würde ihn spontan für einen Kiffer halten, er sieht gesund aus, seine Augen sind klar. Das macht ihn zu einem idealen Repräsentanten des Gewerbes. Daher verwundert es kaum, dass er einer der obersten Coffee-Shop-Lobbyisten der Niederlande ist: Er sitzt der Maastrichter Coffee-Shop-Vereinigung VOCM vor und ist Vorstandsmitglied des Loc, dem Pendant auf nationaler Ebene. Vergangenen Oktober trat er in einer drogenpolitischen Anhörung des niederländischen Parlaments als Experte auf.

Viele kommen nur wegen der Coffee-Shops

Auf die Politiker ist Josemans momentan allerdings nicht gut zu sprechen. Sie haben beschlossen, Ausländer aus den Coffee-Shops zu verbannen. Diese Kiffer benehmen sich angeblich schlecht: Sie pinkeln auf die Straße, schmeißen ihren Müll auf den Bürgersteig, schlafen im Auto und blockieren Parkplätze. Die grenznahe Lage der Stadt lockt jedes Jahr mehr als zwei Millionen Menschen nach Maastricht, die nur die Coffee-Shops besuchen wollen. Einige Anwohner stört das, sie fühlen sich in der Innenstadt nicht mehr sicher.

Der Kunststudent Stephen Bell kann die Aufregung in der Stadt nicht verstehen. Bell sitzt zusammen mit seinem Münchner Kommilitonen Bruno Grokenberger auf der Terrasse des Coffee-Shops „Heaven 69“. Die beiden nippen an den Strohhalmen ihrer Orangina-Fläschchen. Kiffen wollen sie heute nicht – zu viel zu tun. Beide kennen die Reaktion ihres Körpers auf die Droge genau. Wenn Grokenberger lernen muss, raucht er nicht mehr nach 20 Uhr, um am nächsten Tag fit zu sein, wie er sagt. Ihm gefällt es in Maastricht: In München musste er einen Dealer aufsuchen, hier kann er sich sein Gras legal besorgen.

Vom Ausländerverbot halten die beiden Studenten nur wenig. „Die meisten kaufen nur ihre vier oder fünf Gramm und fahren heim. Nur weil es ein paar Idioten gibt, die dann auf die Straße pissen, muss man nicht diesen bürokratischen Unsinn machen“, sagt Bell und ergänzt, dass konservative Leute in Maastricht einfach keinen Wandel mögen, sagt er. Der rechtskonservative Politiker Geert Wilders sei hier nicht ohne Grund populärer als anderswo im Land.

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Vandalismus und schlechtes Benehmen sind nicht die einzigen Probleme, die man in Maastricht mit dem Ausländerverbot lösen will: Sogenannte „drugs runners“ fangen hier Drogentouristen an den Parkplätzen ab und führen sie zu ihren Chefs, den Dealern, die mehr als Gras im Angebot haben. Dabei sind sie nicht zimperlich, schließlich gibt es eine Prämie für jeden Kunden. Hinzu kommen die Geschäftemacher, die hinter der Cannabisproduktion stecken. Diese operieren trotz der liberalen Duldungspolitik in den Niederlanden noch immer illegal. Der Großhandel mit und die Produktion der Droge sind verboten, obwohl es ohne diese Produktionskette auch keine Coffee-Shops gäbe.

Wachsende Schattenindustrie

Die Popularität der Cannabis-Läden, gerade auch bei Besuchern aus dem Ausland, hat diese Schattenindustrie stetig wachsen lassen. Zu lukrativ ist das Geschäft, als dass sich die Branche von den regelmäßigen Polizeirazzien abschrecken ließe. Da es um viel Geld geht, kam es in manchen Gegenden der Niederlande schon zu regelrechten Bandenkriegen mit Schießereien oder Handgranaten, die auf Coffee-Shops geworfen wurden.

Die Kriminalität gebe es natürlich, sagt Marc Josemans, das streitet er nicht ab. Doch er fragt auch, ob das sogenannte Einwohnerkriterium der Politiker die Gewalt nicht befördern würde? Die ausländischen Gäste würden wohl direkt zu den Straßendealern gehen.

Josemans gestikuliert leidenschaftlich, mit festem Blick, wenn ihm ein Argument wichtig ist. Und da gibt es noch eins: Wenn die Regierung endlich auch die Produktion und den Großhandel legalisieren würde, wären alle Probleme gelöst, sagt Josemans. Allein die Steuern, die der Staat zusätzlich einnehmen würde und die Polizeikosten, auf die er verzichten könnte – für Josemans bleibt da keine Frage offen. Die Coffee-Shops allein bringen den Niederlanden jährlich Steuereinnahmen von geschätzten 450 Millionen Euro.

Marc Josemans und seine Mitstreiter im VOCM wehren sich seit mehr als fünf Jahren gegen den Ausschluss ihrer ausländischen Kundschaft. Denn die Idee der Beschränkung des Verkaufs ist nicht neu und wird regional schon länger diskutiert worden. Josemans hat zusammen mit dem damaligen Bürgermeister ein Gerichtsverfahren provoziert, um vorbeugend eine juristische Entscheidung zu erzwingen. Bis vor den Europäischen Gerichtshof ist er gezogen. Dieser urteilte im Dezember 2010, dass eine lokale Diskriminierung zur Verminderung des Drogentourismus zulässig sei. Das zuständige holländische Gericht bestätigte die Entscheidung im vergangenen Sommer. Am vergangenen Freitag kam dann die Bestätigung des zuständigen Gerichts in Den Haag.

"20 Prozent weniger Umsatz"

Dennoch glaubte Josemans lange nicht daran, dass das Einwohnerkriterium kommen würde. Zu viele Auflagen hatte das Gericht gemacht, die nicht erfüllbar schienen. Etwa müsste die Gemeinde zunächst weniger gravierende Maßnahmen ausprobieren. Gleichbehandlung ist ein hohes Gut in den Niederlanden, die Verfassung beginnt hier mit einem „Antidiskriminierungsartikel“.

Josemans VOCM ist im vergangenen Herbst mit einem eigenen Modell vorgeprescht, um vor Gericht besser dazustehen: Nur Einwohner der Niederlande, Belgiens und Deutschlands dürfen nach der Selbstbeschränkung seit dem 1. Oktober in Maastricht Cannabis kaufen – Belgier und Deutsche sind die größte ausländische Kundengruppen. Außerdem hat man der Forderung der Gemeinde zugestimmt, sieben der vierzehn Shops aus dem Zentrum in die Außenbezirke zu verlegen. Josemans meint, den Politikern damit schon relativ weit entgegengekommen zu sein. „Wir machen seitdem 20 Prozent weniger Umsatz“, sagt er. Doch verbessert habe sich nichts – im Gegenteil: Er habe neun Briefe von Anwohnerorganisationen bekommen, die sich über mehr Straßenkriminalität beschweren, sagt Josemans.

Die Gemeinde beharrte weiterhin darauf, dass der Wohnsitz in den Niederlanden entscheidend ist. Sie sieht darin eine Rückkehr zum ursprünglichen Ziel der niederländischen Politik: Eine Trennung des Marktes von harten und weichen Drogen. Durch die Entkriminalisierung des Geschäfts mit Cannabisprodukten sollen deren Konsumenten nicht in Kontakt mit gefährlicheren, harten Substanzen wie Kokain und Heroin kommen. „Wir wollen zu unseren Ursprüngen zurück“, sagt Petro Hermans, der den Bürgermeister Maastrichts in Sachen Drogen berät. Die Stadt müsse etwas unternehmen, um den Markt einzudämmen. Die Bürger Maastrichts seien die Kifferscharen aus Deutschland und Belgien leid, sie wollten ihre Ruhe haben.

"Das ist diskriminierend"

Hermans ist ein besonnener Mann. Er spricht gut Deutsch und erklärt die Dinge ausführlich, kernige Floskeln sind nicht sein Ding. Schon 13 Jahre beschäftigt er sich mit Drogenpolitik. Er will versöhnen; der aktuelle Konflikt gefällt ihm nicht. Er mag Josemans, aber von seinem Vorschlag hält Hermans wenig: „Nur bestimmte Ausländer auszuschließen, das ist doch diskriminierend“, sagt er.

Die beste Lösung, sagt Berater Hermans noch, stehe leider gar nicht zur Debatte. Die vielen Coffee-Shop-Touristen wären der beste Beweis für den Erfolg der niederländischen Duldungspolitik. Die Menschen versorgen sich lieber in einem Geschäft als bei einem Dealer, sagt er. War in Deutschland nicht vor einiger Zeit von toten Kiffern zu lesen, weil sich Blei im Gras befand? Hermans ist sich sicher: Würde die ganze Europäische Gemeinschaft auf dieser Basis eine gemeinsame Lösung suchen, würden sich Maastrichts Probleme in Luft auflösen.

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