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Clubszene Der Spieler

DJ Ricardo Villalobos, einer der ganz Großen seiner Zunft, macht jetzt in Jazz. Nun ist das eigentlich nicht so verwunderlich: Viele DJs haben das schon vorgemacht. Wo musikalische Qualität vorherrscht, lässt man sich nicht in Schubladen zwängen.

04.07.2011 16:42
Stephan Loichinger
Ricardo Villalobos denkt nach. Foto: picture-alliance/ dpa

Es gab Zeiten, da sah Ricardo Villalobos hinter seinem DJ-Pult aus wie frisch vom Kreuz genommen. Der ganze schlaksige Körper war verschwitzt, die nassen Haare klebten im Gesicht. Um nach vorne sehen zu können, legte er den Kopf nach hinten, weil er die Augen nur noch einen Schlitz weit aufbekam. Aber seine Platten hatte er im Griff. Dass er auflegte, war im Grunde das, was ihn von den Gästen in den House- und Techno-Clubs unterschied, die zu seiner Musik stundenlang bis in den Vormittag hinein tanzten. Und dass jeder ihn kannte.

Jetzt hat Ricardo Villalobos mit seinem Kollegen Max Loderbauer ein Doppel-Album veröffentlicht, auf dem in knapp 140 Minuten keine einzige Bassdrum vorkommt. Die Bassdrum treibt House und Techno seit jeher voran, doch Villalobos bewegt sich in eine andere Richtung. Einer der größten Stars im internationalen DJ-Jetset macht jetzt in Jazz. Nicht, dass er nicht mehr in Clubs auflegen wollte. Er hat sich nur zum Ziel gesetzt, die Welt des Jazz mit jener der elektronischen Musik zu verbinden.

Villalobos und Loderbauer haben Nummern aus dem umfangreichen Katalog des Münchener Labels ECM neu bearbeitet. ECM ist seit über 40 Jahren ein Hort für Jazz, Neue Musik und alles, wofür es keine Schublade gibt. Über die Jahre entwickelte sich ECM zum Gütesiegel. „Das Tolle an dem Label ist, dass dort schon immer die Genregrenzen verwischt wurden“, sagt Villalobos, der berichtet, er sammle seit Teenagertagen ECM-Platten, Loderbauer ebenfalls.

Vor Jahren mischten die beiden aus Spiellust im Studio Elemente aus Kompositionen des Jazz-Pianisten Christian Wallumrød und der Avantgardisten Arvo Pärt und Alexander Knaifel mit elektronischen Sounds. Das Ergebnis ließen sie ECM-Labelchef Manfred Eicher hören. Der fand Gefallen daran („vernünftige, seriöse Arbeiten“) und gab ihnen freie Hand, sich aus dem Labelkatalog zu bedienen.

„Er hat uns die Absolution erteilt“, sagt Villalobos mit Respekt, aber ohne Ehrfurcht. In der Zusammenarbeit habe sich Eicher „wie ein lockerer Daddy“ gezeigt. Umgekehrt lobt Eicher Villalobos für dessen Wunschliste der zu bearbeitenden ECM-Stücke: „Die Auswahl zeugte von Kenntnis und Verständnis der Musik unseres Labels.“

Das Doppel-Album „Re: ECM“ klingt ungemein reduziert und zugleich atmosphärisch dicht. Jedem Ton wird viel Raum gelassen. Das entspreche der „klanglichen Ästhetik“ von ECM, erklärt Villalobos. Er und Loderbauer entnahmen den Originalen Kontrabässe, Harfen, Frauenchöre und formten daraus scheinbar endlose Loops. Sachte ergänzten sie sie mit Sounds aus ihren Maschinen. Der Hörer soll eintauchen können im Klang. Auf jeden Fall soll er genau hinhören, er muss es auch.

Partys im elterlichen Keller

Reduziert und verspielt zugleich waren die Platten von Ricardo Villalobos schon immer. Als Dreijähriger kam er mit seinen Eltern aus Chile nach Deutschland, kurz nachdem Pinochet gegen die Allende-Regierung geputscht hatte. Er wuchs in der Nähe von Darmstadt auf, unter Exil-Chilenen und mit einem Vater, der ihn früh mit Rhythmusinstrumenten wie der Conga in Berührung brachte und zum Karneval nach Rio mitnahm. Villalobos hörte viel über Politik, aber er hörte noch mehr Musik. Depeche Mode waren frühe Helden, und als House in die Discos einzog, war er nicht weit vom Tanzboden. Er veranstaltete Partys im Keller seines Elternhauses. Er lernte das DJ-Handwerk. Bald produzierte er eigene Platten.

Es war um das Jahr 2003, als alle Clubgänger anfingen, Ricardo Villalobos zu lieben. Seine Stücke „Easy Lee“ und „Dexter“ liefen in jedem Club, an jedem Abend. Das dazugehörige Album „Alcachofa“ („Artischocke“) barst vor der ihm eigenen Musikalität, die ihm auch ECM-Chef Eicher zuschreibt. Villalobos wurde als DJ überall gebucht, und er spielte überall, jahrelang. Er bewies erstaunliche Ausdauer und produzierte zunehmend abstraktere, reduziertere, verspieltere, kaum noch tanzbare Platten. Früh wandte er sich gegen „Orgasmus-House“, dem es nur um den nächsten Höhepunkt gehe.

Popautor Tobias Rapp schrieb, Villalobos sei der unwahrscheinlichste Star im DJ-Zirkus, weil er den eigenen Ruhm nicht mit immer mehr vom Selben mehre. Sein bislang letztes Album „Vasco“, benannt nach seinem Sohn, war bereits Jazz mit elektronischen Mitteln, auch frühere Alben waren schon viel freier in ihren Formen, als es ein Tanzboden zuließe.

Außer wenn er selbst auflegt. Der heute 40-Jährige und zweifache Vater mag beim Jazz angekommen sein, die Party verließ er jedoch nie. Und die Tänzer folgen ihm selbst bei eigentlich unmöglichen Stücken. „Auflegen ist das Wichtigste“, sagt Ricardo Villalobos. Er will die Musik voranbringen. Aber eben auch die Menschen.

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