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Chronik einer Katastrophe Kampf ums Überleben

Wie die Menschen in Haiti nach dem schweren Erdbeben weiterleben - und was sie jetzt vom Rest der Welt erwarten. Ein Rückblick auf elf Tage zwischen Bangen und Hoffen. Von Thomas Wolff

22.01.2010 12:01
Thomas Wolff

Plünderer in Port au Prince (afp)

Dienstag, 12. Januar

Niemand kann sich wappnen für einen solchen Moment. Dass ein großes Beben kommen würde, dass Haiti eine Katastrophe drohe, weil die Insel an einer geologischen Bruchlinie liegt, haben Experten oft prophezeit. Einen genauen Zeitpunkt konnte freilich niemand bestimmen. Am Dienstag, dem 12. Januar 2010, um 16.53 Uhr Ortszeit, eine Stunde vor Einbruch der Dunkelheit, ist er gekommen.

Es beginnt mit einem Rütteln, wie so viele kleinere Beben in den vergangenen Jahren. Doch es wird rasch stärker, zerrt mehr als eine Minute lang an Gebäuden, lässt Straßen aufbrechen, stürzt Masten um. Die rund zwei Millionen Menschen in der Hauptstadt Port-au-Prince wie auch die in den kleineren Städten laufen in Panik aus ihren einstürzenden Häusern ins Freie. Betondecken fallen in sich zusammen, vor allem dort, wo schnell und billig gebaut wurde. Tausende Wellblechhütten an den Hängen, auf Müllberge gebaut, kommen ins Rutschen. Schmerzens- und Entsetzensschreie hallen durch die Straßen - und Gebete.

Eine Staubwolke erhebt sich über der gesamten Stadt, verdunkelt den Himmel. Im Stadtzentrum erleben die Menschen, wie selbst massive Strukturen in sich zusammenfallen: Büro- und Kaufhäuser, Schulen, Hospitäler, die Kathedrale und auch der weiße Palast des Präsidenten René Préval am Champ-de-Mars-Platz.

Dutzende Helfer der UN-Mission Minustah werden unter den Trümmern des Hotels "Christopher" begraben, das ihnen als Hauptquartier diente. Auch der Leiter der Mission, der Tunesier Hédi Annabi, wird dort in den Tod gerissen. Fünf Tage später werden Rettungstrupps seine Leiche finden.

Das Beben zerstört auch das Telefonnetz. Präsident Préval kann seine Minister kaum oder gar nicht erreichen. Der Rest der Welt erfährt erst rund eineinhalb Stunden später von der Tragödie.

In Europa melden die Agenturen zu diesem Zeitpunkt lediglich die Stärke des Bebens: 7,0 auf der Richter-Skala. "Wir haben keine Meldungen über Schäden", zitiert die dpa den Sprecher des Zivilschutzes in Santo Domingo, dem Nachbarstaat Haitis.

Im Internet-Dienst Twitter tauchen erste Fotos auf: Ein kleines Mädchen, völlig von Staub bedeckt, versucht, sich aus einem Schutthaufen zu befreien. "Bald gehen meine Batterien aus, dann kann ich nicht mehr kommunizieren", schreibt ein Twitterer. "Es wird eine lange Nacht, wir schließen alle in unsere Gebete ein."

Einwohner neben einer Leiche(rtr)

Mittwoch, 13. Januar

Brennende Reifen erleuchten in den frühen Morgenstunden Port-au-Prince: Die Überlebenden haben sich eine notdürftige Straßenbeleuchtung geschaffen. Es gibt weder Strom noch Wasser. Vor einem mobilen Krankenhaus des argentinischen Militärs versammeln sich Verwundete und andere Hilfesuchende - eines der wenigen, die noch einigermaßen funktionieren.

Die Ärzte haben in der ersten Nacht rund 800 Opfer behandelt, Wunden versorgt, gebrochene Gliedmaßen geschient. Schwerverwundete werden von Helikoptern des argentinischen Militärs nach Santo Domingo ausgeflogen, das vom Beben kaum betroffen ist. 26 Mal hat die Erde in den neun Stunden nach dem großen Schlag in Haiti gezittert.

Als die Sonne aufgeht, bekommen die Überlebenden, die auf Plätzen im Freien geschlafen haben, einen ersten Eindruck vom Ausmaß der Zerstörung. Nur jedes fünfte Gebäude steht noch; neben den Ruinen ragen schwer beschädigte Fassaden und Träger bedrohlich schräg in den Straßenraum. Aus den Trümmern hören die Rettungskräfte die Schreie von Eingeschlossenen. Schweres Räumgerät ist nirgends aufzutreiben. Ein einziger Bagger wird in der Innenstadt gesichtet. So graben Tausende mit ihren bloßen Händen im Schutt, um ihre Angehörigen zu retten.

78 Stunden, sagen Experten, könne ein Mensch in Staub und Hitze unter Trümmern aushalten. Danach gebe es kaum noch Hoffnung, jemanden lebend zu bergen. An den Straßenrändern werden Leichen gestapelt.

Das Ausland macht den Haitianern Hilfszusagen in Millionenhöhe. Die Vereinten Nationen mobilisieren 30 internationale Teams. Die Bundesregierung verspricht eine "Soforthilfe" von 1,5 Millionen Euro. US-Präsident Obama sagt "jedwede nötige Hilfe" zu. Er werde eine "offensive koordinierte Aktion" starten.

Ein erstes US-Küstenwachschiff trifft vor Port-au-Prince ein. René Préval erklärt US-Medien, er fürchte bis zu 100.000 Todesopfer. Noch sieben Tage später wird es keine genauere Zahl geben.

Wasser ist ein rares Gut(rtr)

Donnerstag, 14. Januar

Die Haitianer sehen viele Helfer nur am Himmel kommen - ein Dutzend Flugzeuge kreist über dem Flughafen von Port-au-Prince, doch keine der Maschinen kann vorerst landen. Nur eine Landebahn ist noch intakt, der Tower schwer beschädigt.

Im Flughafengebäude tagt eine Notstandskommission: vier Mitglieder der haitianischen Regierung sowie ausländische Helfer. Präsident Préval bittet die USA und andere helfende Nationen, vorerst keine weiteren Flüge zu genehmigen, weil der Luftraum schlicht überfüllt ist.

So sind die Überlebenden weiter vor allem auf sich selbst gestellt.Die haben sich Notlager eingerichtet, mit Planen, Laken, Matratzen, die sie ins Freie retten konnten. In den Straßen graben sie weiter nach Überlebenden.

Eine 15-Jährige wird lebend unter der Betondecke ihres eingestürzten Hauses hervorgezogen. 18 Stunden nach dem Beben schafft es ihr Bruder, sie mit einer Schaufel freizugraben. Die Schreie ihrer Tante, die im selben Haus verschüttet liegt, waren schon lange vor der Rettung ihrer Nichte verstummt.

Hilfstruppen weichen aus auf den Flughafen des Nachbarlandes, sechs Stunden per Lastwagen entfernt von Port-au-Prince. Unter normalen Umständen. Nahrungsmittel, Medikamente, Suchhunde, Zelte werden auf den Weg gebracht. Doch der ist umso mehr von Trümmern blockiert, je näher die Helfer der Hauptstadt kommen.

Wasser wird knapp, Lebensmittel sind noch knapper. Die Polizei berichtet von Plünderern in Supermärkten. Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen kündigt an, man wolle Donnerstag 90 Tonnen Fertignahrung schicken. Die früheren US-Präsidenten George W. Bush und Bill Clinton sollen gemeinsam die Haiti-Hilfe koordinieren, erklärt das Weiße Haus in Washington.

Die zertrümmerte Kathedrale(afp)

Freitag, 15. Januar

Das Hotel "Montana" war eine der ersten Adressen für ausländische Gäste auf Haiti. In dem eleganten weißen Gebäude aus den 40ern im Vorort Pétion-Ville graben sich internationale Suchtrupps drei Tage nach dem Beben durch die Ruinen.

200 Gäste sollen hier am Tag der Katastrophe logiert haben, auch Nadine Cardoso-Riedl, die deutsche Besitzerin, war vor Ort. Blauhelm-Retter aus den USA, Kolumbien und Frankreich schicken Suchhunde in die Trümmer - und holen 23 Menschen lebend heraus. Die Deutsche ist nicht unter ihnen.

Auch in der Innenstadt packen französische Helfer mit an, spüren deutsche Hundesuchtrupps zwischen geborstenen Mauern nach Leben, verbinden belgische Ärzte die Menschen, die bisher mit offenen Brüchen und zerfetzten Gliedmaßen auf der Straße gelegen haben.

Doch es sind viel zu wenige Helfer - die Überlebenden geraten in Wut. Aufgebrachte Menschen türmen die Leichen zu Barrikaden auf, zu Bergen mit hunderten zerschmetterten Körpern - ein Fanal. Eines der Lagerhäuser der Vereinten Nationen wird von Plünderern ausgeräumt.

"Drei Tage und noch immer keine Hilfe", sagt ein Einwohner im Fernsehen. "Ich verstehe einfach nicht, was da los ist."Soldaten der US-Luftwaffe übernehmen die Verwaltung des Flughafens. Per Laptop versuchen sie, den Flugverkehr zu regeln.

Allen anfliegenden Helfern steht weiter nur eine Piste zur Verfügung. Zwei Tankwagen, ein Schlepper sind intakt. Immer wieder drehen über Port-au-Prince kreisende Flieger mit Ärzten, Medikamenten, Wasseraufbereitungsanlagen ab in Richtung Dominikanische Republik.

Die Vereinten Nationen bitten um Spenden, um zwei bis drei Millionen Haitianer mit Essen und Trinken versorgen zu können. So viele sind nach letzten Schätzungen vom Beben betroffen. Die Weltgesundheitsbehörde erklärt, man brauche mehr Leichensäcke.

Menschen kämpfen um Lebensmittel(rtr)

Samstag, 16. Januar

Auf der Straße nach Carrefour, einem Vorort der Hauptstadt, brennt ein riesiger Berg aus Reifen, Trümmern und Leichen. Etwa 30 Menschen wollen so ihrem Zorn über die langsamen Aufräumarbeiten Luft machen. "Sie haben schon Leichen weggebracht, aber es sind noch viel mehr hier", erklärt der Voodoo-Priester Charles Weber.

Bei 30 Grad im Schatten verwesen die Körper hunderter Toter an den Straßenrändern. Der süßliche Verwesungsgeruch breitet sich im gesamten Stadtgebiet aus. Die Gefahr einer Epidemie bestehe nicht, erklären Fachleute. Ab Anfang kommender Woche verspricht Interpol Hilfe bei der Identifizierung der Opfer. Bis dahin sollen sie nur knapp unterhalb der Erde begraben werden.

Die ersten Massengräber werden ausgehoben, in die Lastwagen Berge von Leichen abladen. Die Hoffnung auf eine Priesterweihe haben viele Angehörige aufgegeben. "Wir haben den Respekt vor unseren Toten verloren", klagt ein alter Mann am Rande einer der Gruben.

Im Zentrum hacken Anwohner die Asphaltdecke ihrer Straße auf. Sie suchen nach der Wasserleitung. Tatsächlich gelingt es ihnen, das Rohr anzuzapfen. Menschen strömen herbei, um an das rare Lebensmittel zu kommen. Wasseraufbereitungsanlagen seien unterwegs, heißt es.

Hotelbesitzerin Nadine Cardoso-Riedl wird in den Trümmern des Montana aufgespürt - und lebend geborgen. Die 62-Jährige ist stark ausgetrocknet, aber unverletzt. In einem Hohlraum hat sie überlebt und per Telefon eine SMS geschickt, so dass die Retter die Verschüttete schließlich finden konnten. Einsatzkräfte vermuten unter den Trümmern des Hotels noch bis zu 200 Opfer.

In einem Zelt treffen sich Präsident Préval und die US-Außenministerin Hillary Clinton. Die Vereinigten Staaten, erklärt sie, "werden heute hier sein, morgen und in der Zukunft auch". Ihr Flugzeug bringt Medikamente und Lebensmittel. Auf dem Rückflug nimmt sie 50 Haitianer mit US-Pass mit in die USA.

Samuel Jachond überlebte unter Trümmern(rtr)

Sonntag, 17. Januar

Sobald die Sonne aufgeht, kehren Ärzte, Schwestern, Helfer zurück in die mobilen Operations-Camps, die sie in der Stadt aufgeschlagen haben. In der Nacht müssen sie die Verwundeten sich selbst überlassen.

Diebe, Plünderer, gewalttätige Gangs machen an vielen Stellen die Stadt unsicher. Die gab es schon immer in Port-au-Prince, heißt es. Dass nach dem Beben rund 4000 Verbrecher aus dem Staatsgefängnis geflohen sind, trägt einiges zur Unsicherheit bei. Mit Pistolen und Sturmgewehren jagen Banden auf Motorrädern durch das Elendsviertel Cité Soleil, terrorisieren die vom Beben verschreckten Slumbewohner.

Hunderte Menschen stürmen an diesem Sonntag einen Supermarkt. Nach einer kurzen Warnung eröffnen Polizisten das Feuer auf die Leute, mindestens einer kommt zu Tode. Es kommt zu weiteren Plünderungen an diesem Tag. Zu Hunderten verlassen die Menschen die Hauptstadt. Sie suchen Unterschlupf in den ländlichen Regionen, von denen sie hoffen, dass sie dort weniger Zerstörung und weniger Gewalt vorfinden.

Die medizinischen Helfer operieren Verletzte, versorgen Entzündungen, amputieren Gliedmaßen, um Leben zu retten. Strom gibt es immer noch nicht. Angehörige halten Kerzen um die improvisierten OP-Tische. Es fehlt an Schmerzmitteln, Spritzen, Verbandsmaterial, Handschuhen, Schutzmasken. "Innerhalb der nächsten 24 Stunden muss ein Drittel der Patienten dringend operiert werden", sagt Jennifer Furin, Ärztin einer Privatklinik, dem Sender CNN, "sonst sterben sie."

FR-Reporter Klaus Ehringfeld besucht mit anderen Journalisten einen Friedhof :

"Aufgedunsene Bebenopfer, die wie Puppen aussehen, werden in Massengräber verklappt", notiert er. "Davor liegen drei Jungen, angeblich Plünderer, die vor Minuten von der Polizei erschossen wurden. Etwas abseits stirbt auf dem Bürgersteig ein vierter. Ein Dutzend Menschen sieht ihm dabei zu, eine US-Fotografin schießt ein Close-Up von der Brustwunde. Der Sterbende röchelt mit letzter Kraft und bittet die Reporterin um Hilfe. Sie drückt auf den Auslöser und zieht wieder ab."

UN-Generalsekretär Ban Ki Moon besucht die Stadt. Er bittet die Opfer der Katastrophe um Geduld. Er erklärt, das Welternährungsprogramm (WFP) habe schon 40.000 Menschen versorgen können. Die Zahl werde innerhalb von zwei Wochen auf eine Million steigen.

Pakete der US-Army für die Erdbeben-Opfer(getty)

Montag, 18. Januar

Tausende Kinder irren durch die Straßen der Hauptstadt. Verwundet, nur zum Teil notdürftig verbunden, schwer traumatisiert. Helfer versuchen, sie außerhalb der zunehmend gefährlichen Stadt unterzubringen. Einige wenige Waisenhäuser im Großraum Port-au-Prince hat das Beben nicht zerstört.

Als Helfer der Hilfsorganisation World Vision ein Heim in der Stadt Delmas erreichen, strecken ihnen auch dort Dutzende Kinder die Arme entgegen. Die meisten sind erschöpft, leiden unter Durchfall, Erbrechen, Hautausschlag. Seit zwei Tagen sind sie ohne frisches Wasser. Die Leiter des Waisenhauses hatten sich damit beholfen, Wasser aus dem Fluss zu holen und es abzukochen.

Einige hundert Kinder dürfen sich Hoffnungen machen, das Chaos bald verlassen zu können. Hunderte von Adoptionsverfahren laufen, eingeleitet bereits vor dem Beben. Die Niederlande, Israel, Frankreich sagen zu, diese Kinder schnellstmöglich auszufliegen. Alle von Franzosen adoptierten Kinder will die Regierung umgehend nach Frankreich holen, sagt Entwicklungsstaatssekretär Alain Joyandet. Es müssten nur "die Papiere in Ordnung sein". In Europa warnen Experten vor Kinderhandel.

Haitis Regierung ruft am sechsten Tag nach dem Beben offiziell den Notstand aus und setzt eine einmonatige Staatstrauer an. Die EU sagt 420 Millionen Euro als "Soforthilfe" zu. Bill Clinton trifft ein, um sich als Koordinator der internationalen Hilfe ein Bild zu machen. Am Flughafen warten hunderte Flüchtlinge auf eine Chance zur Evakuierung. "Nur amerikanische Pässe", ruft ein Angehöriger des US-Außenministeriums am Eingang des Terminals auf Französisch. "Lasst uns die Landebahn stürmen", brüllt ein verzweifelter Mann. Doch der Ansturm bleibt aus.

Die Navy landet am zerstörten Palast(afp)

Dienstag, 19. Januar

Mehrere Dutzend Fallschirmjäger der US-Armee landen im Garten des zerstörten Präsidentenpalastes. Vor dem Zaun haben sich hunderte Überlebende in einem Lager eingerichtet. In der Nachbarschaft stehen Menschen diszipliniert Schlange, um von einer der zentralen Verteilungsstellen Wasser zu bekommen.

Einheiten der US-Marines überwachen die Ausgabe. Sie sollen dafür sorgen, dass es kein Gerangel gibt wie andernorts. Viele Menschen begrüßen die US-Soldaten freudestrahlend und schwenken die Arme. "Die einzige Hoffnung sind die Amerikaner", sagt Wawa, ein Bewohner des Slumviertels Aviation, einem deutschen Reporter. "Ich glaube, dass die US-Soldaten den Banden das Handwerk legen werden."

Das Stadtzentrum ist für viele Einwohner zur Sperrzone geworden. Zahllose Feuer hüllen die ganze Stadt in eine riesige Rauchwolke. Nach Tagen der Plünderungen und nächtlichen Schießereien bewegen sich viele Menschen ängstlich durch die Straßen. Immer noch graben sie im Schutt nach Überlebenden, auch wenn die Bergungshelfer ihnen eine Woche nach dem Beben keine Hoffnung mehr machen. 1820 Spezialkräfte und 175 Hunde haben bisher 90 Menschen lebend aus den Trümmern geborgen.

Aus der Luft werfen US-Flugzeuge Wasser und Pakete mit Lebensmitteln ab. Nach Protesten des haitianischen Regierung stellen sie das Manöver am Nachmittag wieder ein. "Zu hohe Streuverluste", heißt es offiziell.

Das Welternährungsprogramm hat inzwischen eine Million Essensrationen an 200.000 Menschen in Haiti verteilt. Es wird geschätzt, dass 3,5 Millionen Menschen auf Hilfe angewiesen sind. Die Zahl der Toten beziffert die Regierung nun auf bis zu 200.000.

Mehr als 70.000 Menschen seien bereits beerdigt. Der amtierende Chef der UN-Mission in Haiti, Edmond Mulet, erklärt in einer Videokonferenz: "Die allgemeine Lage ist stabil, die Situation unter Kontrolle."

Die Spendengala "Wir wollen helfen - ein Herz für Kinder" im ZDF bringt mehr als 20,5 Millionen Euro für eine konzertierte Haiti-Hilfe zusammen.

Reporter bestürmen eine gerettete US-Bürgerin(afp)

Mittwoch, 20. Januar

Um 6.03 Uhr bebt die Erde erneut. FR-Reporter Klaus Ehringfeld spürt, wie das Haus seiner Gastgeber wankt wie ein Schiff bei Seegang. Er notiert in sein Tagebuch: "Mein Herz beginnt zu rasen, ich springe auf. Als ich an der Tür ankomme, ist alles vorbei. Die Kabel vor dem Fenster baumeln noch mehrere Minuten weiter. Später höre ich, dass das Beben vom 12. Januar 32 Mal stärker war als das Nachbeben."

In Schlafkleidung rennen Menschen aus den noch stehenden Häusern ins Freie. Ein bereits geschädigtes Gebäude in der Innenstadt fällt in sich zusammen, die Trümmer erschlagen 20 Straßenhändler, die hier nachts ihre Ware gelagert haben. Wie viele Opfer die neue Erschütterung insgesamt gefordert hat, kann niemand beziffern.

Die Bergungsarbeiten, fürchten einige Helfer, dürften nun noch schwieriger werden. Und doch: Nachbarn ziehen an diesem Tag ein elfjähriges Mädchen aus den Resten ihres Wohnhauses, nach acht Tagen ohne jegliche Versorgung. "Es ist ein wahres Wunder, sie kommt Stück für Stück zurück ins Leben", sagt die Ärztin Dominique Jean.

Am Flughafen weisen die Militärs ein Flugzeug der internationalen Organisation "Ärzte ohne Grenzen" ab. Das sei der dritte Vorfall dieser Art seit Sonntag, klagen die Helfer. Die Gründe sind unbekannt.

Das Flugzeug sollte zwölf Tonnen Hilfsgüter, darunter Medikamente, chirurgisches Material und zwei Dialysemaschinen, zu den Erdbeben-Opfern bringen. Die US-Koordinatoren erklären, es gebe keine Bevorzugung amerikanischer Maschinen.

Die Vereinten Nationen erklären, das Gerangel am Flughafen sei entschärft. Die UN-Friedensmission auf Haiti, die US-Luftwaffe und das UN-Welternährungsprogramm hätten sich auf eine Prioritätenliste für eintreffende Flüge geeinigt. Derzeit dürfen bevorzugt Flugzeuge landen, die Geräte für die Trinkwasseraufbereitung, Nahrungsmittel und medizinische Güter an Bord haben.

Eine ISAR-Mitarbeiterin forscht nach Leben(afp)

Donnerstag, 21. Januar

Bei der Hilfe für die Erdbebenopfer in Haiti sind die Anfangsprobleme nach den Worten von UN-Generalsekretär Ban Ki Moon überwunden. "Ich weiß, dass es in den ersten Tagen gewisse Verzögerungen gab. Aber mittlerweile haben wir ein sehr effektives System aufgebaut, um Engpässe zu umgehen", sagt Ban in New York nach einem Gottesdienst für die Toten des Bebens. "Wir haben an Land fünf Transport-Routen aufgebaut und die Flughafenkapazität erhöht. Wo und was auch immer an Hilfsgütern ankommt, hat jetzt absolute Priorität."

Auf Bettlaken haben Obdachlose eines Lagers in Port-au-Prince ihre Hilferufe geschrieben. "Helft uns! Wir brauchen Essen!" Die Hilfsorganisationen beginnen, Essen in größeren Mengen zu verteilen. Auf dem Gelände einer Schule warten die Bewohner des Camps, etwa 6000 Menschen, in einer friedlichen Schlange auf die angekündigten Rationen der Deutschen Welthungerhilfe. Zehn Soldaten und Polizisten sollen die Aktion sichern.

Die Lebensmittel kommen, dann entsteht Gedränge: Von hinten schiebt ein Pulk von 200 jungen Männern die Wartenden beiseite, reißt die Säcke mit Bohnen, Reis, Salz an sich und verschwindet. Frauen, Kinder, Alte sehen entmutigt zu. Für viele von ihnen wäre es die erste große Lebensmittelausgabe seit dem Beben gewesen.

Im Hafen von Port-au-Prince besteigen mehr und mehr Überlebende Boote, um vor dem Chaos zu fliehen, mit welchem Ziel auch immer.Fürs Aufräumen sollen die Haitianer künftig ein Entgeld bekommen, schlägt die Chefin des UN-Entwicklungshilfeprogramms, Helen Clark, in New York vor.

Fünf Dollar am Tag sollen bis zu 220.000 Menschen bekommen. Der UN-Sondergesandte für Haiti, Bill Clinton, unterstützt das Programm "Cash For Work": "Es ist wichtig, den jungen Leuten etwas Positives zu geben, woran sie sich festhalten können. Viele Haitianer wollen mitmachen beim Aufbau ihres Landes. Geben wir ihnen diese Chance!"

Die USA werden Flüchtlinge ohne US-Pass weiterhin kompromisslos nach Haiti zurückschicken, erklärt Hillary Clinton.

Am Hafen versuchen Tausende zu flüchten(getty)

Freitag, 22. Januar

Am zehnten Tag nach dem Beben kommt die Wirtschaft allmählich wieder in Gang. Die ersten Banken öffnen für kurze Zeit die Schalter, auch die Geldtransfer-Büros. Es bilden sich lange Schlangen. Die Haitianer erwarten dringend die Überweisungen ihrer Verwandten in den USA, Kanada und Frankreich.

Mittlerweile gibt es in Port-au-Prince zwar wieder Waren zwar zu kaufen, aber weder Kaufkraft noch das notwendige Bargeld sind vorhanden. Auch kleinere Supermärkte öffnen wieder ihre Türen. Unterdessen stellen erste Rettungsteams die Suche nach Verschütteten ein.

Dann ein Wunder: Zehn Tage nach dem verheerenden Erdbeben in Haiti wird eine 84-Jährige lebend aus den Trümmern geborgen. Freunde hätten die Frau aus ihrem eingestürzten Haus in der Hauptstadt Port-au-Prince befreien können, sagte ihr Sohn. Die alte Dame befindet sich nun im Krankenhaus. Nach Angaben eines Helfers hat sie zahlreiche gebrochene Rippen.

Der Schwerpunkt der Unterstützung für die rund drei Millionen Opfer der Katastrophe liegt jetzt auf der medizinischen und psychologischen Betreuung der Verletzten. Zudem sollen Zehntausende Obdachlose in größeren Lager außerhalb der Hauptstadt gebracht werden. Rund eine halbe Million Menschen harrt derzeit in Camps auf Straßen, Plätzen und vor Geschäften aus.

Zehn Jahre, schätzen Experten aus dem Westen, wird es dauern, Haiti wiederaufzubauen.

Mit Klaus Ehringfeld, afp, dpa, rtr, CNN, New York Times, Miami Herald

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