Lade Inhalte...

Chris Hadfield Der mächtige Mann aus dem All

Chris Hadfield ist in Kanada zum Volkshelden geworden, in Sachen Popularität kann er es mittlerweile locker mit Eishockeyhelden wie Wayne Gretzky aufnehmen.

Ein Schnauzbart kehrt heim: Der Astronaut Chris Hadfield wird selbst nicht mehr ins All fliegen, aber auf Erden für die Weiten des Weltraums werben. Foto: nasa

Houston, wir haben einen Superstar“ schrieb die Washington Post am Tag, an dem Chris Hadfield in der kasachischen Steppe aus seiner Sojuskapsel stieg. Die BBC erklärte ihn zum berühmtesten Astronauten seit Juri Gagarin und Neil Armstrong. In seiner kanadischen Heimat ist der singende und twitternde Raumfahrer zum Nationalhelden geworden, zu einer Art Wayne Gretzky aus dem All, der es in Sachen Popularität locker mit dem Eishockeyhelden aufnehmen kann.

Kaum ein Astronaut der letzten Jahre hat die Welt so verzaubert wie der schnauzbärtige Farmersohn aus Ontario. Fünf Monate lang schwebte Hadfield knapp 400 Kilometer über dem Planeten und erklärte den Erdlingen da unten seine Welt. Der erste kanadische Kommandant der Internationalen Raumstation (ISS) brachte den Menschen mit Videos, Fotos und Twitter-Nachrichten den Kosmos nahe und hat eine Begeisterung ausgelöst wie in den glorreichen Tagen der Sputniks und Apollos.

Hadfield hat vor den Augen der Welt geweint, geschlafen und sich die Zähne geputzt, um zu demonstrieren, wie das in der Schwerelosigkeit funktioniert. Er hat junge Menschen ermutigt, ihre Träume zu leben. So wie er es als Neunjähriger tat, als er im Fernsehen Neil Armstrongs Schritte auf dem Mond verfolgte und beschloss, Raumfahrer zu werden.

Unvergessen ist das Telefonat mit seinem Landsmann und Star-Trek-Schauspieler William Shatner alias Captain Kirk. Diesem gestand er, dass auch Astronauten Angst haben. „Meine größte Angst ist es, irgendwann an Bord nicht zu wissen, was zu tun ist.“ Deshalb hat er sein Leben damit verbracht, sein Handwerkszeug zu lernen: Erst als Maschinenbaustudent und Ingenieur, dann als Kampfpilot der kanadischen Luftwaffe und zuletzt als Raumfahrttechniker.

Legendär ist auch sein Song, den er auf der Brücke der ISS aufgenommen hat, seine Version des David-Bowie-Klassikers „Space Oddity“. Es ist das erste Musikvideo aus dem All, dass mehr als 15 Millionen Menschen auf Youtube angeklickten.

Doch was macht ein Überflieger, wenn er auf den Erdboden zurückkehrt? Nach 146 Tagen der Schwerelosigkeit lernt Hadfield im Nasa-Raumfahrtzentrum in Houston, wieder zu gehen und Hände zu schütteln. Er kämpft gegen Übelkeit und Schwindel. Mitte Juni wird er nach Hause zurückkehren. Bei der kanadischen Raumfahrtbehörde in Montreal werden sie ihm einen triumphalen Empfang bereiten. Am Nationalfeiertag am 1. Juli wird er in Ottawa an der große Parade teilnehmen, danach besucht er das weltgrößte Rodeo, die Calgary Stampede. Viele wichtige Politiker werden sich in seinem Ruhm sonnen und viele Top-Journalisten ihn interviewen wollen.

Mit Leib und Seele Wissenschaftler

Und dann? Für weitere ISS-Missionen ist der dreifache Vater mit 53 Jahren wohl zu alt. Seine jüngeren Nachfolger stehen schon in den Startlöchern. Er könnte Bücher schreiben, Vorträge halten, in der Talkshow von David Letterman auftreten und viel Geld verdienen. Doch Hadfield ist mit Leib und Seele Wissenschaftler, ein Missionar aus einer Welt, über die die Menschheit noch immer wenig weiß. Er will etwas bewegen.

Ausgerechnet in einer Zeit, in der es um die Raumfahrt nicht zum Besten steht. Die Nasa hat ihre Space Shuttles ausrangiert und die kanadische Space Agency steht vor massiven Budget-Kürzungen. Im Sender CTV warb Hadfield dennoch leidenschaftlich für neue Raumfahrtprogramme: „Das Geld ist es allemal wert. Der Weltraum ermöglicht unbezahlbare Perspektiven.“

Sein Wort hat Gewicht. In seiner Heimat hoffen viele, dass er den vakanten Chefposten der kanadischen Raumfahrtbehörde übernimmt, um ihr neuen Glanz zu verleihen. Auch als Politiker wird er gehandelt, schließlich zog es viele Raumfahrer in Parteien und Parlamente. Der erste kanadische Raumfahrer Marc Garneau ist bei den Liberalen aktiv. John Glenn, erster Amerikaner, der die Welt umkreiste, saß lange im US-Senat. Hadfield sagt, derzeit habe er keine Ambitionen, ganz ausgeschlossen hat er es aber nicht.

Kurz vor seiner Rückkehr zur Erde am 14. Mai setzte Chris Hadfield einen letzten Tweet ab. Draußen erschien gerade die Sonne am Horizont und färbte den Erdball in leuchtendes Rot. „Viele von Euch glauben vielleicht, dass dies hier ist ein Sonnenuntergang ist“, schrieb Hadfield seinen Millionen Fans, fügte dann aber hinzu: „Tatsächlich ist es ein neuer Morgen.“ Danach stieg er in seine Kapsel und kehrte zur Erde zurück. Eine neue Etappe seiner Zeitreise kann beginnen.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen