Lade Inhalte...

Chinesische Familienpolitik Abtreibung mit Rabatt

Viele junge Chinesinnen werden ungewollt schwanger: ein Geschäft für Privatkliniken. Die bieten inzwischen schon Schülerrabattkarten an, den der Eingriff ist in China Routine, die Aufklärung mangelhaft.

Kondome sind auf der Herrentoilette erhältlich. Foto: Getty Images

Die Angst vor dem, was kommt, steht dem Mädchen ins Gesicht geschrieben. Blass und schmal lehnt es an der Wand, die Augen verheult. Im Arm hält es eine Puppe, obwohl es dafür eigentlich zu alt ist. 14 sei sie, sagt die Chinesin, doch in der einschüchternden Sachlichkeit des Krankenhausflurs fühlt sie sich nicht mehr als Frau, sondern wieder als Kind.

Auch der schlaksige Teenager, der verlegen neben ihr steht, ist nicht mehr der junge Mann, der er war, als er seine Mitschülerin vor einigen Wochen zu sich nach Hause lockte. Die Sommerferien hatten gerade begonnen, seine Eltern waren tagsüber bei der Arbeit und so konnte aus ihrer Pausenhofneckerei echte Liebe werden. „Wenn meine Eltern davon erfahren, schlagen sie mich tot“, klagt das Mädchen. „Aber wer hätte gedacht, dass gleich so etwas passieren könnte?“ Soll heißen: Wer hätte gedacht, dass man von Sex schwanger werden kann?

Nach Sommer "Hochsaison" der Abtreibungen

Die Ferien an Chinas Schulen und Universitäten neigen sich dem Ende entgegen, in der „Abteilung für Familienplanung“ des Pekinger Frauenkrankenhauses herrscht das, was die Frau am Empfang als „Hochsaison“ bezeichnet. „Viele Mädchen werden im Sommer schwanger und kommen dann zur Abtreibung“, sagt sie. „In normalen Zeiten machen unsere Ärzte sieben bis zehn Operationen am Tag, aber jetzt sind es häufig dreimal so viele.“ Das Prozedere ist einfach: Nummer ziehen, warten, abtreiben, bezahlen. 1?000 Yuan (108 Euro) kostet der Eingriff. „Für 2?000 Yuan bieten wir auch eine Behandlung mit weniger Schmerzen und geringerem Risiko“, erklärt die Empfangsdame. „Weil das viele Frauen wollen, geht das nur mit Anmeldung.“

Schwangerschaftsabbrüche gelten in China als medizinische Routinebehandlung. Einen Termin zu bekommen, ist so simpel wie zur Zahnsteinentfernung oder Warzenvereisung – und Millionen Chinesinnen machen davon Gebrauch. Über die damit verbundenen Risiken wissen viele ebenso wenig Bescheid wie über Verhütung. Die Folgen sind dramatisch: Bleibende Schäden durch mehrfache, oft unter schlechten Bedingungen durchgeführte Abtreibungen sind ein Hauptgrund, weshalb acht bis zehn Prozent aller chinesischen Paare keine Kinder bekommen können, haben Mediziner der Sun-Yat-sen-Universität in Guangzhou herausgefunden. Anfang der 80er-Jahre galten maximal drei Prozent als unfruchtbar.

13 Millionen Abtreibungsoperationen werden in China jährlich vorgenommen, mehr als 35?000 am Tag, so die offizielle Statistik. Da viele Frauen aber in nicht registrierte Arztpraxen oder Privatkliniken gehen, sei die tatsächliche Zahl noch weitaus höher, glaubt Wu Shangchun vom Forschungsinstitut der Nationalen Kommission für Bevölkerungs- und Familienplanung. Da die 1?000 Yuan für die einfache Abtreibung in einem offiziellen Krankenhaus in China viel Geld sind (für viele Arbeiter rund ein Monatslohn), gibt es auch eine Fülle von illegalen Privatärzten, die in Hinterzimmern operieren, häufig unter schlechtesten hygienischen Bedingungen.

Die weite Verbreitung von Abtreibungen ist eine Begleiterscheinung der 1980 eingeführten Geburtenplanungspolitik, der sogenannten Ein-Kind-Politik, deren Durchsetzung maßgeblich darauf beruht, dass unerlaubte Schwangerschaften medizinisch beendet werden, oft unter Zwang und zur Not auch in den letzten Schwangerschaftswochen. Ethische oder religiöse Vorbehalte gegen die Tötung ungeborenen Lebens gibt es in China nicht.

Sexualaufklärung: mangelhaft

Doch gerade weil Abtreibungen Routine sind, ist die Sexualaufklärung in China mangelhaft. Wissen über Sexualität würde Jugendliche nur auf dumme Ideen bringen, lautet die verbreitete Begründung, mit der sich das unangenehme Thema vermeiden lässt. Eine Untersuchung des Schanghaier Armeekrankenhauses 411, das eine Beratungshotline für ungewollt schwangere Frauen betreibt, ergab, dass nur ein Drittel der Anruferinnen über die richtige Art der Verhütung Bescheid wusste – und dass die Anruferinnen immer jünger werden. Andere Studien kommen zu ähnlichen Ergebnissen.

„Was wir über Sex wissen, kommt zum größten Teil von Pornoseiten im Internet“, sagt Xiaoxia, eine 21-jährige Studentin, die in der Pekinger Frauenklinik auf ihren Abtreibungstermin wartet. Ihre Eltern haben nie mit ihr über Sex gesprochen, auch in der Schule gab es keinerlei Sexualkundeunterricht, erzählt sie. „An der Uni mussten wir uns mal einen Vortrag anhören, aber kaum jemand hat zugehört.“

Discount für Studentinnen

Die meisten Frauen sind ohne Begleitung in die Frauenklinik gekommen, nur wenige mit einer Freundin oder der Mutter. Ihre Geschichten zeichnen das Bild einer Jugend, in der Sex unter Schülern und Jugendlichen ein Tabu ist, das täglich millionenfach gebrochen wird. Eine 17-Jährige erzählt, dass sie nicht wisse, wer der Vater ihres Kindes sei. Deshalb habe sie die vier möglichen Kandidaten zusammengerufen und gezwungen, gemeinsam für die Kosten aufzukommen. Eine 20-Jährige ist schon zum dritten Mal in acht Monaten hier. Beim letzten Mal habe der Arzt ihr dringend empfohlen, künftig zu verhüten, sagt sie, aber sie hat den Rat nicht befolgt. „Abtreibungen sind eine gute Art abzunehmen: Vor meiner ersten wog ich 60 Kilo, aber nach der zweiten nur noch 47“, sagt sie und meint das offenbar ernst.

Tatsächlich sind Mehrfachabtreibungen sehr häufig: Eine Untersuchung in zehn Krankenhäusern kam zu dem Ergebnis, dass ein Drittel der Patientinnen innerhalb eines halben Jahres noch eine zweite Abtreibung vornehmen lässt, 17 Prozent sogar drei. Gnadenlose Privatklinikbesitzer sehen das als Chance. „Um eine harmonische Campuskultur zu fördern und die Sexualaufklärung zu verbessern, bieten wir allen Kommilitoninnen Discount an“, heißt es auf einem Flugblatt mit der Aufschrift „Schülerrabattkarte“, das eine Klinik an Universitäten verteilen lässt. Und weiter: „Schwangerschaftsuntersuchung kostenlos. Abtreibung ohne Schmerzen 600 Yuan, für Studenten 300 Yuan. Bewahre diese Karte gut auf! (Nur in Verbindung mit Studentenausweis gültig).“

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum