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Chile Von Waldtrollen und Geisterschiffen

Die Pazifikinsel Chiloé liegt fernab der klassischen Reiserouten. Bis heute pflegen die Bewohner des Eilands vor Chiles Küste die Mythen und Sagen ihrer Vorfahren.

Hier sollten die Chilotes ihren Aberglauben ablegen – und zu Gott finden: Die Kirche San Antonio de Colo. Sie ist eine von insgesamt 16 Holzkirchen auf der Insel, die von der Unesco zum Weltkulturerbe ernannt wurden. Foto: Sophia Boddenberg

Es riecht nach altem Holz und Weihrauch. Die Kirche San Antonio in der Ortschaft Colo ist eine der 150 Holzkirchen auf der chilenischen Pazifikinsel Chiloé. Und eine der 16, die die Unesco im Jahr 2000 zum Weltkulturerbe erklärte. Marta Aquintui, eine kleine Frau mit kurzen, dunklen Locken, wurde auf der Insel Chiloé geboren. Früher führte sie Touristen durch die Weltkulturerbe-Kirche aus Buchen- und Zypressenholz. Die Stiftung „Amigos de las Iglesias de Chiloé“ – „Freunde der Kirchen von Chiloé“ – bezahlte sie dafür, denn die Holzkirchen sind eine Touristenattraktion. Aber heute fehlt es der Stiftung an Geld.
 

Deshalb hat Marta Aquintui nur noch den Schlüssel und öffnet bei Bedarf die Tür der Kirche für Touristen. Der Bau der Kirchen wurde im 17. Jahrhundert von vorwiegend aus Bayern stammenden Jesuiten begonnen und nach deren Ausweisung von Franziskanern weitergeführt. Dass nur noch so wenige Menschen in die Messe kommen, daran sei die katholische Kirche selbst schuld, sagt Marta Aquintui. Denn heute käme ja niemand mehr zum missionieren. „Alle glauben heute an die Hexen“, sagt sie. „Ich glaube nicht daran, aber mir sind ein paar Zweifel gekommen. Es sind zwei Heiler hierhergekommen, die die Aura sehen können. Und die haben mir gesagt, dass mich jemand verhext hat. Das ist der Grund dafür, dass es mir nicht gut geht.“

Die Hexerei hat eine lange Geschichte auf Chiloé. Fünf Kilometer von der Kirche San Antonio entfernt liegt die Ortschaft Quicaví, umgeben von grünen Wiesen, steilen Klippen und dem Meer. Hier befindet sich den Legenden nach das Zentrum der Hexen-Organisation „La Recta Provincia“ – „die Provinz der Aufrechten“.


Mabel Barrientos ist 38 Jahre alt und wohnt in der Nähe von Quicaví. Sie vermietet mit ihrem Mann Ferienhäuser mit Meerblick und hat ein kleines Restaurant. Heute hat sie für die Gäste ein Lamm am Spieß gegrillt. Ein süßlicher Geruch nach Fleisch und verbranntem Holz liegt in der Luft. Mabel Barrientos und ihr Mann erzählen von einem Hexer namens Zapata, der in der Nähe gelebt haben soll. „Die Polizei nahm ihn fest und sagte ihm, er solle fliegen, um zu zeigen, dass er wirklich ein Hexer ist. Und er ist geflogen. Dann haben sie ihn umgebracht. Als sie ihn beerdigt haben, haben sie einen großen Stein auf sein Grab gelegt, damit er nicht herausfliegen kann“, erzählt Mabel. Den Stein kann man heute auf dem Friedhof von Quicaví besichtigen. Die meisten Hexen seien böse, sagt Mabel. Als sie und ihr Mann Kinder waren, erzählten die Eltern ihnen die Hexen-Geschichten.

Verteidigung der Bevölkerung gegen die Eroberer

Ihr Mann Juan Carlos Muñoz ist 45 Jahre alt und arbeitet als Schreiner. „Mein Vater erzählt, dass er ein Geisterschiff mit eigenen Augen gesehen hat. Und auch die Hexen. Deshalb glaube ich auch, dass sie existieren. Sie sind jetzt mehr im Verborgenen, weil es so viel Technologie gibt. Aber es gibt sie“, sagt er.

Den Legenden nach müssen die Hexen vor ihrem Tod ihre Fähigkeiten an jemanden weitergeben, sonst können sie nicht sterben. Das nennen die Bewohner Chiloés umgangssprachlich „die Weste weitergeben“. „Die Weste ist die Macht“, erklärt Juan Carlos. „Damit können sie fliegen. Und sie wird aus Menschenhaut gemacht. Wenn jemand stirbt, gehen sie auf den Friedhof und reißen ihm die Brust heraus. Um Hexe zu werden, müssen sie 40 Tage unter einem Wasserfall stehen und dann eine Eidechse auf der Stirn tragen. Um zu zeigen, dass sie wirklich mächtige Hexen sind.“

Die Insel Chiloé ist circa 180 Kilometer lang und 50 Kilometer breit. Wälder, grüne Wiesen und felsige Küsten prägen die Landschaft. Kühe, Schafe und Pferde. Die etwa 150 000 Bewohner werden Chiloten genannt und die meisten leben als Selbstversorger von der Landwirtschaft und vom Fischfang. Aber durch die zunehmende Industrialisierung haben viele ihre Arbeit verloren. Um der Landbevölkerung eine neue Einkommensquelle zu verschaffen, fördert der chilenische Staat deshalb die Entwicklung des „Turismo Rural“, des Landtourismus. So sollen die Bewohner auf authentische Art den Besuchern die lokale Kultur, Gastronomie und Natur näherbringen. Ein wichtiger Bestandteil der chilotischen Kultur ist die Mythologie der Insel.


Armando Bahamonde ist einer der wenigen Historiker der Insel, die die regionale Kultur erforschen. Er ist der Meinung, dass die Hexerei eine Art Verteidigungsmechanismus der Bevölkerung gegenüber den spanischen Eroberern war. Denn viele Chiloten stammen vom indigenen Volk der Huilliche ab. „Die Hexen-Organisation von Chiloé war eine indigene Widerstandsbewegung, um die Eroberer zu verschrecken. Deshalb haben sie die Hexen-Organisation geschaffen“, sagt Bahamonde. „Sie haben die Spanier mit lokalen Pflanzen vergiftet und getötet.“

Als die Spanier nach Chiloé kamen, entstand ein religiöser Synkretismus. Die beiden Mythologien – die spanische und die indigene – beeinflussten sich gegenseitig, und so entstanden neben der Hexerei auch neue Mythen und Fabelwesen. Wegen des rauen Klimas und der steilen Küsten war die Insel Chiloé lange von Handelsrouten und Zuwanderung abgeschnitten. Und so entwickelten sich die Mythen immer weiter. „Für die, die von außerhalb kommen, sind es Mythen. Aber für uns ist es die Realität. Da wir nirgendwo hingehen können, brauchen wir häufig die Hilfe der Sagengestalten, die uns beschützen“, erklärt Bahamonde.

Verschwindet der Wald, so wird auch der Troll verschwinden

Es riecht nach Moos und feuchter Erde. Der Wald Aucar ist ein besonderer Wald, denn er liegt auf einem Moor. Hier lebt Segundo Aquintuy. Er ist ein kleiner Mann um die 40 mit dunklen Haaren und krächzender Stimme. Er hat den Entdeckungspfad „Turberas de Aucar“ ins Leben gerufen, um Besuchern die Bedeutung des einheimischen Waldes näherzubringen. Viel Wald auf Chiloé wurde durch Holzfirmen und Brände zerstört. Außerdem hat der Abbau von Torfmoos zur Zerstörung der Moore geführt. Das Torfmoos aus Chiloé wird in die ganze Welt exportiert, denn es wird als Verpackungsmaterial, Brennstoff und im Blockhausbau verwendet. Man findet es außerdem als Saugeinlage in Ökowindeln.

„Das Torfmoos ist die Grundlage und der Wasserspeicher unserer Wälder. Wir müssen es nachhaltig abbauen, sonst zerstören wir das gesamte Ökosystem“, sagt Segundo Aquintuy. Eine der bekanntesten Sagengestalten Chiloés ist der „Trauco“, eine Art kleiner Troll, der im Wald lebt und ihn beschützt. Außerdem wird er für ungewollte Schwangerschaften verantwortlich gemacht. Segundo Aquintuy beteuert, er habe schon häufiger Exkremente des Trauco im Wald gesehen, die im Dunkeln gelb leuchten. „Wenn der Wald verschwindet, dann werden wir auch keine Geschichten mehr über den Trauco erzählen. Denn der Wald ist sein Zuhause. Deshalb sollten wir Respekt haben gegenüber der Natur und den Waldbewohnern“, meint Segundo Aquintuy.


Nicht nur im Wald gibt es Sagengestalten, sondern auch auf der See. Das weiß der Fischer Francisco Carcamo. Er ist 54 Jahre alt, hat einen dunkelgrauen Bart und trägt einen roten Fleece-Pullover. Wenn der Fischfang schlecht läuft, fährt er auf seinem weiß-rot angestrichenen Boot Touristen und Bewohner zur Insel Mechuque. Chiloé ist ein Archipel, um die Hauptinsel herum liegen etwa 40 kleinere Inseln. Francisco Carcamo erzählt, dass er einmal Meerjungfrauen gesehen hat. Und vielleicht auch das auf Chiloé berühmte Geisterschiff „Caleuche“. „Ich habe ein großes Schiff gesehen. Ich weiß nicht, ob es in Richtung Norden oder in Richtung Süden gefahren ist“, erinnert er sich. „Es war sehr groß und komplett erleuchtet. Und dann ist es plötzlich verschwunden. Ich weiß nicht, ob es das Caleuche war, aber ich habe es gesehen“, erzählt er. Das Geisterschiff Caleuche gehört zu den wichtigsten Bestandteilen der Mythologie von Chiloé. Viele Chiloten wollen es gesehen haben. Der Sage nach erscheint es als leuchtendes Segelschiff mit fröhlicher Musik und Geräuschen von schweren Ankerketten. Manche sagen auch, dass Hexen auf dem Schiff tanzen.

Angekommen auf der Insel Mechuque riecht es nach einer Mischung aus geräuchertem Fleisch und Fisch. Fröhliche Musik ertönt aus einem Garten, der zu einem kleinen Restaurant gehört. Francisco Carcamos Cousine Nidia Aguilar bereitet für 35 Touristen Curanto zu – ein typisches chilotisches Gericht aus Fleisch, Fisch und Meeresfrüchten, das stundenlang in der Erde auf heißen Steinen gegart wird. Schon vor Tausenden von Jahren aßen die Chiloten diesen Eintopf aus der Erde. Das Rezept wird von Generation zu Generation weitergegeben. Bei Touristen ist er besonders beliebt.

Nidia Aguilar ist eine kleine Frau mit dunklen Haaren, einem freundlichen Lachen und einer markanten Nase. Aus wirtschaftlicher Not heraus hat sie mit staatlicher Unterstützung ein Restaurant eröffnet, das jetzt zu ihrer Lebensgrundlage geworden ist. Im letzten Jahr kamen 1200 Besucher auf die Insel mit 280 Einwohnern – und es werden jedes Jahr mehr. Die ganze Familie arbeitet im Restaurant. Auch Nidia Aguilars 20-jähriger Sohn Hector. Das ist ungewöhnlich, denn häufig ziehen die jungen Chiloten in die Städte. Nur wenige bleiben auf dem Land und arbeiten in den Familienbetrieben. „Hier gibt es keine Jugend. Die Jugendlichen wollen nicht die Traditionen ihrer Vorfahren weiterführen“, sagt Hector. Das liege auch daran, dass das Leben auf der Insel Mechuque nicht leicht sei. „Im Winter, wenn das Wetter schlecht ist, können wir die Insel nicht verlassen.“

Der Tourismus in den Sommermonaten ist die Lebensgrundlage der Familie für das ganze Jahr. Hector will deshalb im Tourismus arbeiten. „Ich bin hier aufgewachsen, am Meer, auf dem Land. Das gefällt mir“. Das Restaurant trägt den Namen „La Pincoya“, benannt nach einer weiteren Sagengestalt Chiloés, einer Art weiblichem Wassergeist. „Den Namen habe ich ausgewählt, weil Pincoya wie die Göttin des Meeres ist. Sie sorgt für einen Überfluss an Meeresfrüchten“, sagt Nidia Aguilar. „Außerdem mag ich den Namen, weil er aus der Mythologie der Insel stammt. Damit bin ich aufgewachsen – und ich glaube daran.“

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