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Chile Vom Preis der Würde

Ende der Neunzigerjahre wurde öffentlich, wie der Sektenführer Paul Schäfer die Menschen in seiner „Colonia Dignidad“ in Chile missbraucht und unterdrückt hat. Danach: Jahrzehnten des Wegsehens.

Colonia Dignidad
„Schläge, Zwangsmedikation, Elektroschocks, Vergewaltigungen“ – für die Bewohner der Kolonie waren Repressalien an der Tagesordnung. Foto: dpa

Die Jungs schliefen nackt. „Hände an den Seiten, schwarzes Tuch über den Augen, Watte in den Ohren.“ Vor ihren Betten zwei Wärter, die sie nicht aus den Augen ließen. Nacht für Nacht. „Wenn du dich bewegtest oder sich sonst etwas bei dir regte, warst du dran“, sagt Rainer Schmidtke. „Dann kamen sie mit dem Viehtreiber, und du hast was auf die Schenkel oder die Genitalien bekommen. Anschließend wurdest du in die eiskalte Badewanne geworfen.“

Rainer Schmidtke war gerade einmal zehn Jahre alt, als er zum ersten Mal die Stromstöße aus dem Viehtreiber seiner Bewacher zu spüren bekam. Das war in Chile, in der Colonia Dignidad. Der „Kolonie der Würde“. Mehr als vier Jahrzehnte hat der heute 61-Jährige in der berüchtigten Gemeinschaft des pädophilen deutschen Sektenführers Paul Schäfer gelebt. 2005 ist er zusammen mit Ehefrau Irmgard zurückgekehrt nach Gronau im Münsterland, wo beide geboren wurden.

Und jetzt? Jetzt wartet Schmidtke darauf, dass die Deutsche Bundesregierung endlich Verantwortung übernimmt für das, was ihm und 244 weiteren Opfern des Menschenfängers aus dem rheinischen Siegburg in ihrer Kindheit und Jugend angetan wurde. Die Chancen dafür stehen nicht schlecht.

Anfang November beschloss der Haushaltsausschuss, im kommenden Jahr eine Million Euro für die Betroffenen bereitzustellen. Es ist das erste Mal, dass sich eine deutsche Regierung willig zeigt, Menschen wie Schmidtke zu helfen. Dem Beschluss vorausgegangen war ein fraktionsübergreifender Antrag von Union, SPD und Grünen, die Verbrechen in der Colonia aufzuarbeiten und die Opfer wie auch immer zu unterstützen. Wie die „konkreten und direkten Hilfeleistungen“ aussehen sollen, das allerdings steht noch in den Sternen. Das Geld ist mit einem Sperrvermerk versehen. Zunächst soll ein Konzept erarbeitet werden, das die Verteilung regelt. Eine erste Anhörung der achtköpfigen „Gemeinsamen Kommission zur Umsetzung des Hilfskonzepts für die Opfer der Colonia Dignidad“ hat bereits stattgefunden. Eine zweite ist für den 13. Dezember anberaumt. Dabei soll ausgelotet werden, auf welche Weise den Betroffenen am besten geholfen werden kann.

Erste Ergebnisse im Frühsommer

Im Frühsommer wolle man erste Ergebnisse vorlegen, sagt Kommissionsmitglied Michael Brandt. Gedacht sei an eine psychologische Betreuung und an direkte Hilfszahlungen – „Gesten des deutschen Staates“, die das erlittene Unrecht etwas erträglicher machen sollen. Nicht nur für Brandt ist unstrittig, dass deutsche Politiker, allen voran die damaligen Vertreter der Deutschen Botschaft in Chile, weggeschaut haben, als Paul Schäfer Anfang der 1960er Jahre knapp 400 Kilometer südlich der Landeshauptstadt Santiago de Chile seine Schreckensherrschaft errichtete.

„Schläge, Zwangsmedikation, Elektroschocks, Vergewaltigungen“ – Schmidtke benennt nur einige der Repressalien, die für die etwa 350 Bewohner der Kolonie bis in die 1990er Jahre an der Tagesordnung waren. „Wir durften das Gelände nicht allein verlassen und nicht einmal mit unseren Eltern und Geschwistern sprechen.“

Schmidtke ist fünf Jahre alt, als die Eltern – Flüchtlinge aus Ostpreußen, die nach dem Krieg in Gronau gestrandet sind – beschließen, Paul Schäfer nach Chile zu folgen. Der Laienprediger und ehemalige Jugendpfleger hat 1954 in Lohmar-Heide die „Private Sociale Mission“ gegründet, eine christliche Gemeinschaft, in der sexuelle Enthaltsamkeit und der Verzicht auf familiäre Bindungen gepredigt werden. Als Schäfer, der bereits zuvor auffällig geworden ist, 1961 eine Anklage wegen sexuellen Missbrauchs droht, flieht er nach Südamerika.

Lydia und Gerhard Schmidtke sind durch Hugo Baar zu der Sekte gestoßen. Der Baptistenprediger und enge Vertraute Schäfers leitet in Gronau eine baptistische Gruppe und wirbt mit Engelszungen für die „Private Sociale Mission“. Im Juni 1962 besteigt Lydia Schmidtke in Genua mit acht ihrer zehn Kinder ein Schiff nach Chile. Die beiden ältesten Söhne sind bereits vorausgeflogen. Gerhard Schmidtke wird noch in Deutschland gebraucht. Er soll später hinterherkommen. „Auf dem Schiff wurde das Leben schon rauer“, erinnert sich Schmidtke. Zwei Frauen übernehmen das Kommando über die 90 deutschen Kinder an Bord. „Plötzlich hatte Mutti nichts mehr zu sagen.“

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