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Casino-Kapitalismus Poker als Geldanlage

Ein Poker-Fonds trägt die Verluste seiner Spieler und erhält im Gegenzug 50 Prozent der Gewinne. Der Fonds versteht Poker nicht als Glücksspiel, sondern als Geldanlage. Von Serge Debrebant

14.05.2009 00:05
SERGE DEBREBANT
Zwei Asse, die beste Starthand beim "Texas Hold'em"-Poker. Foto: dpa

Es ist schon fast sieben Uhr abends. Die Sonne ist untergegangen, aber John Tabatabai sieht immer noch verschlafen aus. Müde reibt er sich die Augen, schlurft zum Fenster seiner Londoner Wohnung und schaut auf die Themse. Gestern hat er bis sechs Uhr morgens Poker gespielt und 11.000 Euro gewonnen. Heute ist er am Nachmittag aufgestanden, hat sich gleich an den Computer gesetzt und im Internet Poker gespielt. Aber nach einer halben Stunde hat er aufgehört. "Ich habe verloren. Wenn ich verliere, spiele ich nicht weiter", sagt der 23-jährige Brite, dessen Eltern aus dem Iran stammen.

Früher hätte John Tabatabai anders reagiert. Er wäre wütend geworden und hätte versucht, die Verluste auszugleichen, um jeden Preis. "Tilten" nennt man das im Pokerjargon, wenn ein Spieler verliert und deshalb anfängt, irrational zu spielen. Tabatabai hat oft getiltet und mindestens sechsmal jeweils 100.000 Dollar verloren. Aber das ist lange her. Vier Jahre, genauer gesagt. Im Poker eine Ewigkeit.

Das Unternehmen, das Tabatabai beigebracht hat, diszipliniert zu spielen, heißt BadBeat und ist der erste Poker-Fonds der Welt. Dass Pokerspieler sich von Hintermännern Geld leihen, ist nicht neu, doch BadBeat sponsert seine Spieler nicht nur. BadBeat berät, betreut und überwacht sie auch. Der Fonds versteht Poker nicht als Glücksspiel, sondern als Geldanlage. Casino-Kapitalismus sozusagen.

"Als wir anfingen, hat man uns für verrückt erklärt", sagt John Conroy, ein 42 Jahre alter Ire mit Halbglatze und grauen Haaren. Conroy hat BadBeat gemeinsam mit Chris Smith, dem Eigentümer eines Hedgefonds namens Manro Haydan, gegründet. Das Gespräch mit ihm findet in den Büroräumen von Manro Haydan am Hyde Park in London statt. Vor dem Haus nebenan parkt ein Rolls Royce. Zu den Nachbarn gehören der Fernsehsender Al-Jazeera und arabische Banken.

Fonds trägt Verluste und erhält 50 Prozent der Gewinne

Conroy erzählt, wie er Smith vor vier Jahren bei einem Abendessen kennen lernte. Internetpoker boomte. Nach einer Schätzung der Münchner Beratungsfirma MECN wurde damals im Jahr 2005 auf Poker-Websites um mehr als 60 Milliarden Dollar gespielt. Conroy und Smith wollten davon etwas abhaben und legten fünf Millionen Dollar zusammen. Der Name ihrer Firma bezieht sich auf einen Pokerbegriff: Ein Bad Beat hat man, wenn man trotz eines starken Blattes verliert.

Der Fonds bot mehreren Spielern einen Vertrag an: BadBeat stellt das Geld bereit und trägt mögliche Verluste, dafür erhält der Fonds die Hälfte der Gewinne. Einige Spieler, auch John Tabatabai, sagten zu. Aber der Erfolg blieb anfangs aus. Tabatabai verlor 24.000 Dollar, andere Spieler noch mehr. Also stellten die Gründer ihre Strategie um. Von jetzt an wollten sie Pokerspieler wie Aktienhändler behandeln. "Wenn sie verlieren, erhöhen viele Pokerspieler die Einsätze, weil sie die Verluste wieder ausgleichen wollen", sagt Conroy, "Aktienhändler verhalten sich genau umgekehrt: Wenn sie verlieren, verringern sie ihren Einsatz."

BadBeat wirbt nur Online-Spieler an, denn deren Verluste kann man mit einer Software überwachen. Außerdem führte die Firma Limits ein. Solche Limits legen fest, wie viel ein Spieler täglich verlieren darf. Überschreitet ein Spieler sein Limit, muss er einige Tage aussetzen und danach seinen Einsatz verringern. Bei Wertpapierhändlern sind solche Absprachen üblich. Im Poker waren sie neu.

Fonds macht nach dem ersten Jahr nur Gewinne

"Ab dem ersten Jahr hat BadBeat nur noch Gewinne gemacht", sagt Conroy. Zahlen gibt er aber nicht preis. Nur so viel: Die besten Spieler nehmen pro Jahr bis zu zwei Millionen Dollar ein. BadBeat beschäftigt aber auch Hausfrauen und Studenten, die mit Poker nur ein Taschengeld verdienen.

Mittlerweile hat der Fonds rund 250 Spieler unter Vertrag - darunter auch drei Deutsche. Nach Schätzungen sollen rund 260.000 Deutsche im Internet pokern. Genau weiß das aber niemand, denn Internet-Glücksspiele sind in Deutschland verboten. Wer trotzdem zockt, macht sich strafbar.

Das ist auch der Grund, warum Niels Müller seinen richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen will. Er ist 23 Jahre alt, studiert im Ruhrgebiet Mathematik und ist vor einem halben Jahr zu BadBeat gestoßen. "Ich hatte von dem Fonds im Internet gelesen und mich beworben", sagt er. BadBeat interviewte ihn über Internettelefon, sah ihm bei einigen Spielen zu und engagierte ihn dann. Sein Limit beträgt zur Zeit 5000 Dollar.

Tabatabai spielt gleichzeitig zehn Hände

Im Durchschnitt verdient Müller 700 Dollar im Monat, allerdings spielt er nur eine Stunde am Tag. Früher habe er eigenes Geld gesetzt und in drei Jahren rund 15.000 Dollar eingenommen, sagt er. Warum arbeitet er dann mit einem Fonds zusammen, mit dem er sich die Gewinne teilen muss? "Ich habe ein hohes Sicherheitsbedürfnis, deswegen spiele ich nicht gerne mit meinem eigenen Geld. Außerdem kann ich durch BadBeat mit höheren Einsätzen spielen." Mehr als ein Hobby ist Poker für ihn aber nicht.

Das ist bei John Tabatabai anders. Dank BadBeat ist er zu einem professionellen Spieler gereift. Nachdem er 24.000 Dollar verspielt hatte, gab BadBeat ihm eine zweite Chance. Tabatabai nahm Kurse, ließ sich von Mentoren beraten und lernte, mit Disziplin zu spielen: kein Tilten, kein Alkohol, keine Marathon-Sessions. Früher hatte Tabatabai bis zu 36 Stunden am Computer gesessen. Heute macht er Pausen und achtet auf seinen Schlaf und seine Gesundheit.

Mittlerweile gilt er als einer der besten Spieler der Welt. Bei den World Series of Poker 2007 in London wurde er Zweiter und gewann rund 1,1 Millionen Dollar. 2007 und 2008 hat er rund 250.000 Dollar im Internet verdient. Wenn er im Internet spielt, dann arbeitet er durchschnittlich mit bis zu zehn Händen gleichzeitig und beendet seine Schicht nach etwa zehn Stunden. "Trotzdem laugt das auf die Dauer aus", klagt er. Deswegen möchte er sich in Zukunft stärker auf Live-Turniere konzentrieren. "Und vielleicht arbeite ich später einmal als Aktienhändler oder in einer Bank."

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