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Buchautor Der Glücksbote

Noch ein Weltverbesserer: Jürgen Todenhöfer tut viel Gutes und schreibt nun darüber. Anfangs waren die Aufzeichnungen nur für den engsten Familienkreis gedacht.

11.11.2010 16:09
Mark Obert
Jürgen Todenhöfer will die Welt verändern. Foto: dpa/dpaweb

Er hat mit sich gerungen, ob er seinen Lebensbericht und seine Lebensweisheiten, die anfangs nur als „Vermächtnis“ für die Töchter gedacht waren, veröffentlichen soll. Groß war die Sorge, dass er mehr von sich preisgibt, als ihm im Nachhinein lieb sein würde. Vom Suizid des jüngeren Bruders, dem er, damals 23, in schweren Stunden nicht beigestanden hat. Vom Elend der ersten Frau, der er Jahre nach der Scheidung nicht half, obwohl sie ihn, verarmt wie sie war, um Hilfe gebeten hatte. Jürgen Todenhöfer, einst CDU-Bundestagsabgeordneter, bis vor kurzem Medienmanager beim Burda Verlag, seit Jahren einer der lautstärksten Kritiker der Kriege im Irak und in Afghanistan, gibt viel preis in seinem neuen Buch, manches auch unfreiwillig. Stark sind nämlich die Worte, die er für sich und sein Wirken findet. Vermächtnis ist so ein Wort. Einsamkeit ein anderes.

Viele Reisen in den Irak

Die, so schreibt er, umgab ihn an seinem 69. Geburtstag, heute vor einem Jahr, als er an einer schäbigen Imbissbude in New York stand – allein, wie so oft. Warum, das erfährt der Leser nicht. Adler seien Einzelgänger, nur kleine Vögel folgten dem Schwarm, zitiert Todenhöfer einen Weisen, den er auf einer seiner weiten Reisen kennen gelernt hat. Unangepasst, unbequem, unbeirrbar. Der Weg des geringsten Widerstandes war nie seiner, das ist die eine Geschichte, die Jürgen Todenhöfer von sich erzählt. Die andere handelt von einem jung gebliebenen Idealisten, der auch nach Jahrzehnten im Politikgeschäft die fließenden Grenzen zwischen Diplomatie und Opportunismus, Taktik und Lüge kaum erträgt.

In den 80er Jahren forderte er, obwohl als Strauß-Verehrer bekannt und damals noch als rechter Hardliner verschrien, die Zahl sowjetischer und US-amerikanischer Interkontinentalraketen zu halbieren, wofür er in der eigenen Partei angegriffen wurde. Gleichzeitig stritt er für die Wiedervereinigung als Ziel im CDU-Programm – ebenfalls gegen den Willen von Kanzler Kohl.

Am 3. Oktober 1990 war es Kohl, dem die Massen zujubelten. Er, Todenhöfer, stand dabei und doch im Abseits. Seit George Bush senior den Irak angriff, ist er immer wieder dorthin gereist, hat in Essays und Büchern vom Leid der Bevölkerung berichtet und Hilfsprojekte unterstützt. Einmal begleitete ihn ein Bundestagsabgeordneter in den Irak und bekannte, beeindruckt von der Gastfreundschaft: „Wir fallen auf unsere eigene Propaganda herein.“

In seinem neuen Buch erwähnt Todenhöfer den Namen nicht. Er beklagt politische Zustände, aber er rechnet nicht mit den Akteuren ab. Analysen der Macht liegen ihm fern, er will mehr: für die Basiswerte menschlichen Miteinanders werben. Selbst ersonnene Aphorismen und Sinnsprüche künden davon auf bald jeder Seite. „Teile dein Glück – und du veränderst die Welt“ heißt sein Buch.

Was die Lektüre erahnen lässt, wird beim Treffen in seinem Münchner Büro Gewissheit: Todenhöfer glaubt an sein Sendungspotenzial, den nötigen Furor hat er. Es hebt ihn regelrecht aus dem Stuhl, wenn er von der Arroganz der Mächtigen spricht, von der Mitleidlosigkeit des Westens, davon, wie ihn die Scham packte, als ihn ein Junge in einem von US-Soldaten zerstörten afghanischen Dorf fragte: „Was haben wir euch nur getan?“

Demonstrative Bescheidenheit

Irgendwann haben ihn die Töchter dann dazu ermutigt, solche Erfahrungen und die daraus resultierenden Lehren ins Volk zu tragen. Er selbst sagt es so: „Ich habe die wichtigsten Philosophen vieler Kulturen gelesen, aber auf meine Fragen keine Antworten erhalten. Es war an der Zeit, dieses Buch zu schreiben.“ Das ist überraschend unbescheiden, wo er doch Bescheidenheit zu einer jener unverzichtbaren Tugenden zählt, die er aufgelistet hat. Klugheit, Herzlichkeit, Familiensinn, die Liste erstreckt sich über zwei Seiten. „Ich weiß schon, dass einige jetzt sagen werden: ,Der Todenhöfer hat gut reden’“, sagt er. Natürlich könnte man ihm das vorwerfen. Unbeherrscht sei er ja zuweilen, unduldsam, unpünktlich immer. Zwei Ehen sind gescheitert. „Ich bin kein einfacher Mensch“, sagt er.

Bescheidenheit aber gehöre zu seinen Stärken. Dass er keinen Wert auf Statussymbole legt, weiß er zu demonstrieren. Vor einem alten Holztor empfängt er an diesem Novembermittag und führt sogleich in einen schmalen Hinterhof, in dem sein Vermieter Hasen züchtet. Im Hinter- und Vorderhaus hat er Räume einrichten lassen für die Stiftung Sternenstaub, die viele seiner Hilfsprojekte zum Beispiel im Irak finanziert. „Ich hätte auch repräsentativere Räume mieten können“, sagt er. An den Wänden seines Büros hängen Computeranimationen des Weltalls, Milliarden Galaxien, und jede von ihnen mit Milliarden Sternen. „Das zeigt mir, wie klein wir sind.“

Beim Abschied wird Jürgen Todenhöfer sagen: „Ich hoffe, mein Buch verändert die Welt.“

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