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Buch Jörg Kachelmann Rachegelüste und tiefe Narben

Für Sachlichkeit war es wohl noch zu früh: Wut und Hass bestimmen das Buch von Jörg Kachelmann über seinen Prozess.

11.10.2012 17:17
Marianne Quoirin
Kachelmanns Buch "Recht und Gerechtigkeit". Foto: dapd

Für Sachlichkeit war es wohl noch zu früh: Wut und Hass bestimmen das Buch von Jörg Kachelmann über seinen Prozess.

"Oje, nicht schon wieder, werden Sie sagen, nicht schon wieder der Kachelmann“, schreibt Jörg Kachelmann im Vorwort seines Buches „Recht und Gerechtigkeit – ein Märchen aus der Provinz“, das er gemeinsam mit seiner Frau Miriam veröffentlicht hat.

Was dann auf den insgesamt 383 Seiten folgt, ist eine gnadenlose Abrechnung mit allen, die kein Erbarmen mit ihm kannten: die Polizei, die Justiz, die Medien und die Journalisten, denen er – bis auf zwei Ausnahmen – komplette Unfähigkeit attestiert.

Jongleur mit zu vielen Bällen

Vor gut einem Jahr hatte Kachelmann angekündigt, ein Buch über seinen Prozess schreiben zu wollen. „Mannheim“ sollte es heißen und bei Hoffmann und Campe erscheinen, doch Verlag und Autor ließen das Projekt im April platzen, über die Gründe wurde öffentlich nie gesprochen. Jetzt ist seine Abrechnung bei Heyne erschienen und verkauft sich nach Verlagsangaben gut. Der Verlag teilte am Donnerstag auch mit, dass der Verkauf trotz der einstweiligen Verfügung des Landgerichts Mannheim gegen die Namensnennung der früheren Klägerin weitergehe. Nach „reiflicher Abwägung und sorgfältiger rechtlicher Überprüfung habe man sich für die Namensnennung entschieden, zumal selbst das Landgericht ihren Namen in einer Presseerklärung nach dem Freispruch des Angeklagten genannt habe. Außerdem habe sie der Zeitschrift Bunte ein Interview gegeben.

In ihrem Buch beschreiben die Kachelmanns nach dem Vorwort die Zeit von der Festnahme bis zum Urteilsspruch, es endet mit Empfehlungen, was sich in der Justiz ändern müsse.

Zu Beginn vergleicht sich Kachelmann mit einem Jongleur, der zu viele Bälle in den Händen hält und bedauert: „Ich war über Jahre in Beziehungsdingen nicht immer ehrlich, hatte mehrere Geliebte auf einmal. Einige von ihnen haben, um Rache zu üben, für Geld ihre Seele und die Wahrheit geopfert…“ Die Fehler, zu denen er sich bekennt, sind freilich nicht strafbar, auch wenn sie in der Berichterstattung vor und während des Verfahrens eine unangemessene Rolle spielten. Seit seiner Festnahme auf dem Frankfurter Flughafen am 20. März 2010 hatten sich angebliche Ex-Freundinnen verpflichtet gefühlt, Intimes über ihn preiszugeben – meist zu den üblichen Honorarsätzen, anonym oder offen, frei nach dem Motto: „Seelisch missbraucht hat er uns alle.“ Inzwischen dürfte sich herumgesprochen haben, dass solches Geplapper mit dem Tatvorwurf so wenig zu tun hatte wie die Ferndiagnosen, zu denen sich Psychologen und Psychotherapeuten hinreißen ließen.

Der Schock des Haftbefehls – und was danach folgte – wirkt offenbar noch nach. Denn die Wut und der Hass, mit dem Kachelmann mit den Staatsanwälten, Richtern und Medien abrechnet, sind allgegenwärtig. Für eine sachliche Aufarbeitung seiner Geschichte, die ohne nervige Pauschalierungen auskommt, war es offensichtlich noch zu früh.

Die Vorverurteilungskampagnen von Bild, Bunte, Focus und anderen haben offenbar auch tiefe Narben hinterlassen, obwohl das Landgericht Köln mit fast 100 einstweiligen Verfügungen die Rechte Kachelmanns gegenüber einer anmaßenden und persönlichkeitsrechtsverletzenden Berichterstattung gestärkt hat. Kachelmann schreibt: „Der Inhalt der Bild-Zeitung einerseits, der auf Menschenverachtung beruht und diesen Rechtsstaat mit Füßen tritt, und andererseits die Heuchelei der Verlegerin Friede Springer, die ein philanthropes öffentliches Leben vortäuscht, das aber auf dem Kot ihrer Produkte aufgebaut ist: Was für eine Kombination?“ Bild und ihre Verantwortlichen, so Kachelmann, seien eine „Gefahr für die Demokratie in Deutschland“.

Kachelmann beschreibt detailliert und eindrucksvoll seine Zeit als Untersuchungshäftling, in der er nach wenigen Wochen zum Hausreiniger avancierte, und in der er morgens und abends zu beten begann. Seine Hoffnungen, ohne Prozess davonzukommen, schwanden mit jeder neuen angeblichen Enthüllung der früheren Geliebten: „Die Wehrlosigkeit gegen den frei erfundenen Wahnsinn da draußen war das Schlimmste für mich.“

Mit der Aufhebung der Untersuchungshaft durch das Oberlandesgericht Karlsruhe war für Kachelmann noch nicht alles gut: Er blieb auf der Flucht vor den Paparazzi bis zum Prozess. Und er musste lernen, dass „einige Frauen es durchaus angemessen finden, dass ein untreuer Mann im Knast sitzt, auch wenn diese Frauen zutiefst davon überzeugt sind, dass der böse Mann das ihm zur Last gelegte Verbrechen nicht begangen hat.“ Zur Erinnerung: Es waren diese Frauen, die einer um Beweise verlegenen Justiz aus der Patsche halfen, als am 6. September 2010 vor dem Landgericht Mannheim der Prozess begann. Während der Lektüre dieser Passagen stellt sich die Frage: Was macht ein Angeklagter, der sich eine erstklassige Verteidigung nicht leisten kann? Kachelmann soll allein mit Reinhard Birkenstock ein Honorar von 250?000 Euro vereinbart haben, während des Prozesses löste der Hamburger Johann Schwenn den Anwalt aus Köln ab.

Fragen zum Intimleben

Auch Kachelmanns spätere Frau sagte als Zeugin aus. Was sie dabei erlebte, wie sie nach Details ihres Intimlebens befragt wurde, erklärt ihre höchst kritische Beschreibung von Anklägern und Richtern. In ihren Beiträgen für das Buch, lässt sich erahnen, dass sie Kachelmann zu einem Wechsel der Verteidiger animiert hat.

Miriam Kachelmann nimmt sich vor allem Alice Schwarzer vor, die wegen ihrer Berichterstattung und Kommentierung einstweilige Verfügungen kassierte. Schwarzer hatte unter anderem – ungestraft – die Heirat der Psychologie-Studentin mit dem Meteorologen so kommentiert: „Eines ist vermutlich kein Zufall: Dass die Eheschließung ausgerechnet jetzt eine weitere Ohrfeige ist für die zahlreichen Frauen, die Kachelmann über Jahre miteinander betrogen hat. Und die nun auch noch öffentlich gedemütigt sind. Denn trotz alledem hatte sich die eine oder andere noch immer Hoffnungen gemacht…“

Für solche und ähnliche Sätze hat Alice Schwarzer viel Kritik einstecken müssen. Es ist sicherlich kein Zufall, dass sie von ihrem Buchprojekt über den Prozess in aller Stille Abstand genommen hat.

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