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Brust-Implantate Prozessauftakt um defekte Brustimplantate

Es ist ein Schock für Tausende Frauen weltweit: Behörden raten ihnen in einer beispiellosen Aktion, sich Brustimplantate aus billigem Industriesilikon entfernen zu lassen - aus gesundheitlichen Gründen. Nun beginnt der Prozess in Frankreich.

Gegenstand größter Empörung: Silikonimplantate der Firma PIP, die über Jahre mit minderwertigem Gel ausgestattet wurden. Foto: afp/ANNE-CHRISTINE POUJOULAT

Die französische Justiz muss improvisieren, denn sie war auf so etwas nicht vorbereitet. Ein Strafverfahren von solchem Ausmaß hat es in Marseille noch nicht gegeben. Das beginnt bei der Zahl der Opfer. Eine halbe Million Frauen aus aller Welt haben sich Brustimplantate der südfranzösischen Firma Poly Implant Prothèse (PIP) einsetzen lassen, die minderwertiges Industriesilikon enthalten. Mehr als 5?000 Geschädigte haben Strafanzeige erstattet. Ein Gutteil von ihnen will dabei sein, wenn Jean-Claude Mas, der Besitzer des 2010 konkurs gegangenen Unternehmens, sowie vier seiner ehemaligen Angestellten vom heutigen Mittwoch an zur Rechenschaft gezogen werden.

Für 1?100 Frauen gilt das auf alle Fälle. Sie haben sich dem Verfahren als Nebenklägerinnen angeschlossen. Rund 300 Anwälte werden außerdem erwartet. Heerscharen von Urkundsbeamten haben zu Protokoll zu nehmen, wer anwesend ist und was er vorträgt. Um den Andrang zu bewältigen, hat die Justiz im Europa-Palais des Kongresszentrums mehrere Säle gemietet. Dabei ist dies nur der erste Prozess gegen Mas – und bei Weitem nicht der spannendste. Die Anklage lautet auf Betrug, der heute 73-jährige Mas ist geständig. Mit bis zu fünf Jahren Haft muss er rechnen.

Er habe von 1995 an drei Viertel seiner Prothesen mit Billig-Gel gefüllt, hat der Mann mit dem ergrauten Vollbart und der Gelehrtenbrille eingeräumt. Den deutschen TÜV Rheinland habe er etwa erfolgreich hinters Licht geführt. Die Kontrolleure hätten ihre Besuche zehn Tage im Voraus angekündigt, Zeit genug, um belastendes Material verschwinden zu lassen. Nun tritt der TÜV Rheinland als Nebenkläger auf. Er wirft PIP vor, sämtliche Hinweise auf die Verwendung nicht zugelassenen Silikons systematisch verschleiert zu haben.

Die Frage, in welchem Ausmaß die PIP-Implantate gesundheitsgefährdender sind als mit hochwertigem, zehn Mal teurerem Silikon gefertigte, ob sie womöglich Krebs auslösen können, ist in dem nun beginnenden Verfahren ausgeklammert. Sie ist wissenschaftlich noch nicht geklärt. Frühestens 2014 will die Staatsanwaltschaft einen zweiten Prozess anstrengen und Anklage wegen fahrlässiger Körperverletzung und fahrlässiger Tötung erheben.

Dass die Gesundheitsbehörden der Bundesrepublik und mehrerer anderer Länder dazu aufgerufen haben, die reißanfälligen PIP-Einlagen vorsorglich operativ entfernen zu lassen, lässt wenig Gutes erwarten. In 2?500 Fällen waren die Silikonkissen geplatzt, was Entzündungen oder Schwellungen der Lymphknoten ausgelöst hatte. Mas hat versichert, von den Gesundheitsbehörden zugelassenes Silikon könne genauso Irritationen auslösen wie das von ihm verwendete. Aber wie viel kann man auf das Wort dieses Lebemannes geben?

Als Spieler sieht er sich, der auch aus einem schlechten Blatt etwas machen kann, wenn er nur entschlossen genug blufft. Selbstsicher, ja selbstherrlich, hat er nach Auskunft ehemaliger Mitarbeiter die in 60 Länder exportierende Implantate-Firma geleitet. Millionengewinne vor Augen, hatte er keine Skrupel, die Gesundheit Hunderttausender von Frauen aufs Spiel zu setzen.

Als Handelsvertreter für alkoholische Getränke und später für Zahnreinigungsgerät startete er ins Erwerbsleben. 1982 lernte er seine heutige Frau kennen, Dominique Lucciardi, Leiterin eines kleinen Familienunternehmens, das Brustprothesen herstellte. Mas arbeitete sich nach oben, brachte es vom Handelsvertreter zum Verkaufsleiter, gründete 1991 sein eigenes Unternehmen: die PIP. Er wolle den Weltmarkt erobern, verkündete er seinerzeit. Und er eroberte ihn tatsächlich.

2007, auf dem Höhepunkt seines Erfolgs, verkaufte der Südfranzose seine Silikonkissen in 65 Länder, machte 13 Millionen Euro Umsatz. Er lebte in einer 400-Quadratmeter-Villa an der Côte d’Azur, fuhr einen BMW der 7er-Reihe, den er im Firmenhof mit quietschenden Reifen zum Stehen zu bringen pflegte, bevor er ausstieg, in die Runde lächelte und mit lässiger Geste die Fahrertür zuschlug. Seine Nächte verbrachte er mit Vorliebe am Pokertisch.

Doch dann ging es bergab. Die Beschwerden häuften sich. Die Gesundheitsbehörden und schließlich auch die Staatsanwaltschaft ermittelten, sie ordneten 2010 die Schließung des nicht nur in Verruf, sondern auch in wirtschaftliche Schwierigkeiten geratenen Unternehmens an.

Von dem Vermögen des Inhabers ist heute angeblich nichts mehr übrig. Gerüchte besagen, Mas habe es nach Lateinamerika geschafft. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Steuerhinterziehung und betrügerischen Bankrotts. Aber das soll Gegenstand eines dritten Verfahrens sein.

So groß der Aufwand für die erste Anklage indes auch ist: Einiges deutet darauf hin, dass der auf vier Wochen veranschlagte Prozess nach ein paar Stunden schon wieder zu Ende sein könnte. Anwälte der Angeklagten bemängeln, das Gericht habe sich auf Seite der Opfer geschlagen, ihnen „logistische Hilfe“ geleistet. Es sei befangen, lautet die Schlussfolgerung der Verteidiger. Die Eröffnung des Verfahrens sei somit unzulässig.

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