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Brückeneinsturz in Genua Szenen wie aus einem Alptraum

1. UpdateIn Genua bricht bei grauem Himmel und starkem Regen plötzlich ein Stück Autobahnbrücke weg. Autos und Lastwagen stürzen in die Tiefe. Mindestens 35 Menschen sterben.

Genua
Trümmer des eingestürzten Mittelpfeilers der Morandi-Autobahnbrücke. Foto: afp

Ein schweres Unwetter ging gerade über Genua nieder, als es kurz vor Mittag zur Katastrophe kam. Davide di Giorgio, der von seinem Fenster aus Regen und zuckende Blitze filmen wollte, wurde zum Augenzeugen. Auf seinem Handyvideo ist zu sehen, wie in der Ferne plötzlich ein Teil der gigantischen Morandi-Autobahnbrücke in sich zusammenstürzt und sich die Staubwolke mit dem Dunkelgrau des Himmels mischt. Di Giorgio schreit ungläubig, völlig verängstigt und außer sich immer und immer wieder: „Oh Gott, oh Gott, oh Gott!“ Sein Video sollte an diesem Tag das wohl meistgesehene Italiens werden.

Als Sekunden später der erste Notruf in der Zentrale der Rettungskräfte einging, hielten es dort einige für einen Scherz, wie die Lokalzeitung „Il Secolo XIX“ berichtete. So unvorstellbar klang es, dass ein mehr als hundert Meter langes, vierspuriges Teilstück der Autobahn A10, eine Hauptverkehrsader der ligurischen Hafenstadt, einfach so mitsamt der Autos und Lkw darauf 45 Meter in die Tiefe gestürzt sein sollte. Doch die Fotos, die umgehend im Internet verbreitet wurden, zeigten ein gespenstisches Szenario: eine riesige Kluft in der Mitte der Brücke, ein Lkw, der nur zwei Meter vor dem Nichts zum Stehen gekommen war, auf der gegenüberliegenden Seite ein Auto, das halb über dem Abgrund hing.

Wenig später, als die ersten Toten aus unter Trümmern begrabenen Fahrzeugen gezogen wurden, zeichnete sich das Ausmaß des Unglücks ab. Retter sprachen von apokalyptischen Szenen. Gegen 17 Uhr bestätigte Innenminister Matteo Salvini, dass 30 Tote geborgen seien, darunter ein neunjähriges Kind. Die Feuerwehr sprach von mindestens 35 Toten Dutzende Menschen wurden zum Teil schwer verletzt. Und zu befürchten blieb, dass unter den Trümmern noch mehr Todesopfer gefunden werden würden, denn mindestens zehn Menschen wurden am späten Nachmittag noch vermisst. Es ist von etwa 50 Autos und Lastwagen die Rede, die zum Zeitpunkt des Einsturzes auf dem Brückenabschnitt unterwegs gewesen sein sollen.

Auf der mehr als einen Kilometer langen Brücke hatten sich Augenzeugen zufolge zum Zeitpunkt des Einsturzes Dutzende Lkw und Autos gestaut, die zur Mautstelle der Ausfahrt Genua West wollten. Die Autobahn, Verbindungsstrecke ans Meer und zum Hafen sowie an die ligurische Riviera und weiter nach Südfrankreich, ist nicht nur für den Schwerlastverkehr von Bedeutung, sondern auch für Urlauber.

Unter der nicht weit vom Zentrum Genuas entfernten Brücke liegt das Stadtviertel Sampierdarena mit zwei ebenfalls stark frequentierten Straßen, die Via Porro und die Via Fillak, mit Einkaufszentren, Autohändler-Niederlassungen, einer Fabrik des Elektroturbinenherstellers Ansaldo und mehreren Wohnhäusern. In einem der Häuser, die teils von den Trümmern getroffen wurden, starb nach ersten Berichten eine 76 Jahre alte Frau. Die Fabrik war glücklicherweise wegen der Ferien rund um den Feiertag Ferragosto geschlossen. Mehrere Zugstrecken wurden durch Brückenteile blockiert. Der Fernverkehr rund um Genua war nach dem Unglück lahmgelegt.

Die Rettungsarbeiten der mehr als 200 Einsatzkräfte wurden durch starken Regen erschwert. In einem eilends am Unglücksort eingerichteten Krisenzentrum wurden diejenigen versorgt, die mit leichteren Verletzungen oder einem Schock davongekommen waren. Die Gegend unterhalb der stehengebliebenen Brückenteile wurde weiträumig geräumt. Es bestand die Gefahr, dass auch sie einstürzen.

In den zahlreichen Sondersendungen der italienischen Fernsehkanäle und im Internet tauchte sofort die Frage auf, wie es zu einer solch unvorstellbaren Tragödie kommen konnte. Über die Ursachen konnte bis zum Nachmittag nur spekuliert werden.

Mehrere Augenzeugen gaben an, sie hätten einen Blitzeinschlag in einen der zentralen Brückenpfeiler beobachtet. Ein Autofahrer, der nur 20 Meter von der Abbruchstelle entfernt war und sich retten konnte, gab auch an, er habe so etwas wie einen elektrischen Strom gespürt, der von oben nach unten floss.

Doch Experten bezweifelten, dass ein Blitzschlag oder der starke Regen das Desaster ausgelöst haben könnten. Auf der 1967 eingeweihten Brückenkonstruktion – in Genua „die Brücke von Brooklyn“ genannt – war zuvor gearbeitet worden. Der Betreiber, die Kapitalgesellschaft Autostrade per l’Italia mit der Benetton-Familie als Hauptaktionär, bestätigte, man habe die Fahrbahnplatten der zuletzt 2016 renovierten Brücke stärken wollen. Für die Wartungsarbeiten sei ein Kran aufgebaut worden. Giampaolo Rosati, Professor für Bautechnik, sagte dem Fernsehsender TGCOM24, die in den 1960er Jahren gebaute Brücke sei nicht für die seither enorm gestiegene Belastung, vor allem durch den Schwerlastverkehr, ausgelegt gewesen. Tatsächlich war 2016 schon erwogen worden, die Brücke aus Sicherheitsgründen für Lkw zu sperren, wie die Zeitung „Il Sole 24ore“ berichtete.

Stefano Cianciotta vom Nationalen Infrastruktur-Observatorium, einem Experten-Gremium, sagte, viele der größtenteils in den 60er und 70er Jahren gebauten Autobahn-Anlagen Italiens stellten wegen oft mangelhafter Wartung ein Risiko dar. Andere Experten erklärten, damals habe man vor allem Stahlbeton für solche Brücken verwendet und fälschlicherweise auf seine unbegrenzte Haltbarkeit vertraut. (mit dpa)

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