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Bravo Ein Mann für gewisse Fragen

Martin Goldstein, der als Dr. Sommer in der Bravo Jugendliche aufklärte, ist gestorben

01.09.2012 18:55
Elmar Kraushaar
Was ist Petting? Ist die Pille ein Lustkiller? Martin Goldstein beantwortete die Fragen der Jugendlichen in der Bravo. Foto: dpa

Martin Goldstein, der als Dr. Sommer in der Bravo Jugendliche aufklärte, ist gestorben

Onanieren macht weder krank noch schwul noch unfruchtbar. Dieser simple Satz reichte aus, um 1972 die Teenager-Zeitschrift Bravo auf den Index zu setzen. Ihr Autor Martin Goldstein, dem jugendlichen Lesepublikum als Dr. Sommer bekannt und vertraut, war mehr als überrascht und konnte über die Begründung des Verbots nur den Kopf schütteln. „Die Geschlechtsreife allein berechtigt noch nicht zur Inbetriebnahme der Geschlechtsorgane“, argumentierte die Bundesprüfstelle damals.

Goldstein ließ sich davon nicht beirren, und der Chefredakteur der Bravo forderte ihn auf, genau so weiterzumachen. Seit 1969 stand der Düsseldorfer Arzt den jugendlichen Bravo-Lesern bei allen sexuellen und emotionalen Problemen zur Seite. „Für eine Auswahl der in Bravo veröffentlichten Briefe hatte ich mir jeden Monat 100 Briefe quer durch alle Themen schicken lassen“, erinnerte sich Goldstein 2010 in einem Interview. „Vier Fünftel aller Briefe kamen von Mädchen, und ich habe dann darauf geachtet, dass von den fünf veröffentlichten Briefen wenigstens zwei von Jungen dabei waren.“

Aufmerksam auf Martin Goldstein war die in München ansässige Bravo-Redaktion durch sein Aufklärungsbuch „Anders als bei Schmetterlingen“ geworden. Zwar bemühte sich die Zeitschrift schon recht früh um Aufklärung für Jugendliche und startete 1963 ihre Reihe „Knigge für Verliebte“, geschrieben von einem gewissen Dr. Vollmer, ein Pseudonym der Schriftstellerin Marie Louise Fischer. Deren Beiträge waren pädagogisch aber ohne Belang, sie wollten lediglich unterhalten. Das sollte mit dem studierten Mediziner, der in Düsseldorf in einer Beratungsstelle der evangelischen Kirche arbeitete, anders werden.

Die Bravo nahm endlich die Liebes- und Sexualnöte ihrer Leser ernst und suchte nach passenden Antworten. Auch Goldstein griff zu einem Pseudonym, er befürchtete sonst, dass ihm die Pubertierenden die Türen seiner Beratungsstelle einrennen würden. Zwar arbeitete er dann auch unter dem Namen Dr. Korff, aber zur Institution wurde er als Dr. Sommer – ein Name, der heute noch synonym steht für die Sexualaufklärung ganzer Generationen.

Qualen des Heranwachsens

Nichts war Dr. Sommer fremd, auf alles versuchte er eine Antwort zu finden. „Es gibt keine dummen Fragen“, war sein Vorsatz, „nur respektlose Antworten.“ Dieser Respekt vor den Qualen des Heranwachsens brachte Goldstein auf, der nach eigenem Bekunden selbst keine Jugend hatte.

Geboren wurde er 1927 in Bielefeld als Sohn eines jüdischen Vaters und einer protestantischen Mutter. 1942 musste er wegen seiner Herkunft die Schule verlassen und eine handwerkliche Ausbildung beginnen. Sein Vater kam in ein Konzentrationslager der Nazis, er selbst wurde 1944 in ein Zwangsarbeitslager in Sachsen-Anhalt gebracht. Das Ende des Zweiten Weltkriegs überlebte er in einem Versteck im Wald bei Bielefeld. Sexualität und Aufklärung gab es für ihn nicht in dieser Zeit: „Ich hatte andere Nöte als die Liebe.“ Später studierte Goldstein Medizin in Göttingen, ging nach Düsseldorf und promovierte, engagierte sich dann aber in der kirchlichen Jugendarbeit.

Die Arbeit als Dr. Sommer erledigte Martin Goldstein nicht allein, ein ganzes Team von Mitarbeitern stand ihm zur Verfügung. Denn nicht nur die in der Bravo veröffentlichten Briefe mussten bearbeitet werden, es gab noch genug Post, die direkt beantwortet wurde. „Wir hatten im Team rund 150 Formbriefe erarbeitet, damit auch diese Tausenden von Fragen einfach und schnell beantwortet werden konnten.“ Nur ein Mal wurde Goldstein von der Redaktion zensiert. Da hatte er 1973, unter seinem dritten Pseudonym Dr. Heinz Hoffmann zum Thema Analverkehr geschrieben, dass jede Körperöffnung erotisch, erregbar und lustbringend sei. Doch dieser Text ist so nie erschienen, stattdessen erschien ein Beitrag, überschrieben mit „Wie unanständig ist ein Po?“

Viele Jahre später auf seine Arbeit als Dr. Sommer angesprochen, ging Martin Goldstein vorsichtig auf Distanz zur Bravo. „Ich habe nie eine Bravo von vorne bis hinten gelesen. Das war nicht mein Metier, das war mir vollkommen fremd.“ Und als 1983 die Redaktion anfing, Beiträge unter dem Namen Dr. Sommer zu veröffentlichen, den er sich hatte schützen lassen, war es Zeit für ihn zu gehen. Als 2009 sein letztes Buch „Teenagerliebe“ veröffentlicht wurde, gab er zu Protokoll, dass er das Wort Aufklärung nie mochte: „Sie findet nur dort statt, wo vorher etwas verschwiegen wurde.“ Lieber sprach er von Initiation, Erwachsene stehen Jugendlichen Rede und Antwort bei allen Problemen der Liebe und Sexualität. „Da muss man nicht Experte sein oder Arzt, sondern gar nix, einfach ein Erwachsener. Es geht um Zuhörenkönnen und Gesprächsbereitschaft.“

In der Nacht zum Freitag ist Martin Goldstein im Alter von 85 Jahren in einem Düsseldorfer Hospiz gestorben.

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