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Brasilien Eine Fernstraße bedroht die Indianer

Die ehrgeizige Transoceánica soll durch das Gebiet der isoliert lebenden indigenen Stämme führen.

Die Straße dringt in scheinbar unwegsame Gebiete vor. Foto: Getty

Irgendetwas muss der Abgeordnete Edvaldo Magalhães falsch verstanden haben. Ausgerechnet die isoliert lebenden Indianer, von denen die brasilianischen Behörden gerade aufsehenerregende Fotos veröffentlicht hatten, rief Magalhães als Zeugen für grenzübergreifende Entwicklung auf: "Sie gehen ja mit ihren Produkten auch von der einen auf die andere Seite, ohne zu fragen, ob sie in Peru sind oder in Acre", sagte der Abgeordnete des Landesparlaments von Acre, des westlichen brasilianischen Bundesstaates - und mit dieser Begründung forderte er, die Zollschranken für brasilianischen Zement zu senken. Denn dann wäre zum Beispiel die Piste des Dschungelflughafens im peruanischen Esperanza billiger zu betonieren.

Schneise für die Soja-Exporte

Nicht nur die Natur, sondern auch die isoliert lebenden Indianer sind nach Ansicht von Kritikern durch die neue Straßenverbindung gefährdet, die vor allem den brasilianischen Soja-Exporten einen kürzeren und kostengünstigeren Zugang zu den Asien-Märkten verschaffen soll.

Die Transoceánica genannte, von São Paulo bis Lima nach Beendigung der geplanten Baumaßnahmen durchgängig asphaltierte Straße verbindet die Atlantik- mit der Pazifikküste, wobei der größte Teil dieser Riesenstrecke längst besteht. Die Straße durch den Wald und über die Anden hinweg zu den Überseehäfen in Südperu verkürzt den Handelsweg von Brasilien nach Asien und Nordamerika um rund 6000 Kilometer. 2007 gingen knapp 15 Prozent der brasilianischen Exporte nach Asien.

Kritisch ist jedoch das Stück im erweiterten Grenzgebiet, vor allem auf peruanischer Seite. Denn der Ausbau, der 700 Millionen Dollar kostet und im Juni 2010 fertig sein soll, gefährdet mehrere der artenreichsten Waldgebiete der Erde - und die dort isoliert lebenden Indianer. Konkret handelt es sich um drei neue Teilstücke von 200, 230 und 510 Kilometern Länge.

"Die Transoceánica ist die größte Bedrohung für die Indianer und die Umwelt", sagt Sydney Possuelo, Brasiliens renommiertester Experte für die 40, anderen Angaben zufolge über 60 Indianer-Stämme, die den Kontakt zur Zivilisation meiden.

Das könnte man als Übertreibung abtun, gäbe es nicht jede Menge übelster Beispiele von Massenmorden an Indianern, die dem Straßenbau im Wege standen. Als Brasilien vor vier Jahrzehnten sein Amazonasbecken mit der Transamazônica-Straße erschloss und besiedelte, wurden mindestens zehn Stämme vernichtet oder dezimiert - durch Windpocken, durch vergifteten Zucker, durch Bomben aus Minendynamit.

Der brasilianische Tiefbau-Multi Odebrecht verspricht, dass diesmal alles anders wird: Man arbeite mit den örtlichen Gemeinden zusammen, fördere eine vernünftig geplante Landnutzung und Öko-Projekte, wolle lokale Kulturen ebenso erhalten wie die Vielfalt der Natur und die Umwelt. Aber der Druck, vor allem in Peru die Gebiete entlang der Straße bis hinauf ins Andenhochland zu entwickeln, ist riesig. Dort gelten neun von zehn Menschen als arm oder extrem arm, jedes fünfte Kind ist unterernährt.

Hoffnung auf Arbeitsplätze

Allein im engeren Grenzgebiet soll die Straße, auf der früheren Verheißungen oder Befürchtungen zufolge alle dreieinhalb Minuten ein 40-Tonner fahren wird, rund 5200 Arbeitsplätze bringen. Peru hofft sogar auf 20 000 neue Jobs. Dass die Transoceánica nur ein Transportkorridor wäre, wagen die Umweltschützer nicht zu hoffen, die Anrainer hingegen befürchten das. Sie wollen, dass entlang der Strecke kleine und mittlere Industrien angesiedelt werden.

In der Praxis jedoch dürfte die Straße den Raubbau an der Natur fördern: Stichstraßen werden angelegt, Holzfäller dringen weiter in den Busch ein, die Siedler rücken nach, ebenso Prostituierte und Drogenhändler - der Druck auf Umwelt und Indianer nimmt zu.

Was auf der peruanischen Seite noch bevorsteht, ist auf der brasilianischen schon geschehen. Die brasilianischen Behörden haben die sensationellen Fotos von den isoliert lebenden Indianern vorletzte Woche veröffentlicht, um Alarm zu schlagen - weil die "Unsichtbaren", so tief sie auch im Busch stecken mögen, vor allem von Holzfällern bedrängt werden.

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