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Boxer von Auschwitz „Befreien wird mich erst der Tod“

Als die KZ-Aufseher eine Boxer-Truppe zusammenstellen, hebt Noah Klieger die Hand – obwohl er gar nicht boxen kann. Heute ist der 91-Jährige einer der letzten Auschwitz-Überlebenden.

Auschwitz
Nur einer von fünf Deportierten überlebte die ersten Wochen in Auschwitz. Noah Klieger war zwei Jahre hier. Foto: rtr

Noah sitzt in einem kleinen Cafe in Tel Baruch, einem modernen Viertel im Nordwesten Tel Avivs. Fast jeden Tag geht er hierher, um zu frühstücken, denn das Frühstück ist ihm heilig seit damals. Als er auf seiner Pritsche jeden Morgen aufwachte aus dem immer wiederkehrenden Traum von zwölf Brötchen und frisch gebrühtem Kaffee zum Frühstück. Und doch immer wieder nur in der Realität landete: einem schimmligen Stück Brot.

Seit zwölf Jahren wohnt er in diesem Viertel, zusammen mit seiner dritten Frau, Jacqueline. Eigentlich, sagt er, gehöre ich nicht hierher. Denn hier wohnen nur Junge und Wohlhabende. Und ich bin weder das eine noch das andere, sagt Noah, lächelt, 1,65 Meter groß, scharf geschnittene Konturen, die Nase leicht gekrümmt seit seinen Jahren als Boxer in Auschwitz, die grünen Augen wässrig, aber noch immer wach. Um sein hageres Gesicht ein Kranz aus weißen Haaren. Zweihundert Meter sind es hierher von der Wohnung in der Mordechai-Meir-Straße 5a, benannt nach einem ehemaligen Schulkameraden von Noah, Überlebender von Auschwitz auch er, der später in Tel Aviv erst Immobilientycoon wurde und dann Philanthrop. Für die zweihundert Meter benötigt Noah eine Viertelstunde, weil er seit einiger Zeit dieses Teil hier braucht. Er klopft auf den Rollator, der neben ihm steht. Ich hab mittlerweile eine ganze Sammlung von den verdammten Dingern. Seit einigen Jahren leidet er an schwerer Hüftarthrose. Man ist doch kein richtiger Mensch mehr, sagt Noah, wenn man sich nicht mehr bewegen kann. Gebrechlichkeit steht er sich nicht zu. Auch nicht mit fast 92 Jahren.

Ein Leben lang hat Noah Klieger gekämpft, für das Überleben, gegen das Vergessen, für den Aufbau des Staates Israel als Heimstatt und Sehnsuchtsort nach der Shoah, hebräisch für „Das große Unglück“, gegen Kritik an diesem Staat, den er für den besten und schönsten der Welt hält. Er kann nicht anders als kämpfen. Also tut er es nun auch gegen das Alter und den Tod. Was unter uns gesagt natürlich ziemlich dumm ist, sagt Noah. Denn den einen Kampf habe ich schon verloren und den anderen werde ich bald verlieren. Angst davor aber habe er nicht. Habe er nie gehabt, vor nichts und niemandem. Trotzdem, sagt Noah, will ich noch so lange hier bleiben, wie es geht. Auch weil er es als seine Pflicht empfindet gegenüber all jenen, die es nicht geschafft haben, die Hölle von Auschwitz zu überleben. Denen nicht so viele Wunder widerfahren seien, die es dafür brauchte. Schließlich, sagt Noah, kam da nur einer von zehn wieder lebend raus. Einen Preis dafür musste er dennoch zahlen: nur selten verging ein Tag in seinem Leben danach, an dem er nicht an Auschwitz gedacht hätte. Das hört sich vielleicht verrückt an, sagt Noah, aber so war es und so ist es. Von Auschwitz befreien wird mich erst der Tod.

Noah vergisst die Zeit, erzählt, mit altersdünner Stimme, noch immer ausgestattet mit einem fast fotografischen Gedächtnis, in präzisem Deutsch, eine von sechs Sprachen, die er spricht, Stunde um Stunde, acht am Ende des ersten Tages, von seinem Leben. Seinen Leben, den vielen, die er hatte. Noah als Kind in Straßburg, als jugendliches Mitglied einer jüdischen Untergrundgruppe in Belgien, Noah in Auschwitz, fast zwei Jahre lang, obwohl vier Fünftel der Ankömmlinge keine zwei Wochen dort überlebten, Noah, der für die israelische Armee im Sechstagekrieg kämpfte, Noah, der als Journalist dabei war bei den großen Frankfurter Auschwitzprozessen in den Sechzigern, Noah, der große Sportreporter, der von neun Olympischen Spielen berichtete, Noah, der noch immer fast jeden Tag für seine Zeitung schreibt, bei der er seit 1948 angestellt ist, Jedi’ot Achronoth (Neueste Nachrichten), „als ältester aktiver Zeitungsredakteur der Welt“.

Und vor allem von Noah, dem Getriebenen, der nie aufhörte, nie aufhören konnte, zu erzählen von Auschwitz, der sich schwor, vor über siebzig Jahren, wenn ich hier lebend rauskomme, dann soll die Welt davon erfahren. Dann soll es nicht umsonst gewesen sein. Der sich bis heute immer und immer wieder der Erinnerung aussetzt, wo viele den anderen Weg wählten, nie mehr darüber zu sprechen, niemandem das Grauen zu erzählen. Manche nicht mal ihren Kindern.

Fremde kommen an den Tisch während der acht Stunden, beseelt, Noah Klieger zu sehen. Sie verneigen sich vor ihm, streichen über seinen Rücken, küssen seine Hand. Kliegers Augen leuchten jedes Mal. Ein Mann, während er vor Klieger steht, erklärt, mit glühendem Stolz, seinem kleinen Sohn: Das ist Noah (im Hebräischen gesprochen: Noach) Klieger. Er überlebte die Shoah. Er war einer der Boxer von Auschwitz. Er ist ein Held Israels.

Mitleid mit dem Juden, sagt Adolf Hitler am Ende seiner Neujahrsansprache zum Jahreswechsel 1942/1943 aus dem Volksempfänger, bedächtig im Ton und mit den antrainierten langen Vokalen (mit dem Juuden), darf es nicht geben, sondern einzig gesunde Härte, um die Welt oder im mindesten Europa zu befreien von diesem Übel.

Am frühen Morgen des 15. Januar 1943 setzen sich zwanzig Güterwaggons der SS von einem Bahnsteig im belgischen Mechelen in Bewegung. Es ist der 19. Deportationszug aus Belgien, wohin Kliegers Eltern mit ihm Ende der Dreißiger übergesiedelt waren. Weil man glaubte, Hitler würde Belgien nicht angreifen. In jedem der Waggons achtzig Insassen. Die von der SS aus logistischen Gründen vorgeschriebene „Mindestzahl für einen Judentransport liegt bei 1’600“. In einem der Waggons befindet sich Noah Klieger, knapp siebzehn Jahre alt. Zwei Tage und zwei Nächte wird der Zug unterwegs sein, 1’300 Kilometer in Richtung Osten. In den Waggons nur Sichtluken weit oben, Maschendraht davor. Ein Eimer mit Wasser an Bord und einer für die Notdurft von 80 Männern, Frauen, Mädchen und Jungen. Zu Beginn unterhält man sich noch. Wohin mögen wir kommen? Was wird uns erwarten? Noah schaltet sich ein, jung, aber mit natürlicher Autorität. Was sollen sie tun? Uns alle umbringen? Das geht ja wohl schlecht. Bleierne Kälte zieht ins Innere. Nach und nach verstummen die Gespräche. Der Eimer für die Notdurft bleibt viele Stunden unbenutzt. Irgendwann verliert die Scham. Ehemänner stellen sich so gut es geht vor ihre Frauen oder halten ihre Mäntel davor. Dieselben Mäntel, die sie später ihren Kinder überziehen, weil die weinen vor Kälte. Dadurch selbst kurz vor dem Erfrieren sind. Immer wieder fragen leise die Kinder ihre Mütter: Mamele, wo kommen wir hin? Immer wieder antworten die Mütter: alles wird gut.

Nach fünfzig Stunden Fahrt wird der Zug langsamer. Sie nähern sich nun einem Ort, gelegen in der weiten Ebene Oberschlesiens, zweistellige Minusgrade, sieben Kilometer westlich der Stadt Auschwitz, im toten Winkel Gottes. An der Bahnrampe, der so genannten Entladestation des KZ Auschwitz II, Birkenau, dem Vernichtungstrakt, werden die Waggontüren aufgerissen, Schäferhunde bellen, SS-Männer mit Gewehren über der Schulter brüllen zur Eile. Raus, Raus, aber schnell. Da lang, los, los. Lasst Eure Sachen zurück, die bekommt Ihr später. Wir waren erst ein paar Minuten im Lager, sagt Noah Klieger jetzt, und merkten schon, dass dies kein Ort ist, an dem es uns gut ergehen würde.

Nachdem alle Insassen aus den Waggons ausgestiegen sind, werden sie mit Tritten und Schlägen auf einen nahegelegenen Platz getrieben. Dort müssen sie zwei Reihen bilden. In der einen Männer und Jungen ab 16 Jahren. In der anderen Frauen und Kinder. Ärzte, die bei jedem neu eintreffenden Transport zum Rampendienst eingeteilt werden, darunter oft auch ein lächelnder Mann mit Zahnlücke, der während seiner Tätigkeit gerne Opernmelodien pfiff und den Noah Klieger später nochmals treffen wird, Dr. Josef Mengele, entscheiden per Augenschein, ob jemand arbeitsverwendungsfähig ist oder nicht. Kinder und die meisten der Frauen sind es nicht. Männer über vierzig Jahren selten. Das Todesurteil wird schriftlich in die Listen mit den Namen der Ankömmlinge eingetragen, die vor den Ärzten liegen. Es gilt für fast vier Fünftel aller neu Ankommenden in Auschwitz II und wird ihnen nie verkündet.

Noah Klieger wird nach seiner Ankunft mit zweihundert anderen Männern und Jugendlichen auf den Pritschen von Lastwagen ins fünf Kilometer entfernte Lager Auschwitz III, Monowitz, gebracht, dem Arbeitstrakt. Runter Ihr Saujuden. Sofort alles ausziehen. Alles. Nachdem sie nackt sind, treibt man sie in einen Hangar ohne Überdachung. Warum, fragt einer. Ein SS-Mann zieht einen Knüppel und versetzt ihm einen Schlag auf den Kopf, so heftig, dass er tot zusammenbricht. Will noch jemand von euch etwas fragen? Es ist früher Morgen in Auschwitz, blassblauer Himmel, fast 20 Grad unter Null. Die SS-Männer schließen den Hangar mit einer Schiebetür und verriegeln sie. Als es dunkel wird, sitzen und stehen die Häftlinge noch immer. Das Blut friert in den Adern. Die Glieder vereisen. Noah und die anderen Jüngeren und Robusteren sitzen nie, laufen auf der Stelle, machen gymnastische Übungen. Die ganze Nacht hindurch. Die älteren fallen nach und nach um und bleiben reglos auf dem Boden liegen. Bei Sonnenaufgang wird das Tor geöffnet. Weniger als die Hälfte der Häftlinge überlebt. Unter ihnen Noah Klieger. Das war das erste Wunder, sagt Noah.

Es ist schon früher Nachmittag und er möchte gerne noch etwas zu Mittag bestellen jetzt. Als die Bedienung sein erstes Winken nicht bemerkt, wird er ärgerlich. Klieger ist kein geduldiger Mensch. Seit fast fünf Stunden erzählt er. Unterbrochen nur von Fremden und von seiner Frau, die schon drei Mal angerufen hat auf seinem Mobiltelefon der neuesten Generation, das er jedes Mal aus seiner Jackentasche fischte, es länger betrachtete, mit dem Zeigefinger über dem Display schwebte und schließlich die Taste zum Entgegennehmen des Telefonats berührte. Ja. Ja, ich erzähle noch. Nein, nein, es kann noch dauern. Immer beendete er das Gespräch ohne Verabschiedung. Seit 1970 sind die beiden zusammen. Sie ist siebzehn Jahre jünger als er. Erst 1994 heirateten sie. Es ist ihre zweite und seine dritte Ehe. Die Hochzeitsreise ging für eine Woche ans Tote Meer. Mehr als eine Woche ohne Arbeit und Beschäftigung lässt bei Klieger große Unruhe aufkommen.

Schon vor Jahren fragte sie ihn, ob es jetzt nicht genug wäre mit all den Reisen in der ganzen Welt, auf denen er von Auschwitz erzählt. Vor Schulklassen, an Universitäten, vor Parlamenten, oder, erst letztes Jahr: vor der UN-Hauptversammlung. Nein, Jacqueline, sagte Noah ihr dann, ich kann damit nicht aufhören und das weißt Du. Weil er es sich damals geschworen hatte, davon zu erzählen. Dann nimm doch wenigstens Geld dafür. Viele andere Überlebende hätten das gemacht. Als Schmerzensgeld, wenn man so will, sagt Noah. Was ich vollkommen verstehen kann. Er aber konnte nie Geld nehmen dafür. Vielleicht, sagt er und lächelt, bin ich ja genau das Gegenteil eines Juden, wie ihn sich Nichtjuden vorstellen: Ich bin ein schlechter Kaufmann. Und vielleicht haben mich viele auch deswegen angefragt, sagt er und lächelt, weil ich so billig bin. Klieger lebte vom Gehalt als Journalist bei Je’dioth Achronoth, seiner Zeitung, bei der er im Juli 1948 zu schreiben begann, kurz nach seiner Ankunft im gelobten Land. Und bekommt bis heute jeden Monat 519 Euro vom deutschen Staat überwiesen wie alle anderen einst 200.000 Überlebenden von Auschwitz, von denen mehr als 190.000 schon gestorben sind. Finanziert durch das 1956 eingeführte Bundesentschädigungsgesetz.

Nach der Nacht unter freiem Himmel werden Noah und die anderen, noch immer nackt, mit Desinfektionsspray besprüht und kahl geschoren. Dann erst werden sie zur Bekleidungskammer geführt und mit der gestreiften Häftlingskleidung, von der SS Pyjamas genannt, eingekleidet: Hemden, Hosen, Unterhosen, Mützen, keine Jacken. Anschließend wird ihnen eine fortlaufende Nummer in den linken Unterarm tätowiert. Für alle, die nicht unmittelbar nach der Ankunft vergast wurden. Der Lagerchef Höss war ein gewissenhafter Mann, der buchhalterisch gerne den Überblick behielt, sagt Noah. Kliegers Nummer lautet 172345. Er wird eingeteilt als Zwangsarbeiter der I.G. Farben im Kommando 93, Auschwitz III.

Am zweiten Morgen in Auschwitz beginnt das zweite Wunder. Klieger steht mit dreihundert anderen Häftlingen zum Morgenappell parat. Drei SS-Offiziere kommen hinzu. Einer von ihnen brüllt in die Menge: Wer von Euch Pack kann boxen? Vier heben die Hand. Sie sind Boxer. Klieger überlegt im Bruchteil einer Sekunde: ist es eine Falle? Sein Instinkt sagt ihm: Heb die Hand. Obwohl er kein Boxer ist. Nur ein Schulhofschläger, der sich mit Fäusten wehrte gegen den Vorwurf, Juden seien zu feige, sich zu wehren. Die Namen werden notiert. Vier Tage später fährt man sie in einem Kübelwagen vor eine kleine Halle. Darin sitzt der zum Trainer der Boxstaffel bestimmte Kurt Magatanz, Mitte der Dreißiger Deutscher Meister im Halbschwergewicht. Bevor er wenig später wegen dreifachen Raubmordes zu lebenslanger Haft verurteilt und dem KZ Auschwitz als Aufseher überstellt wurde. Dann zeigt mal, was ihr könnt, ruft er. Und wenn Ihr gelogen habt, kommt ihr ins Gas. Es ist das erste Mal, seit er im KZ ist, dass Noah Klieger davon hört. Magatanz stellt sich in den Ring. Kämpft mit sechs Häftlingen. Dann käme die Reihe an Noah Klieger, aber da hat Magatanz schon genug gesehen. „Ihr seid in Ordnung. Ihr könnt abhauen.“

Fortan ist Klieger Mitglied einer dreißigköpfigen Boxstaffel. Die eine Idee war des Kommandanten von Auschwitz III, SS-Hauptsturmführer Heinrich Schwarz. Der das Boxen liebt. Anfang 1943 ist Stalingrad verloren und der Krieg wendet sich endgültig gegen das Reich, rückt von Osten immer näher. Also möchte er etwas für die Stimmung seiner SS-Truppe tun.

Jeden zweiten Sonntag kämpft Klieger nun auf dem Appellplatz vor den Augen von tausend SS-Männern und einigen Tausend Häftlingen. Gegen richtige Boxer. Hat das Glück, dass sie ihn immer wieder ein paar Treffer landen lassen und bei ihren nicht zu hart zuschlagen, um den Schein Kliegers zu wahren.

Keine Freikarte zum Überleben, aber verbesserte Chancen

Die Mitgliedschaft in der Boxstaffel ist keine Freikarte zum Überleben. Aber sie gewährt Noah Klieger verbesserte Chancen. Jeden Abend bekommt er einen Liter Suppe extra, damit er fähig ist zu kämpfen. Und jede Woche hat er drei Stunden Boxtraining, eine kurze Zeit fast normalen Lebens, in der er von der Zwangsarbeit entbunden ist. Die ansonsten für ihn und die etwa 25.000 Häftlinge in Auschwitz III sechs Tage die Woche zwölf Stunden am Tag einen schmalen Grat zwischen Leben und Tod bedeutet.

Das Kommando 93, in das Noah Klieger eingeteilt ist, knapp 200 Mann, schleppt Zementsäcke, 50 Kilo schwer, Stunde für Stunde, mischt Beton und füllt ihn in Eisenformen. Von sechs Uhr am Morgen bis sechs Uhr am Abend. Keine Minute des Verschnaufens wird geduldet. Bewegen nur im Laufschritt. Eine Viertelstunde Pause um die Mittagszeit, in der eine stinkende Suppe aus gefrorenen Schweinsrüben gereicht wird und ein Stück Brot, das die Lagerverwaltung zuvor verschimmeln lässt.

Die guten Tage, sagt Noah, waren die, an denen keiner krepierte oder umgebracht wurde.

Die schlechten, an denen die Arbeit manche während der zwölf Stunden einfach tot umfallen ließ. Und an denen manchem ein Zementsack von der Schulter rutschte. Was zumeist dessen Todesurteil war. Noah ließ nie einen Sack fallen. Das nächste Wunder.

Die schlimmsten Tage waren die, an denen die SS-Männer sich gottgleich fühlten. Als Herren über Leben und Tod. Wie an jenem Tag, an dem in der Mittagspause ein Aufseher seinen Schäferhund so hart schlug, dass er sein Fressen ausspuckte. Der Hund hatte seinen Befehl nicht befolgt, einen der Häftlinge zu beißen. In seinem Ärger befahl der Aufseher dem Häftling unter vorgehaltener Waffe niederzuknien und den Auswurf des Hundes zu essen. Die umstehenden SS-Männer verfielen in schallendes Gelächter. Als der Häftling den Auswurf gegessen und sich dann übergeben hatte, erschoss ihn der Aufseher per Kopfschuss.

Ob er je versucht habe, zu ergründen, warum aus vormals normalen Menschen Bestien in SS-Uniform wurden. Oder ob diejenigen gar nur gehandelt haben aus Angst, in einem System wie dem der SS selbst zu Opfern zu werden, wenn sie sich dem Morden und Erniedrigen entziehen wollten.

Nein, sagt Noah. Das wollte ich nicht. Niemals. Weil es ja auch völliger Schwachsinn gewesen wäre. Diejenigen, die im Holocaust und auch in Auschwitz so handelten, wie sie handelten, taten das aus mehr oder weniger freien Stücken. Und niemand hätte Repressalien zu erwarten gehabt, schon gar keine, die sein Leben bedroht hätten, wenn er sich diesem Horror verweigert hätte. Für keinen von denen, sagt Noah, die dünne Stimme nun kräftig, durfte und darf es jemals Vergebung noch Verständnis geben.

Sie haben sechs Millionen von uns umgebracht. Sechs Millionen. Sie haben Mütter vor ihren Kindern erschossen. Nie mehr sprach Klieger mit Deutschen seiner Generation. Und dass er niemals mehr in seinem Leben einem SS-Mann von damals begegnet ist, darüber ist er fast froh. Denn ich hätte ihn umgebracht, sagt Noah, egal wie. Da bin ich mir sicher. Was nicht fair gewesen wäre gegenüber meinen Kindern. Denn aus persönlicher Rache hätte ich ihnen dann lange Zeit kein Vater mehr sein können.

Aber Noah Klieger hatte nie Kinder. Unter den Überlebenden, sagt Noah, gab es nur zwei Arten, mit diesem Thema umzugehen. Die einen wollten so viele Kinder wie nur möglich. Um Gott ein Zeichen zu geben, dass sie trotz allem glaubten, dass es ihn gibt und er so etwas nicht noch einmal zuließe. Aber auch, um den Peinigern von einst zu zeigen, dass sie es trotz aller Bemühungen nicht geschafft haben, sie gänzlich auszurotten. Und dann gab es diejenigen, sagt Noah, wie eben auch mich, die bewusst keine Kinder wollten. Weil man ihnen nicht zumuten wollte, dass sie die Geschichte ihrer Eltern oder auch nur des Vaters oder der Mutter ein Leben lang mittragen mussten.

Ich bin sehr müde jetzt, sagt Noah. Vielleicht machen wir lieber morgen weiter. Außerdem, sagt er und lächelt, wäre es nicht gut, wenn meine Frau ein viertes Mal anruft. Am liebsten würde sie mich ständig um sich haben. Vielleicht weil ich mein halbes Leben im Flugzeug verbracht habe für diese Sache. Ich konnte nie einen Vortrag ablehnen, für den man mich angefragt hat. Aber das war eben mein Auftrag. Und die andere Hälfte meines Lebens war ich als Journalist unterwegs. Und wer viel unterwegs ist, lernt eben auch viele Menschen kennen. Auch Frauen. Ich habe Jacqueline schöne Dinge gekauft, sie öfters auch auf Reisen mitgenommen, habe irgendwann auch ihre Tochter adoptiert, da war sie schon im Erwachsenenalter. Weil beide das so sehr wollten. Aber es gab sicher bessere Ehemänner als mich.

Im Mai 1961 plant sein Chefredakteur eine Sonderausgabe über die Shoah und fragt ihn: Noah, glaubst Du, dass Du für uns nach Auschwitz reisen kannst? Nein, sagt Klieger. Das kann ich nicht. Eine Woche später aber sagt er: ich mache es. Ich weiß nicht, warum ich doch zusagte. Aber es hatte mit dem Schwur zu tun, den ich damals vor meinem Inneren abgelegt hatte und an den ich mich nun wieder erinnerte.

Er landet auf dem Flughafen von Krakau und steigt dann in den Bus. Zwei Stunden Fahrt in Richtung Westen bis nach Auschwitz. Achtzehn Jahre nachdem er mit dem Zug an diesen Ort gekommen war. Mit jedem Kilometer, den er sich nähert, werden die Stimmen der SS-Männer lauter in seiner Erinnerung, werden die ungezählten Toten, die sein Überleben begleiteten, deutlicher und auch die tagtäglichen Erniedrigungen. Hat er das Bild von sich als Mensch, der keinem Menschen mehr ähnelt, wieder vor sich. Als er aussteigt, muss er sich übergeben.

Eine junge Frau führt ihn und eine Besucherdelegation unter dem Eingangstor hindurch in das KZ. Nach hundert Metern setzt sich Klieger ab von der Gruppe. Er erträgt es nicht länger. Die Fremdenführerin kommt zu ihm und fragt, warum er sich abgesetzt habe. Ob es ihn nicht interessiere? Er schaut ihr in die Augen und krempelt den Ärmel über seinem linken Unterarm nach oben. Sie weint: Ich habe noch nie einen Überlebenden gesehen.

Am nächsten Tag geht Klieger nochmal ins KZ. Es wäre eine Schwäche gewesen, die ich mir nie verziehen hätte, sagt Noah. So wurde es der Anfang meiner Mission. Denn von da an geht Klieger in über 55 Jahren 164 Mal nach Auschwitz. Die Zahl seiner Besuche hat er genau im Kopf. Von da an auch reist Klieger um die Welt, ihr zu erzählen von Auschwitz.

Im April 1944 wird die Boxstaffel aufgelöst. Von den einst dreißig Mitgliedern lebt nur noch die Hälfte. Trotz des Extraliters Suppe starben sie, an Überarbeitung, Krankheiten, spontanen Hinrichtungen oder bei Fluchtversuchen. Noah Klieger lebt. Bestreitet am Ende 32 Kämpfe. Die er ausnahmslos alle verliert. In denen er dennoch seine Treffer setzen darf, die ihn am Leben halten.

Ein paar Wochen danach aber scheint schließlich auch seine Zeit gekommen. Denn sein Körper, fast übermenschlich robust, rebelliert zum ersten Mal. Er erkrankt an Ruhr und wird in den Krankenblock verlegt. Einige Tage später wird das Gebäude von SS-Leuten umstellt. Sie brüllen: Selektion. Die Kranken werden aus ihren Betten geholt und müssen sich vor dem Gebäude in eine Reihe stellen. Dort sind Tische aufgebaut, an denen sechs Ärzte sitzen. Einer davon ist Dr. Josef Mengele, der jeden Selektierten kurz durch seine Nickelbrille in Augenschein nimmt. Sich dann wieder über seine Papiere beugt und ohne weiteren Augenkontakt ein schnell und betonungslos gesprochenes rechts oder links fallen lässt. Begleitet durch ein kurzes Heben des jeweiligen Zeigefingers in die entsprechende Richtung. Rechts steht für Weiterleben, links für die Gaskammer. Noah Klieger muss nach links. Nach wenigen Schritten bleibt er stehen. Ein Impuls sagt ihm, dass er so oder so sterben muss. Er geht zurück und stellt sich nochmals vor den Tisch Mengeles. Der schaut Klieger entgeistert an. SS-Männer entsichern die Gewehre. Mengele beschwichtigt sie. Und fragt Klieger: Ist noch was? Bevor Mengele es sich anders überlegt und ihn sofort erschießen lässt, beginnt Klieger in Windeseile ein Plädoyer für sein Weiterleben. Herr Oberstabsarzt, sagt er, ich bin noch sehr jung und stark genug, um Ihnen und dem ganzen Lager von Nutzen zu sein. Bitte glauben Sie mir. Mengele lächelt und schüttelt ungläubig den Kopf. Glaubst Du wirklich, noch arbeiten zu können? Ja, Herr Oberstabsarzt, sagt Klieger. Und erzählt dann noch, dass er in Straßburg geboren sei, dass sein Vater ein berühmter Schriftsteller gewesen sei. Was im Grunde ja vollkommen unwichtig war, sagt Klieger. Mengele hebt die Hand und sagt: es reicht. Den Arzt neben ihm fragt er: kann man den noch benutzen? Der sagt, ja, ich denke schon. Mengele sagt zu Klieger: rechts. Das war das nächste Wunder, sagt Noah. Und wahrscheinlich das größte.

Ein starker Mensch, ein Leben lang

Der zweite Interviewtag beginnt am späten Vormittag in Noah Kliegers Wohnung. Vier Zimmer. Kärglich eingerichtet wie oft bei älteren Menschen. Seit Tagen ist es unerträglich laut hier, sagt Noah. Es wird gehämmert und gebohrt, man lässt gerade ein Zimmer umbauen für eine Pflegekraft von den Philippinen. Für Jacqueline, sagt Noah. Weil sie nicht mehr so kann mit ihren furchtbaren Rückenschmerzen. Seine Frau lächelt. Als Noah in einem Nebenzimmer einen anderen Rollator holt, sagt sie: für Noah. Weil ich nicht mehr genug Kraft habe, mich auch noch ganz um ihn zu kümmern. Aber ich möchte ihn auch ein wenig in dem Glauben lassen, dass sie auch für mich da ist. Weil Noah sein Leben lang ein so starker Mensch war. Bevor man zusammen aufbricht, zieht ihm seine Frau die Jacke an, stellt seinen Kragen hoch und packt ihm seine Medikamente ein. Gegen die Schmerzen in der Hüfte, gegen den Schwindel und gegen die Wassereinlagerungen im Gewebe.

Eine gute halbe Stunde später sitzt Klieger an einem Tisch in der Ecke des Restaurants „Benny, der Fischer,“ gelegen an der Promenade Tel Avivs. Der beste Fisch der Stadt, sagt Noah. Dann blickt er nach draußen und sagt: dieser Blick von hier über das Meer. Das ist doch nicht zu glauben. Für mich ist Tel Aviv der schönste Ort der Welt. Und Israel das schönste Land. Dass er ein Zionist ist, daraus macht Klieger keinen Hehl. Das ist unser Land, sagt er. 2000 Jahre haben wir davon geträumt, heim zu kommen nach Jerusalem. Und nachdem fast die Hälfte unseres Volkes zuvor ausradiert wurde, haben wir es vor siebzig Jahren von der UN bekommen.

Anfang Januar 1945 ist die Rote Armee schon in der Nähe von Auschwitz. Viele noch einsatzfähige Häftlinge werden von der SS in die weiter westlich gelegenen Konzentrationslager verlegt. Über wochenlange Märsche, Todesmärsche genannt, die fast die Hälfte nicht überlebt, kommt Klieger zuerst ins KZ Mittelbau-Dora in Thüringen, dann nach Ravensbrück nördlich von Berlin.

Am 26. April 1945 heißt es, die Geschützfeuer schon hörbar: Ihr geht wieder auf Transport. Aber Noah, noch knapp 40 Kilo schwer und mehr als zwei Jahre schon im KZ, sagt sich: ich gehe auf keinen Transport mehr. Die sollen mich hier erschießen und fertig. Am Morgen des 29. April marschieren die Russen ins KZ Ravensbrück. Ein kurzes Feuergefecht, in dem einige SS-Männer erschossen werden. Dann sagt ein russischer Offizier zu Klieger und den anderen abgemagerten Häftlingen: „Kameraden, Ihr frei, wir sind Rote Armee.“ Das war meine Befreiung sagt Noah und sein Kinn zittert.

Er macht sich auf den Weg zurück nach Brüssel. Dorthin, wo er am 13. Januar 1943 verhaftet wurde von der SS, als er gerade auf dem Heimweg in die elterliche Wohnung war. Unterwegs sieht er deutsche Kriegsgefangene mit gesenkten Köpfen vor russischen Soldaten laufen. Er denkt: so sieht also das Herrenvolk aus.

Noah möchte fort aus Europa

An einem warmen Tag im Juni 1945 fährt er mit der Tram, natürlich erinnert sich Klieger an die genaue Linie, Tram 5. Er ist unterwegs zu einem Auffanglager für heimgekehrte KZ-Überlebende am Rande von Brüssel. Auf der Suche nach seinen Eltern. Auch wenn er vermutet, dass sie es nicht geschafft haben. In den ersten beiden Waggons der Tram ist kein Platz, also geht er in den letzten. Steht neben einem Ehepaar mittleren Alters, zwei ausgemergelten Menschen. Er spürt, wie die Frau ihn unablässig aus dem Augenwinkel betrachtet. Nach ein paar Minuten spricht sie ihn mit leiser Stimme an: Noah. Wir waren, sagt Noah Klieger, wohl einige der sehr wenigen, die als ganze Familie Auschwitz überlebten. Seine Eltern zogen 1961 zu ihm nach Tel Aviv. Sie starben Anfang der Siebziger, kurz hintereinander. Sein Vater, Doktor der Philosophie und der Rechte, der sich, auch körperlich, nie mehr erholte von Auschwitz, schrieb noch zwei Bücher, „Der Weg, den wir gingen“, „Der Himmel rührt sich nicht.“

Noah möchte fort aus Europa wie viele der anderen zweihunderttausend Überlebenden, die nach der Befreiung quer über Deutschland und Europa verteilt in Sammellagern leben. Man hört, dass die Briten bald ihr Mandatsgebiet in Palästina aufgeben wollen zugunsten der Gründung eines Staates für die Juden, der Israel heißen soll. Schon seit Längerem sind Schiffe von Südfrankreich aus über das Mittelmeer dorthin unterwegs. Obwohl die Einwanderung noch illegal ist.

Am 20. Juli 1947 gelangt Noah mit dem legendären Flüchtlingsschiff „Exodus“ in der Hafenstadt Haifa an. Der glücklichste Tag in meinem Leben, sagt Noah. Die Ankunft im gelobten Land. Ein paar Wochen später nur, Noah ist 21, heiratet er zum ersten Mal. Miriam. Geht nach Tel Aviv mit ihr. Wohnt bei ihren Eltern, die noch vor ihrer Deportation nach Palästina flüchten konnten.

Beginnt kurz darauf seine Arbeit als Journalist bei Jedioth Achronoth, für die er im Eiltempo Hebräisch lernt. Bei der Zeitung, der größten Israels, ist er seit nun fast siebzig Jahren angestellt, so dass der jetzige Chefredakteur sein Enkel sein könnte. Für die er alles schrieb, weil Schreiben seine Leidenschaft war schon als Kind, als er mit zehn Jahren, noch in Straßburg, eine Schülerzeitung herausgab.

Er berichtet von neun Olympischen Spielen, von Helsinki 1952 bis Los Angeles 1984 und von Basketballturnieren auf der ganzen Welt, dem Nationalsport Israels. Berichtet aber auch als Korrespondent von den Frankfurter Auschwitz-Prozessen Anfang der Sechziger, die so etwas gewesen seien wie ein Faustschlag gegen jemanden, der gerade wieder aufgestanden ist, weil die Täter vor Gericht keinerlei Reue zeigten. Berichtet von vielen weiteren Prozessen, dem Sobibor-Prozess in Hagen, dem Majdanek-Prozess in Düsseldorf. Und bis heute ist er fast täglich in der Redaktion, schreibt Leitartikel zu aktuellen Themen.

Zeitlebens hatte er eine stählerne Gesundheit, die es ihm erlaubte, noch bis Ende siebzig Fußball im Verein zu spielen. Maccabi Tel Aviv machte er als nebenberuflicher Manager zum größten Verein der Stadt. Barack Obama durfte er durch Jad Vashem führen und Angela Merkel ermöglichte er es, auf Deutsch vor der Knesset zu sprechen. Er wurde zum Ehrendoktor von Tel Aviv ernannt und zum Ritter der französischen Ehrenlegion.

Ich hatte ein aufregendes Leben, sagt Noah. Aber selten ein glückliches. Viele von uns konnten nicht mehr richtig glücklich sein. Weil man so etwas nie mehr aus seinem Kopf und seiner Seele bekommt.

Sein Handy klingelt. Rabbiner Lau ist dran, ein enger Freund von Klieger seit Jahrzehnten. Er will ihn überreden, noch einmal am Marsch der Lebenden teilzunehmen. Du musst mitgehen, Noah. 1988 begründeten er und Noah Klieger den Marsch der Lebenden. Jedes Jahr am 11. April, dem Jom Hashoa, dem israelischen Gedenktag für die Opfer der Shoa, gehen sie durch das KZ, vier Kilometer vom Eingang unter dem berüchtigten Schild, über die Rampe, über den Vernichtungstrakt und enden auf dem Appellplatz der Ankömmlinge.

Hunderte kamen zu Beginn, dann Tausende. Er wurde zur größten alljährlichen Gedenkzeremonie an den Holocaust. Die Überlebenden liefen immer an der Spitze der Prozession. In den ersten Jahren bildeten sie die Mehrheit. Aber sie wurden alt und gebrechlich. Im letzten Jahr waren nur noch sieben dabei. Fünf starben in diesem Jahr. So dass beim nächsten Mal nur noch er und Rabbiner Lau vorne wären. Klieger beendet das Gespräch. Tränen in den Augen. Ich will ihn dort nicht alleine lassen. Aber es geht einfach nicht mehr. Ich kann nicht mehr reisen.

Seit Kurzem, sagt Noah, gibt es wieder 17 Millionen Juden auf der Welt. So viele wie vor der Shoah. Und sechs Millionen davon in Israel, soviel, wie in der Shoah ermordet wurden. Das ist doch was, sagt Noah. Das lässt mich ein wenig versöhnt sterben.

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