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Boxer von Auschwitz „Befreien wird mich erst der Tod“

Als die KZ-Aufseher eine Boxer-Truppe zusammenstellen, hebt Noah Klieger die Hand – obwohl er gar nicht boxen kann. Heute ist der 91-Jährige einer der letzten Auschwitz-Überlebenden.

Auschwitz
Nur einer von fünf Deportierten überlebte die ersten Wochen in Auschwitz. Noah Klieger war zwei Jahre hier. Foto: rtr

Noah sitzt in einem kleinen Cafe in Tel Baruch, einem modernen Viertel im Nordwesten Tel Avivs. Fast jeden Tag geht er hierher, um zu frühstücken, denn das Frühstück ist ihm heilig seit damals. Als er auf seiner Pritsche jeden Morgen aufwachte aus dem immer wiederkehrenden Traum von zwölf Brötchen und frisch gebrühtem Kaffee zum Frühstück. Und doch immer wieder nur in der Realität landete: einem schimmligen Stück Brot.

Seit zwölf Jahren wohnt er in diesem Viertel, zusammen mit seiner dritten Frau, Jacqueline. Eigentlich, sagt er, gehöre ich nicht hierher. Denn hier wohnen nur Junge und Wohlhabende. Und ich bin weder das eine noch das andere, sagt Noah, lächelt, 1,65 Meter groß, scharf geschnittene Konturen, die Nase leicht gekrümmt seit seinen Jahren als Boxer in Auschwitz, die grünen Augen wässrig, aber noch immer wach. Um sein hageres Gesicht ein Kranz aus weißen Haaren. Zweihundert Meter sind es hierher von der Wohnung in der Mordechai-Meir-Straße 5a, benannt nach einem ehemaligen Schulkameraden von Noah, Überlebender von Auschwitz auch er, der später in Tel Aviv erst Immobilientycoon wurde und dann Philanthrop. Für die zweihundert Meter benötigt Noah eine Viertelstunde, weil er seit einiger Zeit dieses Teil hier braucht. Er klopft auf den Rollator, der neben ihm steht. Ich hab mittlerweile eine ganze Sammlung von den verdammten Dingern. Seit einigen Jahren leidet er an schwerer Hüftarthrose. Man ist doch kein richtiger Mensch mehr, sagt Noah, wenn man sich nicht mehr bewegen kann. Gebrechlichkeit steht er sich nicht zu. Auch nicht mit fast 92 Jahren.

Ein Leben lang hat Noah Klieger gekämpft, für das Überleben, gegen das Vergessen, für den Aufbau des Staates Israel als Heimstatt und Sehnsuchtsort nach der Shoah, hebräisch für „Das große Unglück“, gegen Kritik an diesem Staat, den er für den besten und schönsten der Welt hält. Er kann nicht anders als kämpfen. Also tut er es nun auch gegen das Alter und den Tod. Was unter uns gesagt natürlich ziemlich dumm ist, sagt Noah. Denn den einen Kampf habe ich schon verloren und den anderen werde ich bald verlieren. Angst davor aber habe er nicht. Habe er nie gehabt, vor nichts und niemandem. Trotzdem, sagt Noah, will ich noch so lange hier bleiben, wie es geht. Auch weil er es als seine Pflicht empfindet gegenüber all jenen, die es nicht geschafft haben, die Hölle von Auschwitz zu überleben. Denen nicht so viele Wunder widerfahren seien, die es dafür brauchte. Schließlich, sagt Noah, kam da nur einer von zehn wieder lebend raus. Einen Preis dafür musste er dennoch zahlen: nur selten verging ein Tag in seinem Leben danach, an dem er nicht an Auschwitz gedacht hätte. Das hört sich vielleicht verrückt an, sagt Noah, aber so war es und so ist es. Von Auschwitz befreien wird mich erst der Tod.

Noah vergisst die Zeit, erzählt, mit altersdünner Stimme, noch immer ausgestattet mit einem fast fotografischen Gedächtnis, in präzisem Deutsch, eine von sechs Sprachen, die er spricht, Stunde um Stunde, acht am Ende des ersten Tages, von seinem Leben. Seinen Leben, den vielen, die er hatte. Noah als Kind in Straßburg, als jugendliches Mitglied einer jüdischen Untergrundgruppe in Belgien, Noah in Auschwitz, fast zwei Jahre lang, obwohl vier Fünftel der Ankömmlinge keine zwei Wochen dort überlebten, Noah, der für die israelische Armee im Sechstagekrieg kämpfte, Noah, der als Journalist dabei war bei den großen Frankfurter Auschwitzprozessen in den Sechzigern, Noah, der große Sportreporter, der von neun Olympischen Spielen berichtete, Noah, der noch immer fast jeden Tag für seine Zeitung schreibt, bei der er seit 1948 angestellt ist, Jedi’ot Achronoth (Neueste Nachrichten), „als ältester aktiver Zeitungsredakteur der Welt“.

Und vor allem von Noah, dem Getriebenen, der nie aufhörte, nie aufhören konnte, zu erzählen von Auschwitz, der sich schwor, vor über siebzig Jahren, wenn ich hier lebend rauskomme, dann soll die Welt davon erfahren. Dann soll es nicht umsonst gewesen sein. Der sich bis heute immer und immer wieder der Erinnerung aussetzt, wo viele den anderen Weg wählten, nie mehr darüber zu sprechen, niemandem das Grauen zu erzählen. Manche nicht mal ihren Kindern.

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