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Bosnien-Herzegowina Ganz Banja Luka sucht den Mörder von David Dragicevic

Im März wurde David Dragicevic in Banja Luka ermordet. In das Verbrechen scheinen auch Behörden und einflussreiche Familien verstrickt zu sein. Vor den Wahlen in Bosnien-Herzegowina wird Davids Tod zunehmend zum Politikum.

Demonstration in Banja Luka.
„Wir gehen bis zum Ende“ – und das seit 180 Tagen: Demonstranten auf dem Hauptplatz in Banja Luka ballen ihre Fäuste. Foto: dpa

Vor seinem Foto liegen frische Blumen, dazwischen stehen kleine Engel, Kuscheltiere und brennende Kerzen. Außerhalb des auf dem Boden ausgelegten Herzes für David Dragicevic sind Fotos von hohen Beamten des bosnischen Landesteils Republika Srpska zu sehen. Die Demonstranten hier auf dem Hauptplatz von Banja Luka bezeugen ihre Missachtung für Polizei, Justiz und Politik, indem sie über die Fotos dieser Männer laufen.

„Lieber Sohn, mein Lieber, wir sind jetzt 180 Tage auf diesem Platz“, so beginnt Davor Dragicevic, der Vater des ermordeten 21-jährigen Studenten, seine Rede. Dann wendet er sich an die Menschen, die sich hier versammelt haben. Es sind Leute aller Altersgruppen, manche tragen T-Shirts, auf denen das Gesicht des jungen Mannes zu sehen ist, darunter sind die Worte „Gerechtigkeit für David“ zu lesen.

„Danke auch im Namen von David, dass ihr gekommen seid“, sagt der Vater. Kurz danach kehrt sich aber die Trauer um den Verlust seines Sohnes in eine flammende Anklage – die eine Stunde lang dauern wird. Davor Dragicevic fordert nicht nur Genugtuung und die Verhaftung der Mörder – er fordert nichts Geringeres als einen Systemwechsel.

David Dragicevic wurde von Behörden als Drogensüchtiger dargestellt

Seit einem halben Jahr kommen jeden Tag um 18 Uhr etwa 100 bis 200 Bosnier auf den Platz, der von ihnen nach David benannt wurde, um die Aufklärung des Todesfalls einzufordern. Ihr Zeichen ist die geballte Faust, für die in der Mitte des Platzes ein Monument errichtet wurde. Manche tragen Halsketten mit dem Antlitz des jungen Mannes mit den Rasta-Locken, dessen Tod ihn zu einer Ikone des Widerstands gegen ein verfilztes, intransparentes System gemacht hat.

David Dragicevic verschwand in der Nacht vom 17. auf den 18. März, er war zuvor noch in einigen Lokalen gesehen worden. Am 24. März wurde er mit zahlreichen Wunden tot in einem Abwasserkanal mitten in der Stadt gefunden. Auf der Pressekonferenz der Behörden, die nach dem Fund des Toten einberufen wurde, wurden sowohl die falsche Todesursache (ein Unfall) angegeben als auch widersprüchliche Angaben dazu gemacht, wie lang David im Wasser lag. David wurde außerdem kriminalisiert: Ihm wurde unterstellt, in besagter Nacht einen Einbruch begangen zu haben, er wurde von den Behörden als Drogensüchtiger dargestellt, der LSD genommen habe.

Massendemonstrationen in Banja Luka

All diese Vorwürfe mit dem Ziel, das Mordopfer zu diskreditieren, stellten sich später als falsch heraus. Die Mutter schnitt dem toten Sohn eine Haarsträhne ab und ließ sie in Wien in einem Labor untersuchen – es stellte sich heraus, dass David kein LSD genommen hatte. Seine 13-jährige Schwester, die mit der Mutter nahe Wien lebt, ließ sich eine andere Haarsträhne ihres toten Bruders in die eigenen Locken flechten.

In den letzten Monaten kam es wiederholt zu Massendemonstrationen in Banja Luka, weil immer offensichtlicher wurde, dass die Behörden etwas vertuschen wollten. Völlig ungeklärt ist etwa, wo sich David aufhielt, bevor er Tage nach seinem Verschwinden zu Tode geprügelt wurde. Oder weshalb seine Unterwäsche verschwand. Und was die Polizei für ein Motiv hatte, das Verbrechen nicht klar zu benennen.

Möglich, dass – wie der Vater glaubt – Beamte selbst involviert sind. Oder dass Mitglieder oder Bekannte von einflussreichen Familien oder Persönlichkeiten in den Fall verstrickt sind. Sicher ist, dass geschlampt wurde: So wurden Videoaufnahmen von öffentlichen Plätzen in Banja Luka von jener Nacht, in der David verschwand, gelöscht.

Üble Machenschaften

Als die Mutter Suzana Radanovic das Mikrofon ergreift, schweigt die Menge. Suzana Radanovic wirkt zerbrechlich und doch kämpferisch, sie wirft den Verantwortlichen in Polizei, Justiz und Politik vor, nur an Geld interessiert und in üble Machenschaften verstrickt zu sein. Auch der Präsident des bosnischen Landesteils Republika Srpska, Milorad Dodik, wird heftig kritisiert. Die Eltern sind sauer auf ihn.

Denn Dodik hatte in einem Fernseh-Interview von einer „besonderen“ Familie gesprochen und indirekt die Verantwortung auf die Mutter geschoben, weil diese sich vor ein paar Jahren von ihrem Mann  getrennt hatte. Besonders wütend macht die Eltern, dass Dodik sagte, Vater Dragicevic könne ja mit seinen verbliebenen Kindern das Fest des Familienheiligen feiern. Zuvor hatte Davor Dragicevic gesagt, er könne das Fest nach dem Tod seines Sohnes nicht mehr feiern.

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