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Bonanza Notfallrutschen für alle

Unsere Autorin lobt Pseudocowboys und ist, was Flugbegleiter angeht, gespalten. Vor allem wenn sie bei Iberia arbeiten.

13.08.2010 16:37
Karin Ceballos Betancur
Sollte es nicht in Flugzeugen geben: Notfallrutsche. Foto: Nasa

Während eines Highschool-Jahrs in den USA erzählte uns eine Lehrerin vor Jahren von einer Statistik, derzufolge man für jedes Kompliment, das einem widerfährt, im Schnitt zehn Mal pro Tag beleidigt wird. Um diesem beklagenswerten Umstand entgegenzuwirken, wurden wir aufgefordert, uns Pappteller auf den Rücken zu kleben und einander eine Schulstunde lang Komplimente auf den Rücken zu schreiben. Darauf muss man erst mal kommen. Und sich innerlich auf den Scheißeregen gefasst machen, der einen statistisch wahrscheinlich nach dem Pausenklingeln erwartet.

Ich beglückwünschte Dauerwellenträgerinnen mit Betonpony zu ihrem geschmackvollen Haarschnitt, Pseudocowboys mit schuhkartongroßen Gürtelschnallen zu ihrem maskulinen Lebensstil und den Mitschüler, der mit viel Leidenschaft bei einem Bestattungsunternehmen jobbte, zu seiner lebensbejahenden Wesensart. Später bin ich nie wieder in die USA zurückgekehrt. Und von mir aus kann es für den Rest meines Lebens dabei bleiben.

Zweifel an der Richtigkeit der Statistik sind mir jedoch immer geblieben. Das Verhältnis 1:10 erscheint einfach kaum vorstellbar in einem Land, in dem sich jede Supermarktaushilfe mit einer Überschwänglichkeit für den Kauf eines Päckchens Kaugummi bedankt, als hätte man ihr auf dem Weihnachtsbasar ein selbstgestricktes Paar Handschuhe mit drei Fingern abgekauft, in einer Gesellschaft, die Tankwarte dazu treibt, den singenden Vortrag ihrer Dienstleistungsangebote Millimeter vor der Aufforderung zum Geschlechtsverkehr zu bremsen.

Der Fall Steven Slater allerdings legt nahe, dass sich im Laufe der vergangenen 20 Jahre in den Vereinigten Staaten einiges verändert hat. Oder aber der Steward mit der beneidenswert coolsten Kündigungsperformance aller Zeiten hatte Stunden vor dem Abflug einen Wahnsinnsschlag bei den Frauen. Anders lässt sich so viel Unbill zwischen Start und Landung, Platzwunde an der Stirn inklusive, kaum erklären. Ich selbst habe ein gespaltenes Verhältnis zu Flugbegleitern. Vor allem wenn sie bei Iberia arbeiten. Einerseits habe ich großes Verständnis dafür, dass es keinen Spaß macht, Servierwagen durch die Luft zu schubsen und sich Tag für Tag mit einer Sicherheitsweste um den Hals zum Affen zu machen, während die Passagiere desinteressiert an ihren Schnürsenkeln nesteln und das Klima am Arbeitsplatz verpesten. Andererseits mag ich es nicht, wenn man mir auf einem Transatlantikflug morgens um drei das Gefühl gibt, ich würde dem Kapitän die Pausenbrote wegessen, wenn ich um ein Sandwich bitte. Wahrscheinlich ist es am Ende immer eine Frage der Perspektive. Eine Bekannte, die als Stewardess arbeitet, erzählte mir vor Jahren von einer Kollegin, die wenige Monate vor ihrer Kündigung in der bereits geöffneten Flugzeugtür angesichts der nahenden Passagiere raunte: „Da kommen die Arschlöcher.“

Früher wollte ich auch mal Stewardess werden. Inzwischen bereue ich in Zusammenhang mit meiner Berufswahl eigentlich nur noch, dass Zeitungsredaktionen keine Notfallrutschen haben. Und der Kühlschrank mit dem Bier ist auch meistens leer.

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