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Bliss Broyard "Mein Vater war ein Opfer"

Die US-Amerikanerin Bliss Broyard erfährt erst am Totenbett ihres Vaters, dass er schwarzer Herkunft ist. Der New Yorker Kritiker Anatole Broyard gab sich sein Leben lang als Weißer aus. Von Sebastian Moll

Anatole Broyard, Autor und Literaturkritiker der New Yorke Times, gemeinsam mit seiner Tochter Bliss kurz vor seinem Tod. Foto: Sandy Broyard

Es gibt sicherlich nicht viele hellhäutige Frauen, die sich hier wohl fühlen würden. Wir sind an der Ecke DeKalb Avenue und Carlton im Fort Greene Distrikt von Brooklyn, einem schwarzen Ghetto, in das sich in den vergangenen Jahren wegen der günstigen Mieten zaghaft ein paar weiße Künstler und Schriftsteller vorgewagt haben. Die Schule liegt vis-a-vis und die Straße ist voller übermütiger schwarzer Kids.

"Supermodel", zischt ein pubertierender Junge im Rapper-Look Bliss Broyard zu, während wir zusammen zu ihrem Lieblingscafé "Smooch" laufen, einem Refugium der zugezogenen Boheme. Viele würde die Anmache einschüchtern, doch die für die Gegend auffallend schick gekleidete 41-Jährige, die gerade von einem geschäftlichen Mittagessen kommt, ist eher belustigt. "Melde Dich in 20 Jahren noch einmal", ruft sie dem Jungen hinterher. Offensichtlich genießt Broyard solche Momente, genießt es, am schwarzen Straßenleben Teil zu haben.

Das "Smooch" ist ein schmaler Raum mit einer langen Kaffeetheke an deren Enden jeweils Sitzecken im Hippiestil mit Samtkissen ausgelegt sind. Es ist ein Melting Pot der kreativen Klasse - junge Schwarze und Weiße sitzen hinter Laptops oder lesen. Sie sei beinahe jeden Tag hier, erzählt Broyard, einen großen Teil ihres Buches "Ein Tropfen" habe sie hier geschrieben. Es ist ein perfekter Entstehungsort für ein Buch, das den Ehrgeiz hat, die Rassenbeziehungen in den USA in ihrer ganzen Komplexität darzustellen, ein Buch, das die Fortschritte in diesen Beziehungen würdigt, aber auch nicht verschweigt, wie viel Unbewältigtes noch immer mitschwingt im Denken und Reden über Rasse in Amerika.

Vor 18 Jahren erfuhr Bliss Broyard am Totenbett ihres Vaters, dass dieser sein Leben lang ein Geheimnis vor seiner Familie gehütet hatte. Der New York Times-Literaturkritiker Anatole Broyard war Sohn kreolischer Eltern aus New Orleans. Allerdings war sein Teint so hell, dass man ihm seine schwarze Herkunft nicht ansehen konnte. So entschloss er sich in den 1940er Jahren als junger ehrgeiziger Journalist in New York, sich für einen Weißen auszugeben und ein neues Leben zu beginnen. Er verleugnete seine schwarze Verwandtschaft, heiratete eine weiße Frau norwegischer Abstammung und zog in einen vornehmen weißen Vorort in Connecticut.

Mehr als zehn Jahre brachte Bliss Broyard nach dieser Enthüllung damit zu, ihre schwarze Familiengeschichte aufzudecken und ihre verlorenen Verwandten zu suchen. "Ein Tropfen" ist die Geschichte dieser Suche, einer Suche, die sie nach Los Angeles und nach New Orleans führte, ihr eine neue Großfamilie bescherte und ihre sicher geglaubte Identität als höhere weiße Tochter komplett über den Haufen warf.

Warum war es Ihnen so wichtig, Ihre schwarze Familiengeschichte aufzudecken?

Als ich von dem Geheimnis meines Vaters erfuhr, war es, als ob der Mann, dem ich ein Leben lang so nahe gewesen bin, mir plötzlich fremd würde. Es war also in erster Linie der Versuch, mir meinen Vater zurück zu holen. Ich wollte verstehen, warum mein Vater seine Herkunft verleugnet hat. Ich hatte ihn immer sehr bewundert und es hat mein Bild von ihm zunächst sehr getrübt. Es ist ja keine besonders schöne Tat, seine Familie zu verleugnen, um zu reüssieren.

Können Sie das jetzt besser verstehen?

Ja, unbedingt. Ich bin in einer heilen Welt aufgewachsen und war sehr naiv, was die Rassenbeziehungen in den USA angeht. Jetzt habe ich durch die Gespräche mit meinen Verwandten und mit vielen anderen, die dieselbe Entscheidung getroffen haben wie mein Vater, ein Gefühl dafür bekommen, wie schwer es tatsächlich war für Schwarze in den USA der 1940er, 1950er und 1960er Jahre und wie groß die Versuchung gewesen sein muss, als Weißer durchzugehen, wenn man das konnte. Selbst die engsten Verwandten meines Vaters, die von seiner Zurückweisung sehr verletzt waren, haben das verstanden. Ich sehe meinen Vater heute mehr als Opfer. Es ist tragisch, dass er vor diese Wahl gestellt wurde.

Als das Buch "Der menschliche Makel" von Philip Roth erschien, dachten Sie, dass die Figur Coleman Silk auf der Lebensgeschichte Ihres Vater aufbaut?

Natürlich gibt es große Ähnlichkeiten und ich bin mir sicher, dass Roth daran gedacht hat. Er behauptet zwar, das stimme nicht, weil er sonst rechtliche Probleme bekommen könnte, aber er behauptet ja immer, seine Erzähler hätten nichts mit ihm persönlich zu tun, obwohl die Parallelen ganz offensichtlich sind und die Figuren bisweilen sogar Philip Roth heißen. Zunächst einmal war ich sehr eingeschüchtert. Ich hatte damals schon lange mit meinem eigenen Projekt begonnen. 1996, vier Jahre vor dem "Menschlichen Makel", hatte bereits Henry Louis Gates im New Yorker einen Aufsatz über meinen Vater geschrieben. Ich hatte es also mit dem wichtigsten schwarzen Intellektuellen in den USA und mit einem der größten US-amerikanischen Schriftsteller zu tun und ich selbst war nur eine junge Debütantin. Erst hat mich das sehr gehemmt, dann hat es mich aber angestachelt und motiviert. Je mehr ich über Roth nachdachte, desto weniger überzeugend fand ich seine Figur. Es ist einfach nicht wahr, dass Schwarze, die als Weiße durchgehen wollen, sich in dem Maße selbst kulturell ausradieren. Das hat mein Vater nie getan und das wollte ich auch zeigen.

Was haben Sie im Verlauf Ihrer Reise über sich selbst herausbekommen?

Ich habe entdeckt, dass ich durch meinen Vater mit den besten und den schlimmsten US-amerikanischen Traditionen verbunden bin - von der Sklaverei und der rassistischen Unterdrückung bis zu der Freiheit, sich selbst zu erfinden, die mein Vater wie sonst kaum jemand verkörpert. Ich fühle mich dadurch sehr bereichert. Die Frage, ob ich schwarz oder weiß bin, ist für mich hingegen wesentlich unwichtiger geworden als zu dem Zeitpunkt, an dem ich von der Herkunft meines Vaters erfuhr. Ich habe weiße französische Vorfahren sowie freie Kreolen aus New Orleans, von denen manche sogar Sklavenhalter waren. Kein Klischee von Schwarz oder Weiß passt auf unsere Familie. Umso tragischer war es, dass mein Vater sich entscheiden musste.

BLISS BROYARD macht den Zwang, sich zu entscheiden, einem Lager zuzugehören, mehr als alles andere für das Schicksal ihres Vaters und ihrer Familie verantwortlich. Es ist für sie das hartnäckigste Restübel des US-amerikanischen Rassismus': Jenes starre Schubladendenken, jenes reflexhafte Einordnen von Menschen gemäß ihrer Hautfarbe.

Bliss Broyard selbst würde man im Vorübergehen niemals ansehen, dass sie schwarze Vorfahren hat. Wenn man danach sucht, entdeckt man jedoch durchaus Spuren ihrer kreolischen Herkunft. Ihre lebendigen Augen sind braun, ein dunkles, tiefes Braun, einen Hauch zu kräftig für eine reinrassig Weiße. Ihre Nase ist ein klein wenig breit. Ihre Haare sind ungewöhnlich dicht und tiefschwarz, ihre Lippen voll. Weiß, aber untypisch, schön, aber nicht klassisch, sondern auf eine ungewöhnliche, interessante Art, sind vielleicht die besten Umschreibungen für Bliss Broyard.

Seit der Entdeckung ihrer schwarzen Herkunft kreuze sie immer, wenn in einem Behörden-Fragebogen nach der Rasse gefragt werde, das Feld "gemischt" an. Eine Option, die es bei offiziellen Umfragen in den USA allerdings erst seit dem Jahr 2000 gibt. Die Anzahl derjenigen, die sich selbst als gemischt-rassisch identifiziert ist seit 2000 kaum angestiegen. Gemischter Herkunft zu sein ist noch immer mit einem Tabu belegt. Wer in den USA versucht, offen als "gemischt-rassisch" zu leben, gerät bis heute unweigerlich in die Kritik. Eine Erfahrung, die weder Bliss Broyard noch Barack Obama erspart blieb.

Eine Kritikerin der Los Angeles Times hat geschrieben, dass Sie es sich in der Rassenfrage zu leicht machen, wenn Sie sagen, dass Farbe keine Rolle spiele. Eine solche Haltung sei das Privileg einer Frau mit heller Haut. Ein Schwarzer habe nicht den Luxus, das so zu sehen. Wie ist Ihre Reaktion auf solche Vorwürfe?

Es macht mich sehr wütend, weil ich in meinem Buch Hunderte von Seiten darauf verwende, zu zeigen, welche konkreten Auswirkungen Rasse im Leben der Menschen hatte und immer noch hat - vom Zugang zu Grundrechten bis hin zur Möglichkeit, Wohlstand zu erwerben und an der Gesellschaft teilzuhaben. Ich sehe es ja hier in Fort Greene Tag für Tag. Die Chancen für Schwarze, eine gute Ausbildung und einen guten Job zu bekommen, sind wesentlich geringer als bei Weißen und die Wahrscheinlichkeit, dass schwarze Jugendliche kriminell werden, ist extrem hoch. Es gibt noch immer eine Hierarchie zwischen den Rassen in den USA. Die Kritikerin wollte unbedingt, dass ich mich entscheide. Natürlich hat sie Recht, wenn sie sagt, dass ich mich wegen meines Aussehens nicht entscheiden muss. Aber meine Weigerung, mich zu entscheiden, ist doch kein Leugnen meiner rassischen Identität, sondern es ist die Ablehnung der Gegenüberstellung von Schwarz und Weiß.

Was ist Rasse für Sie?

Auf keinen Fall eine biologische Tatsache. Nur etwa 0,1 Prozent unserer Gene sind für unsere äußeren Unterschiede verantwortlich. Sie bedeuten überhaupt nichts im Vergleich zu den Tausenden von Genen, die wirklich bestimmen, wer wir sind, unsere Intelligenz, unsere emotionale Sensibilität, unsere künstlerischen Begabungen. Ich bin voll und ganz Anhängerin der These, dass Rasse eine "soziale Konstruktion" ist.

Eine, die aber enorme Auswirkungen hat.

Das ist ja das Missverständnis. Wenn ich sage, dass für mich Rasse nicht wichtig ist, dann leugne ich damit nicht das Leid und die Unterdrückung, die im Namen von Rasse Menschen zugefügt wurden und werden. Gerade deshalb müssen wir aber doch anfangen, diese Kategorien hinter uns zu lassen. Es schmerzt mich sehr, dass man immer noch dazu gezwungen wird, sich zu einer Gruppe zu bekennen. Es gab auch bei Obama diese Diskussionen. Viele aus der Bürgerrechtsbewegung warfen ihm vor, nicht "richtig schwarz" zu sein.

Beginnt sich durch Obama im Denken der Leute etwas zu bewegen?

Dass er gewählt wurde, stimmt jedenfalls zuversichtlich. Er propagiert das Denken jenseits von Ideologien und Schubladen. Und er weigert sich, genau wie ich, sich ein rassistisches Label aufdrücken zu lassen. Ich identifiziere mich sehr mit ihm.

Glauben Sie, wie Obama, an die post-rassistische Gesellschaft?

Ich bin mir nicht ganz sicher, was das bedeuten soll. Rasse wird nicht verschwinden, es wird nie eine Zeit geben, in der es keine Rassen mehr gibt. Das ist gut so. Es ist etwas Wunderbares, eine bedeutungsvolle kulturelle Identität zu haben, es gibt in den USA eine ungemein reiche schwarze Kultur. Was verschwinden muss, ist der Gedanke einer rassistischen Hierarchie, dass eine Rasse auf irgendeine Art besser ist, als die andere.

ALS BLISS BROYARD vor drei Jahren mit ihrem Mann, dem jüdischen Literaturprofessor Nico Israel, und ihrer heute zweieinhalb Jahre alten Tochter Esme nach Fort Greene zog, war das eine ganz bewusste Entscheidung. "Ich wollte unbedingt, dass meine Kinder in einer gemischt-rassischen Gegend aufwachsen", sagt sie, während sie sich auf den Kissen ihrer Lieblingsecke im Smooch streckt, um ihren vom Sitzen ermüdeten Rücken zu entlasten. Bliss Broyard ist schwanger, im Sommer erwartet sie ihr zweites Baby.

Wie seine Schwester soll dieses Baby das bekommen, was der Mutter selbst verwehrt blieb: von klein auf mit Menschen anderer Hautfarbe zusammen zu leben. Bliss Broyard wuchs in Fairfield, Connecticut, auf, "dem reichsten Ort im reichsten Staat der USA, dem reichsten Land der Welt", wie sie sagt. Die Bevölkerung dort war zu 99,5 Prozent weiß. Bliss selbst kann sich nicht daran erinnern, dort jemals einem Schwarzen begegnet zu sein. Und so hatte es ihr Vater auch gewollt.

Ich helfe Bliss in ihren Kaschmirmantel und wir treten hinaus in einen wunderschönen frühlingshaften Nachmittag.

Richtiggehend idyllisch wirkt das Viertel jetzt: Der Fort Greene Park ist von prächtigen Einfamilienhäusern aus der Gründerzeit gesäumt, ein paar Jugendliche spielen auf einem Spielplatz Basketball. Hausfrauen stehen zusammen auf der Straße und ratschen. Bliss Broyard beschließt, mich noch zur U-Bahn Station an der Atlantic Avenue zu begleiten.

"Ich erwische mich immer noch selbst dabei, dass ich die Rassenschublade im Kopf habe", gesteht sie, während wir gemeinsam durch die Straßen von Fort Greene spazieren. "Ich muss mich oft dazu zwingen, nicht jedem schwarzen Jugendlichen auf der Straße erst einmal zu unterstellen, dass er kriminell ist." Das, sagt Bliss, sei das Schwierigste am Kampf gegen den Rassismus, der Kampf gegen den eigenen, unbewussten Rassismus, den man wohl nie ganz los wird, wenn man an einem Ort wie Fairfield groß geworden ist: "Man muss sich immer wieder dazu ermahnen, dem anderen guten Willen zu unterstellen. Sonst erntet man auch niemals guten Willen "

Der größte Wunsch von Bliss Broyard ist, dass ihre Kinder sich gar nicht erst mit solchen inneren Konflikten herumschlagen müssen, dass sie von Anfang an Menschen anderer Hautfarbe wahrhaft offen begegnen können. Deshalb, sagt sie, sei es für sie auch das reinste Glück, wenn sie ihrer Tochter dabei zusehe, wie sie mit ihren schwarzen Cousins und Cousinen spiele.

Ob ihr Vater bei diesem Anblick ebenso beglückt wäre, frage ich Bliss Broyard. "Er hat immer behauptet, die einzige Familie, die er je gebraucht habe, seien die Denker und Schriftsteller, die er bewunderte", sagt sie und bleibt für einen Augenblick auf der Atlantic Avenue stehen. "Aber ich wusste immer, dass das nicht wahr ist."

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