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Bistum Aachen Die Windeln Jesu

Zur Heiligtumsfahrt im Jubiläumsjahr erwartet Aachen 100.000 Besucher. Weder der Transfer der Tuchreliquien aus Jerusalem nach Aachen noch die Herkunft der Stoffe oder gar ihre ursprüngliche Bestimmung sind gesichert: Es geht nicht um "Echtheit" im naturwissenschaftlichen Sinn, sondern um Glauben.

Ein Priester entnimmt im Aachener Dom die Tuchreliquien aus dem Marienschrein. Die Wallfahrt findet seit 1349 alle sieben Jahre statt. Foto: picture-alliance/ dpa

Das Kleid Mariens, das Enthauptungstuch Johannes des Täufers, der Lendenschurz Jesu und die Windeln des Christkinds – nach 2546 Tagen oder den traditionellen sieben Jahren zeigt das Bistum Aachen vom 20. Juni an wieder seine „Heiligtümer“, Tuchreliquien aus biblischer Zeit, die Kaiser Karl der Große im Jahr 799 erhielt. Besser: erhalten haben soll. Weder der Transfer aus Jerusalem nach Aachen noch die Herkunft der Stoffe oder gar ihre ursprüngliche Bestimmung sind gesichert.

Aber für Bischof Heinrich Mussinghoff kommt es auch gar nicht darauf an, ob es „die Windeln sind, in die Jesus wirklich reingemacht hat“. Deutlicher lässt sich moderne Skepsis kaum entkräften. Es geht laut Mussinghoff nicht um „Echtheit“ im naturwissenschaftlichen Sinn, sondern um den Glauben, um eine geistliche Verbindung der Menschen von heute mit den biblischen Gestalten. Deshalb sehe er auch keinen Grund, die Verehrung der Heiligtümer für Unsinn zu halten, bekräftigt der Bischof. „Gott geht auf Tuchfühlung mit uns und wir mit ihm“, so hat es Mussinghoffs Vorgänger Klaus Hemmerle formuliert.

Immerhin: Zahlreiche Indizien sprächen dafür, dass die gut erhaltenen Textilien im 1. Jahrhundert im Vorderen Orient gewebt wurden. Auf dem Enthauptungstuch und dem Lendentuch fänden sich Blutspuren, berichtet Mussinghoff aus eigenem Augenschein. Aus konservatorischen Gründen bekommen die Gläubigen nur das Kleid Mariens in Gänze ausgebreitet zu sehen. Die anderen Reliquien bleiben säuberlich verpackt, werden aber zumindest dem goldenen Schrein entnommen, in dem sie üblicherweise aufbewahrt sind.

Das Bistum unternimmt einiges, um die seit 1349 bestehende Tradition der Heiligtumsfahrt für das 21. Jahrhundert aufzufrischen. Pilgern liegt im Trend, und so sind Vereine und Verbände, Kinder und Senioren, Radfahrer und Biker eingeladen, sich auf den Weg nach Aachen zu machen. Erstmals gibt es eigene „After-Work-Gottesdienste“ und eine „Nacht der Jugend“. Als besonderes „Highlight“ bezeichnet Wallfahrtsleiter Hans-Günther Vienken auch das Nachtgebet im Dom, bei dem die Reliquien jeden Tag zum letzten Mal gezeigt werden.

Seit seiner ersten eigenen Teilnahme an der Heiligtumsfahrt 1979, sagt Mussinghoff, habe sich der Akzent organisatorisch von der Ansprache der Bistumsregionen zu speziellen Zielgruppen verschoben. Das Motto „Glaube in Bewegung“ sei ein Appell. Wie das gehe, könne man am Beispiel von Papst Franziskus sehen – diesen Schlenker, ohne den katholisch kaum noch etwas geht, lässt der Bischof sich nicht entgehen. „Wir freuen uns darüber, dass er Bewegung in die Kirche bringt“, sagt Mussinghoff und hat den Papst bereits um ein Grußwort gebeten.

Im „Jubiläumsjahr“ 2014, in dem der 600. Weihetag des Chors im Aachener Dom und der 1200. Todestag des Stadtpatrons Karls des Großen gefeiert werden, rechnet das Bistum zur neuntägigen Heiligtumsfahrt mit 100.000 Besuchern.

Die Sachkosten beziffern die Verantwortlichen auf 2,1 Millionen Euro. Ein Viertel stammt von Spendern und Sponsoren, der Rest aus Kirchensteuer und anderen Töpfen.

In die Finanzierung inbegriffen ist die Festwoche im September, die mit Gottesdiensten, Konzerten, Symposien und Ausstellungen an die Weihe der gotischen Chorhalle 1414 erinnert, eines „Hauses aus Licht“ (Marie-Luise Kaschnitz) mit 1000 Quadratmetern Glasfläche.

Das Meisterwerk zeugt von Aachens Rang als Wallfahrtsort, der im Mittelalter gleichauf mit Jerusalem oder Santiago de Compostela lag. Nicht zuletzt wegen der Windeln Jesu.

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