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Betreuung Mit den Problemen alleingelassen

Deutschen Schulen mangelt es an Psychologen.

Gutenberg-Gymnasium
Dieses Bild ging um die Welt: Mit einem Zettel machten die Schüler am Gutenberg-Gymnasium auf sich aufmerksam. Foto: dpa

Amokläufe sind in der Regel nicht vorhersehbar. „Aber man kann präventiv etwas tun. Man kann Außenseiter integrieren, Vertrauen schaffen zwischen Lehrern und Schüler“, sagt Klaus Seifried. Er ist pensionierter Schulpsychologiedirektor und stellvertretender Vorsitzender der Sektion Schulpsychologie des Berufsverbandes Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP) und war auch selbst 26 Jahre als Schulpsychologe in Berlin tätig. „Aber unsere Arbeit beginnt nicht erst bei solchen extremen Ereignissen wie Amoktaten“, so Seifried weiter.

„Rund 20 Prozent von Jungen und Mädchen entwickeln im Laufe ihrer Schulzeit Schwierigkeiten, die oftmals psychologische Beratung erfordern. Das können Lernprobleme sein, Mobbing, oder die Trennung der Eltern macht Schülern zu schaffen.“ Doch obwohl es einen solch großen Bedarf gebe, sei die Versorgung in Deutschland mangelhaft.

Ein Experte für 8900 Schüler

Im bundesweiten Schnitt kam laut BDP 2016 ein Schulpsychologe auf rund 8900 Schüler. Dabei hat sich die Versorgung im Vergleich zu den vorigen Jahren schon verbessert, in erster Linie weil auch der Bedarf gestiegen ist durch Flüchtlingskinder, die mit traumatischen Erlebnissen an Schulen kommen. In Hessen, NRW und Berlin sind deswegen voriges Jahr mehr Schulpsychologen eingestellt worden, in NRW allein wurden 34 zusätzliche Stellen mit dem Schwerpunkt neu zugewanderter Kinder und Jugendlicher geschaffen. Trotzdem erfüllen lediglich die drei Länder Berlin, Hamburg und das Saarland annähernd die empfohlene Mindestversorgung. Und die liegt schon recht niedrig: 1974 ist auf der Kultusministerkonferenz der Länder ein Versorgungsschlüssel von 1 zu 5000 beschlossen worden. Das heißt, ein Schulpsychologe solle für höchstens 5000 Schüler zuständig sein.

Der niedrige Versorgungsschlüssel ist auch auf die unterschiedliche Verteilung von Stadt- und Landregionen zurückzuführen. „Wie in anderen Berufen auch wird es zunehmend schwerer geeignete Bewerber für ländliche Regionen zu finden“, sagt Jörg Harm, Sprecher des Schulministeriums in NRW. „In jedem Kreis und in jeder kreisfreien Stadt stehen mindestens zwei Landesstellen für die schulpsychologische Versorgung bereit, in vielen Kommunen sogar drei bis sechs“, sagt Harm über die Versorgung in NRW. „In Großstädten gibt es natürlich andere Konflikte und Problemlagen als auf dem flachen Land. Im sozialen Ballungsraum treten auch mehr Probleme auf. Trotzdem sollte auch in ländlichen Regionen eine verlässliche Versorgung Standard sein“, erklärt Klaus Seifried.

Thüringen hat nach den Zahlen des BDP 35 Schulpsychologen, umgerechnet kommt damit ein Schulpsychologe auf 6786 Schüler. „Wichtiger als die reine Statistik ist aber, dass in Thüringen überall dort, wo Schulpsychologinnen und Schulpsychologen benötigt werden, diese auch zum Einsatz kommen“, sagt hingegen Frank Schenker, Sprecher des Schulministeriums Thüringen. Christiane Alt, Schulleiterin des Gutenberg-Gymnasiums in Erfurt, sieht allerdings ein Problem darin, dass die Psychologen selten an den Schulen direkt angestellt sind, sondern bei Bedarf von den jeweiligen Schulministerien angefordert werden müssen. „Es muss erst einmal Vertrauen zu den Schülern aufgebaut werden. Bei entsandten Psychologen von den Schulämtern bleibt es aber oft anonym, da sie nicht täglich mit den Schülern in Kontakt sind“, sagt sie.

An der Erfurter Schule wurde nach dem Amoklauf zwar ein Schulpsychologe eingestellt – zwei Jahre später allerdings wieder entlassen, das Geld dafür war nicht mehr da. Bis heute ist keine neue Stelle geschaffen worden. Es gebe selbstverständlich immer noch Bedarf, sagt Alt. Die Generation von 2002 sei zwar längst aus der Schullaufbahn herausgewachsen, aber wie an jeder anderen Schule gebe es Situationen, in denen psychologische Beratung gebraucht werde.

Ein spezielles Modell hat Bayern. Lehrer können im Studium das Wahlfach Schulpsychologie belegen und so diese Aufgaben selbst übernehmen. „Das ist eine sinnvolle Sache“, sagt der pensionierte Schulpsychologe Seifried, „aber es ersetzt keine vollständig ausgebildeten Psychologen.“

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