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Bestseller-Autor Simon Beckett Der Killer-Versteher

Eine Gespräch über Alpträume und warum er vor allem in Deutschland so erfolgreich ist mit dem Autor Simon Beckett, dessen Krimi „Verwesung“ auf Platz 1 steht.

30.03.2011 15:39
Petra Pluwatsch
„Wenn ich schlecht träume, hat das andere Ursachen“: Simon Beckett kann mit morbiden Roman-Themen umgehen. Foto: dpa

Eine Gespräch über Alpträume und warum er vor allem in Deutschland so erfolgreich ist mit dem Autor Simon Beckett, dessen Krimi „Verwesung“ auf Platz 1 steht.

Ein schmales Lächeln stiehlt sich auf das Gesicht des Autors. Simon Beckett schüttelt den Kopf. Nein, Alpträume bereiten ihm seine eigenen Kriminalromane nicht. „Wenn ich schlecht träume, dann hat das andere Ursachen“, sagt er. Weißes Hemd, offener Kragen, schwarzer Anzug, die dunklen Schuhe spiegelblank, die Haare millimeterkurz geschoren – der Mann, dessen Krimireihe um den forensischen Anthropologen David Hunter selbst eingefleischte Krimifans das Gruseln lehrt, sieht aus wie ein Banker aus der Londoner City. Die Stimme ist verhalten, die Antworten sind knapp – Superseller Beckett, 1968 im englischen Sheffield geboren, ist kein Mann, der das Herz auf der Zunge trägt.

Seine bislang vier Bände um den englischen Forensiker David Hunter wurden in Deutschland auf Anhieb ein Hit. Auch der jüngste Band, „Verwesung“, gerade in deutscher Übersetzung erschienen, schoss sofort an die Spitze der Bestsellerlisten. Na, ist doch eine feine Sache! Beckett nickt. Sein Gesicht wirkt abgeklärt. In der Tat, eine feine Sache.

Erklären kann er sich den Erfolg seiner Krimi-Reihe ausgerechnet in Deutschland freilich nicht. In Großbritannien fahren seine Bücher allenfalls respektable Verkaufszahlen ein. In seiner Heimatstadt Sheffield kennt man ihn als den Good Guy von nebenan, der das eine oder andere Buch geschrieben hat.

David Hunter zu mögen, könnte eine Frage der Mentalität sein, spekuliert Beckett mit feinem Lächeln, ohne das Thema weiter zu vertiefen. Zu wenig kennt er die Deutschen, als dass er ein verlässliches Urteil abgeben könnte. Immerhin: Die Hunter-Krimis sind in 27 weitere Sprachen übersetzt.

Auch im jüngsten Band der Reihe – so morbide und schaurig-spannend wie die drei Vorgängerbände – wird der introvertierte Forensiker Hunter mit einem kniffeligen Fall konfrontiert. Der Serienkiller Jerome Monk, ein Zwei-Meter-Hüne mit einer furchterregenden Delle im Schädel, hat nach eigenen Aussagen vier junge Frauen umgebracht und ihre Leichen im Dartmoor versenkt. Allein – er hat vergessen, wo genau er sie vergrub. Lediglich der übel zugerichtete Körper der blutjungen Tina Williams wird gefunden.

Ein Monster will Rache

Acht Jahre später bricht Monk, das „Monster“, wie die Presse ihn gerne nennt, aus dem Hochsicherheitsgefängnis aus und startet einen beispiellosen Rachefeldzug. Auch Hunter gerät in Todesgefahr, wird außerdem im Zuge der Ermittlungen mit seiner eigenen Vergangenheit konfrontiert und durchlebt noch einmal eines der schrecklichsten Kapitel seines Lebens: den Tod seiner Frau und der gemeinsamen Tochter Alice.

„Ich fand, dass es an der Zeit war, ein wenig mehr über das Leben meines Protagonisten zu erzählen“, sagt Simon Beckett. „Bislang wusste man nur, dass Hunters Familie verunglückt ist. In diesem Band erfährt der Leser endlich etwas mehr über die Hintergründe dieser persönlichen Katastrophe.“

Eine Recherchereise zur „Body Farm“ in Tennessee inspirierte Beckett 2002 zur Erfindung seines seelenversehrten Helden. „Ich wollte eine Person mit einem ungewöhnlichen Job schaffen, die dennoch normal geblieben ist“, sagt er. Die „Body Farm“ der University of Tennessee ist eine von vier Einrichtungen in den USA, in der angehende Mediziner und Pathologen Leichen in unterschiedlichen Verwesungsstadien untersuchen können. Beckett besuchte sie als Reporter des Daily Telegraph, für den er damals als freiberuflicher Journalist arbeitete. Beklemmend sei der Besuch gewesen, erinnert er sich. Doch man gewöhne sich relativ schnell an den Anblick der zahlreichen Leichen. „Mich hat vor allem beeindruckt, dass die Mitarbeiter dort ganz normale Menschen waren.“

Eigentlich habe er nie vorgehabt, Krimis zu schreiben, erzählt der Autor. Im Gegenteil – er sei doch recht erstaunt gewesen, als man seine Bücher als Kriminalromane, wenn nicht als Thriller klassifiziert habe. 1994 erschien Becketts erstes Buch, „Fine Lines“ (deutscher Titel: „Voyeur“), entstanden mehr oder weniger aus Langeweile während seiner Lehrertätigkeit in Spanien. Beckett hatte damals eine Reihe von Jobs, ohne recht zu wissen, welche Richtung sein Leben einschlagen sollte. Unter anderem spielte er in mehreren Bands und verdiente sein Geld als Immobilienmakler. „Was soll man schon groß anfangen mit einem Magister in Literaturwissenschaften?“, sagt er.

Langsamer Schreiber

Ihn interessiert das Abgründige im Menschen. Er wolle die Brüche in der Psyche eines Täters ausloten und verstehen. Und – versteht er, wie Mörder, wie pathologische Serienkiller und andere Bösewichte ticken? Beckett lächelt erneut sein feines Lächeln. „Die in meinen Büchern schon.“

Bis zu zwei Jahre braucht er für jeden Roman – viel Zeit, er weiß es selber. „Ich bin ein langsamer Schreiber“, kokettiert Beckett mit seinem Unvermögen, schnell zu einem Ende zu kommen. Was ist das Problem? „Der Anfang. Die Mitte. Und das Ende.“ Zwar kennt er zumeist die Lösung, bevor er anfängt zu schreiben, doch der Weg dahin ist mühsam. Den aktuellen Roman hat er sogar zwei Mal geschrieben. „Die erste Fassung gefiel mir überhaupt nicht“, sagt er. „Deswegen habe ich alles weggeworfen und noch mal von vorne angefangen.“

Inzwischen arbeitet Beckett an einem fünften Hunter-Band. Versteht sich von selbst, dass er darüber noch nichts verraten will.

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