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Beschneidung in Südafrika Wer ein echter Mann sein will

Um als erwachsen zu gelten, müssen sich Xhosa-Jungen in Südafrika nach einem wochenlangen Ritual beschneiden lassen – immer mehr sterben dabei.

Zu dem Ritual gehört, dass sich die Initianten weiß anmalen und traditionelle Kleidung tragen. Foto: rtr

Er habe es einfach nicht mehr länger ausgehalten, erzählt der junge Mann der Reporterin der BBC. Ununterbrochen sei er von seinen Klassenkameraden gehänselt worden: Mit seiner noch intakten Vorhaut, hätten selbst seine Freunde gespottet, sei er trotz seiner 18 Jahre in Wahrheit noch ein Junge und kein richtiger Mann. Der Gehänselte zog schließlich die Konsequenz: Ohne seinen Eltern Bescheid zu sagen, meldete er sich bei einer Initiations-Schule an, um das vierwöchige Ritual hinter sich zu bringen, das aus Jünglingen Männer machen soll. Heute liegt der junge Südafrikaner im Krankenhaus – um seine Männlichkeit ist es endgültig geschehen. Vor wenigen Tagen verlor er seinen Penis, der sich bei der Beschneidung entzündet hatte und schließlich wie ein übel riechender Fremdkörper abgefallen war.

In gewisser Weise hatte der Spross aus dem Xhosa-Volk noch Glück. Denn zumindest lebt er noch: Nicht wie die über siebzig Jünglinge, die allein in dieser Saison dem traditionellen Ritus am Kap der Guten Hoffnung zum Opfer gefallen sind. Winter für Winter verwandeln sich die grünen Hügel der Ostkapprovinz in Leichenfelder für Möchtegernmänner – geopfert auf dem Altar der Tradition.

Der Brauch ist Hunderte von Jahren alt. Will ein Xhosa-Junge zum Mann werden, muss er „in den Busch“ oder „auf die Berge gehen“: Poetische Umschreibung eines dreiwöchigen Aufenthalts in einem sämtliche Annehmlichkeiten entbehrenden Lager, in dessen Mittelpunkt die Beschneidung steht. „In meiner Tradition kann ein Unbeschnittener nicht die Güter seines Vaters erben“, schreibt Nelson Mandela in seiner Autobiografie „Der lange Weg zur Freiheit“: „Er kann nicht heiraten und keine Stammesrituale leiten. Ein unbeschnittener Xhosa-Mann ist ein Widerspruch in sich.“
Noch immer begeben sich Jahr für Jahr allein in der Ostkapprovinz rund 20.000 junge Menschen in den Busch oder auf die Berge: Da das Ritual auch in anderen Bevölkerungsgruppen, wie unter den Ndebele und Venda üblich ist, kann man landesweit von fast der doppelten Zahl an Initianten ausgehen.

Was dort passiert, ist ein Geheimnis

Was die Burschen in der Abgeschiedenheit erwartet, soll eigentlich ein Geheimnis bleiben: Zumindest in der Vergangenheit war die Zeit Belehrungen über die Verantwortlichkeiten eines Mannes sowie über Bräuche und Geschichte des jeweiligen Volks gewidmet. Heute berichten Abtrünnige jedoch von wesentlich prosaischeren Ritualen: von tagelangem Schlaf- und Nahrungsmittelentzug, von Schlägen, Bergen von Marihuana und Alkohol.

Immer wieder werden junge Männer mit von Quälereien stammenden Wunden ins Hospital eingeliefert. Einem seiner Patienten sei mit einem heißen Buschmesser der Rücken, der rechte Arm und das Knie verbrannt worden, berichtet Dingeman Rijken, Arzt am Krankenhaus im Ostkap-Städtchen Holy Cross: Innerhalb eines einzigen Jahres habe er 120 Initianten behandeln müssen. Die weit überwiegende Zahl der jungen Männer suchten das Hospital mit schwer beschädigten Geschlechtsteilen auf: Opfer der Beschneidungen, die von medizinischen Laien und unter Missachtung hygienischer Regeln durchgeführt worden sind.

Verantwortlich für die Entfernung der Vorhaut sind die „Ingcibi“ und „Inkhankhata“: Traditionelle Ärzte und Krankenpfleger, die das in aller Welt umstrittene Stückchen Haut ohne Betäubung und mit einem mächtigen Buschmesser abzutrennen pflegen.
„Der Schmerz war dermaßen intensiv, dass ich mein Kinn gegen meine Brust presste“, erinnert sich Nelson Mandela in seiner Autobiografie: „Nach unten blickend, sah ich schließlich einen perfekten Schnitt, sauber und rund wie ein Ring.“

Nicht allen ist das Glück eines perfekten Schnitts vergönnt. Oft entzünden sich die mit nicht sterilisierten Messern geschnittenen Wunden und werden dann von den Inkhankatha lediglich mit Kräutern behandelt. Häufig verbänden die medizinischen Laien den Schnitt dermaßen unfachmännisch, dass sich die jungen Männer eine Blutvergiftung zuzögen, berichtet Doktor Rijken: Die Folge ist der Verlust der Geschlechtsteile oder gar der Tod des Initianten.

Allein in dieser Saison begannen weit über 300 Xhosa-Burschen die ersten Wochen oder gar Monate ihres Mannseins im Hospital, fast vierzig starben. Vermutlich waren es sogar noch mehr: Denn Pannen bei der Zeremonie werden so gut es geht geheim gehalten. Der Tradition entsprechend würden verstorbene Jungs gleich „vor Ort“ begraben, weiß Oppositionspolitiker George Boinamo: Die Familien werden erst nach der Beerdigung informiert.

Gestiegene Todesrate

An Berichte von verpfuschten Beschneidung sind die Südafrikaner gewohnt. In den vergangenen fünf Jahren kamen mehr als 300 Initianten ums Leben: So schlimm wie in dieser Saison war es indessen noch nie. Schuld an der explodierenden Todesrate sollen Quacksalber sein, die aus dem traditionellen Brauch einen Reibach zu machen suchen. „Hooligans und Verbrecher haben die alten Bräuche gehijackt“, klagt Gesundheitsminister Aaaron Motsoaledi: „Die Initiations-Schulen sind zu Geldquellen für Kriminelle geworden, die mit Kultur nichts mehr zu tun haben.“

Schon vor zwölf Jahren hatten die Gesundheitsbehörden in der Ostkap-Provinz Gesetze erlassen, die die Riten und ihre Hauptakteure wenigstens notdürftig regulieren sollten. Danach müssen Initiationsschulen eigentlich angemeldet werden und sich inspizieren lassen, die Ingcibi sollten wenigstens eine rudimentäre medizinische Ausbildung erhalten.

Doch wie so vieles in Südafrika ist auch diese hehre Absicht an der rauen Wirklichkeit gescheitert: Manche Eltern würden erpresst, um ihre Kinder in bestimmte Initiationsschulen zu schicken, wird aus der Ostkap-Provinz berichtet: Kinder würden unter Vortäuschung falscher Tatsachen angelockt, andere regelrecht entführt und gegen ihren Willen festgehalten.

Die Regulierungsbemühungen der Zentralgewalt werden von Traditionalisten mit Argwohn verfolgt. Die kulturelle Praxis sei „fest im Leben der Menschen verankert“, meint Wilson Makgalancheche vom „Nationalen Haus der Traditionellen Führer“: „Wenn man sie ihnen wegnimmt, entzieht man ihnen die Grundlage ihrer Existenz.“ Jugendliche, die von westlich ausgebildeten Ärzten in Kliniken und unter Narkose beschnitten werden, gelten vor allem bei der Landbevölkerung nicht als richtige Männer: Die meisten Ingcibi lehnen es ab, mit sterilisierten Skalpellen, Mullbinden und Schmerzmitteln zu arbeiten.

Seit der jüngsten Welle der Todesfälle weht den Traditionalisten allerdings der Wind ins Gesicht. „Es reicht!“, erregt sich Gesundheitsminister Motsoaledi, und selbst der traditionsbewusste Staatspräsident Jacob Zuma zeigt sich „erzürnt“ über die „schockierend hohe Zahl“ der verstorbenen Initianten. Inzwischen wurden in der Ostkap-Provinz sogar fünf Mitglieder einer Initiationsschule wegen Mordverdachtes festgenommen: die ersten Verhaftungen, zu denen es im Zusammenhang mit den tödlichen Beschneidungen am Kap der Guten Hoffnung bislang kam.

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