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Berühmte Fotografie Der Urschreier

Das Gesicht von Noam Galai ging um die Welt – dabei war dem Fotografen nur langweilig. Geld verdienten jedoch die anderen mit seinem Konterfei.

06.12.2010 16:27
Sebastian Moll
Noams Schrei erinnert an das Gemälde von Edvard Munch. Foto: Noam Galai

Noam Galais Gesicht sticht heraus, sogar hier in New York fällt es auf, in einer Stadt, in der die Vielfalt der Physiognomien so groß ist wie an keinem anderen Ort der Welt. Galais Backenknochen sind hoch, die Wangen sind eingefallen. Die großen Augen hinter der Nickelbrille sind hellwach, sie schweifen rege umher, wenn er redet. Der kantige Schädel wird nur von einem Haarschatten bedeckt – höchstens ein paar Millimeter lang ist sein militärisch-strenger Schnitt.

Man dreht sich um nach Galai. Auch hier, in einem Coffee Shop im südlichen Manhattan, schauen die Leute, und manche von ihnen wirken ein wenig ratlos, nachdem sie einen Blick auf den 26 Jahre alten israelischen Fotografen geworfen haben. Irgendwie kommt er den Menschen bekannt vor, aber zuordnen können sie ihn nicht so recht. Galais Gesicht ist seit etwa zwei Jahren weltberühmt, und doch kann außerhalb seines Bekanntenkreises kaum jemand etwas mit seiner Person verbinden.

Die erstaunliche Geschichte von Noam Galais Konterfei begann vor rund vier Jahren. Galai saß eines Abends in seiner Wohnung in Manhattan und langweilte sich – also begann er, mit seiner Kamera zu spielen. Er probierte verschiedene Beleuchtungen aus und unterschiedliche Einstellungen und fotografierte dazu sich selbst. Auf einem der Fotos reißt er den Mund auf, legt den Kopf in den Nacken und blickt in ein helles Licht nach oben. Die Aufnahme gefiel ihm so gut, dass er sie am nächsten Tag auf die Website Flickr stellte; dort zeigen Fotofreunde weltweit ihre Bilder.

Dann vergaß Galai das Foto wieder – so lange jedenfalls, bis zwei Jahre später eine seiner Kolleginnen morgens zur Arbeit kam und behauptete, sie habe sein Porträt in der U-Bahn auf einem T-Shirt gesehen. Zuerst wollte Galai das nicht glauben, doch dann entdeckte er kurz darauf in einem Shop in New York das Hemd mit seinem Kopf. „Das hat sich doch sehr komisch angefühlt“, sagt er. „Irgendwie cool und trotzdem sonderbar.“

Galai setzte sich an seinen Computer und sah nach, wohin sich über Flickr sein Kopf wohl noch verirrt hatte. Das Ergebnis war verblüffend. Galais „Schrei“ (englisch: scream), der vage an das berühmte Gemälde von Edvard Munch erinnert, war um die ganze Welt gegangen. In Spanien, Mexiko und Argentinien wurde er von Organisationen verwendet, die sich für die Befreiung unschuldig verurteilter Gefangener engagierten. Sogar bis in den Iran war das Bild vorgedrungen, wo die Widerstandsbewegung es als Graffito benutzte. „Das hat mich als Israeli natürlich besonders gefreut.“

Dass er unversehens zur Ikone geworden ist, befremdet Galai allerdings ein wenig. Offenbar sehen Betrachter das Bild wie das Gemälde von Munch als Ausdruck einer gepeinigten Seele. „In Wirklichkeit“, sagt Galai, „war ich im Moment der Aufnahme aber eher gelangweilt.“ Er habe gar nichts ausdrücken wollen, sagt er, es sei eine reine Fingerübung gewesen. Er kannte damals nicht einmal das Bild von Munch. Mittlerweile gefällt es ihm „ziemlich gut“.

Teures Leben, harter Wettbewerb

Mindestens genauso befremdlich wie die Berühmtheit des Bildes findet er inzwischen, dass Leute sein Konterfei einfach aus dem Internet herunterladen und damit schamlos Geld verdienen. „Ich habe schließlich doppelte Rechte an dem Foto – als Fotograf und als Model.“ Galai hat diese Rechte zwar angemeldet, letztlich hält er sich aber für machtlos. „Ich könnte einen Rechtsstreit anzetteln, aber in den USA ist man da als Einzelner ziemlich chancenlos, wenn man nicht sehr viel Geld für Anwälte hat.“

So hat sich Noam Galai lieber darauf beschränkt, den Foto-Dieben Konkurrenz zu machen. Kürzlich legte er seine eigene Edition an „Scream“-Produkten auf. Über seine Website verkauft er nun selbst T-Shirts, Kaffeetassen und sogar Turnschuhe. Reich, sagt er, werde er damit nicht – aber immerhin sei es ein hübsches Zubrot von ein paar hundert Dollar im Monat.

Die kann Noam Galai als junger Fotograf in New York gut gebrauchen. Das Leben ist teuer, der Wettbewerb ist hart. Und keines der Fotos, die er professionell schießt, hat bislang einen ähnlich großen Erfolg gehabt wie der Schrei. Galai benutzt zwar weiter Flickr, um für seine besten Aufnahmen Werbung zu machen, doch eine Internet-Sensation wie der Schrei lässt sich nun einmal nicht planen.

Eines hat er jedoch bereits gemerkt – am besten verkaufen sich die Bilder, auf denen er selbst abgebildet ist. „Irgendetwas finden die Leute an meinem Gesicht offenbar interessant.“ Ob er sich deshalb ganz dem Modelling verschreiben würde? „Niemals“, sagt er. Andere Menschen findet er als Motive noch immer weitaus spannender als sich selbst.

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