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Berlins coolste Pianistin Zwei Fäuste für Beethoven

Ausreißerin, Riotgirl, Kunstfigur: Wie die 32-jährige Berliner Pianistin Miss Ming mehr Sportsgeist in die Klassikbranche bringt. Von Harry Nutt

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Miss Ming behält ihren Vornamen lieber für sich. Foto: Los Agregados

Die Luft ist dünn, der Geräuschpegel steigt. Pianistin Ming besteigt in einem roten, hoch geschlitzten Abendkleid den Ring. Dort wartet Alina Kabanova, ihre Gegnerin aus der Ukraine. Ganz wie beim richtigen Boxen. Let's get ready to rumble. Zwei Konzertpianistinnen treten an, nicht im Konzertsaal, sondern im Kreuzberger Club L.U.X. - denn dies ist kein artiges Klaviervorspiel, sondern eine "Mingbattle".

So nennt die Erfinderin dieses Klassik-Showformats den Wettkampf, der nun zum vierten Mal in Berlin ausgetragen wird. Das Regelwerk: Gekämpft wird in sechs Runden. Mal sind die Stücke vorgegeben, mal heißt es Bach oder Beethoven. Kür, Pflicht und Improvisation. Eine Jury vergibt Punkte, aber der Applaus des Publikums zählt doppelt. Und es wird geklatscht, gejohlt und gejubelt.

Alina Kabanova, die auch schon Konzerte in der Carnegie Hall gegeben hat, geht zunächst in Führung, aber dann zieht Ming nach. Am Ende ist sie knapp vorn. Bei ihr bleibt der Zähler schließlich bei 115,9 Dezibel stehen.

Ironische Kampfansage

Die große und grazile 32-jährige Musikerin hat eine Botschaft. Die Nähe zum Pop ist ausdrücklich gewollt. Es könne nicht genug Leute wie Lang Lang und Vanessa Mae geben, die die engen Grenzen der vornehmen Konzertsäle überschritten. Den stilisierten Boxring versteht Ming als ironische Kampfansage.

Die Idee, gibt Ming zu, ist nicht neu. 1837 unterlag der Pianist Sigismund Thalberg in einem öffentlichen Kräftemessen dem Kontrahenten Franz Liszt. Es soll nicht weniger sportlich zugegangen sein als bei der Mingbattle. Allein: Alina und Ming sehen besser aus. Das Boulevardblatt BZ feiert die Kampfmusikerin als "Berlins coolste Pianistin".

Miss Ming ist eine Kunstfigur. Das musikalische Talent dahinter wurde 1976 in Hannover geboren und wuchs als mittlere von drei Töchtern ihrer koreanischen Eltern in Hamburg auf. Weil die Eltern wollten, dass ihre Kinder sich gut integrieren, bekam Ming einen sehr deutschen Vornamen, den sie lieber für sich behält.

Den Klavierunterricht hatte zunächst auch ihre ältere Schwester bekommen. Die kleine Ming saß daneben, spielte alles auswendig und anmutig nach. Es folgten Schicksalsjahre eines Wunderkindes.

Ab ihrem siebten Lebensjahr gewinnt sie mehrfach den Steinway & Sons Klavierspielwettbewerb. Mit 13 ist sie Deutschlands jüngste Klavierstudentin an der Musikhochschule in Lübeck, mit 16 gewinnt sie bei "Jugend musiziert".

Ihr Spiel treibt Menschen Tränen in die Augen

Doch Talent und Ehrgeiz schützen sie nicht vor Krisen. Irgendwann will sie nur noch weg. Mit 14 reißt sie aus und landet in München. "Es war das Weiteste, was ich mir von Hamburg aus vorstellen konnte." Ein paar Tage hält sie durch, dann bekommt sie Heimweh. Noch ehe sie artig wieder zu Hause vor der Tür stehen kann, wird sie von der Polizei aufgegriffen. Eine bundesweite Fahndung war bereits ausgeschrieben. Eine Nacht muss sie in einer Art Mädchenheim verbringen, wo auch ein Klavier steht. Ming spielt darauf und treibt den gestrandeten jungen Frauen Tränen in die Augen. Sich selbst auch. "Da habe ich das erste Mal gemerkt, dass ich meine Leidenschaft für die Musik nicht einfach hinter mir lassen kann", sagt sie heute.

Zurück in Hamburg gibt Ming eine Zeitlang das Riotgirl. Nein, ein einfaches Kind sei sie nicht gewesen. Auf jeden Fall war sie übermütig. Mit einer Freundin begeht sie diverse Sachbeschädigungen. Bis die Polizei hinter ihr einmal "Halt! Stehen bleiben!" ruft. Da bleibt Ming - stehen.

Sie studiert in Rostock und Bern und wird Stipendiatin der Schweizer Chopin-Gesellschaft. Aber immer wieder nimmt Ming vor einer geradlinigen Musikkarriere Reißaus. Im Jahr 2000 landet sie schließlich in Berlin und nimmt wieder einmal die Finger von den Tasten. Sie geht putzen, kellnert und bekommt einen Job in der Pressestelle im Berliner Konzerthaus. So sitzt sie irgendwann doch wieder am Flügel. Bei einer Tournee der Popband Seeed tritt sie im Vorprogramm auf, und seit 2006 organisiert sie Battles am Konzertflügel.

Es ist schwer, sich ihrem Charme zu entziehen. Sie ist zugleich Kumpeltyp, ehrgeiziges Energiebündel und nettes Mädchen von nebenan. Irgendwann habe sie aber auch gemerkt, was man mit einem Augenaufschlag bewirken kann. Bei einer Veranstaltung, zu der Außenminister Steinmeier diverse Künstler eingeladen hatte, traf sie kürzlich auf den HipHopper Muhabbet, mit dem sie spontan eine Jam-Session anstimmte. Classic meets Pop und Migrationshintergrund. Auf ihrer CD "Reminiscence" spielt sie Bewährtes von Chopin und Bach, Jazziges und Eigenes. Bloß nicht festgelegt werden.

Dem Außenminister und SPD-Kanzlerkandidaten verriet sie nach Mitternacht noch einen Zaubertrick zur Geldvermehrung, der ihm in schwierigen Haushaltslagen helfen soll. Berührungsängste hat sie keine. Als sie Sponsoren für das Mingbattle-Spektakel suchte, brachte sie kurzerhand den Flügelhersteller Steinway mit der Getränkefirma Red Bull zusammen. "Euer Slogan heißt doch: Red Bull verleiht Flügel, habe ich zu denen gesagt."

Bei der nächsten Mingbattle will sie nicht mehr selbst als Wettkämpferin antreten. Jetzt sollen Jüngere ran, sagt sie. Aber Sportfans wissen, dass der Rücktritt vom Rücktritt zur Karriereplanung erfahrener Boxer gehört. Dieses schöne Gesicht braucht ohnehin keine schmerzenden Cuts zu fürchten.

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