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Berlin-Kreuzberg Fehlt nur noch der Bosporus

Fast 177.000 Einwohner Berlins haben einen türkischen Hintergrund. Die meisten leben in Kreuzberg, fühlen sich wohl in „Klein-Istanbul“.Wie aber erlebt eine Türkin den Bezirk, die nie zuvor in Deutschland war? Autorin Hannah Weiner hat Senay Tarhan zum Spaziergang eingeladen.

Berlin-Kreuzberg
Metzger heißen im Bezirk „kasap“, Anwälte „avukat“ und Bäckereien „firin“. Foto: rtr

Fast wie in der Türkei.“ Senay Tarhan betrachtet die silberne Frühstücksplatte vor sich: Marmelade, Käse, Gurken, Oliven, Ei, alles ist da – oder fast alles, denn: „Sucuk fehlt.“ Den kleinen Unterschied zwischen einem türkischen und einem deutsch-türkischen Frühstück macht heute die fehlende Knoblauchwurst.

Tarhan sitzt im Restaurant „Simidschi“ direkt am Kottbusser Tor in Berlin zwischen Çig-Köfte-Laden und Dönerimbiss. Es ist ein milder Wintermittwoch in der deutschen Hauptstadt, doch alles um sie herum erinnert an die Türkei: Das Essen, die Leuchtreklame, das leise Gemurmel im Hintergrund, der Geruch von frischem Gebäck und Schwarztee. Eine Frau mit geblümtem Kopftuch am Nebentisch redet laut auf ihre Begleiterin ein. Der Bäcker knetet Teig für frische Sesamkringel. „Manchmal ist Kreuzberg türkischer als die Türkei“, sagt Tarhan und lächelt.

Die 28-Jährige lebt in Istanbul und arbeitet dort für eine große Tageszeitung. Mit einem Austauschprogramm für Journalisten ist sie derzeit für zwei Monate in Berlin. Obwohl es besonders für Journalistinnen und Journalisten im aktuellen politischen Klima sehr schwierig ist, will Tarhan die Türkei nicht verlassen, wegen ihrer Familie und ihres Jobs, aber auch wegen ihres Landes. „Ich habe Hoffnung“, sagt sie nur, „Ich muss Hoffnung haben.“

Das ist ein Unterschied zu vielen anderen hier in Kreuzberg: Während die meisten seit Jahrzehnten in Deutschland leben oder hier geboren sind, kam Senay Tarhan vor ein paar Wochen zum ersten Mal her. Gehört hatte sie jedoch schon viel von diesem Viertel, das auch „Küçük Istanbul“, genannt wird – Klein-Istanbul. In türkischen Reiseführern über Berlin etwa steht der Bezirk als Tipp auf Platz drei – direkt hinter Brandenburger Tor und Museumsinsel. „Du fühlst Istanbul, wenn du durch Kreuzberg läufst“, heißt es.

Berlin ist nach Istanbul die europäische Stadt mit den meisten türkischen Einwohnern. Fast 177.000 der rund 3,7 Millionen Menschen, die hier leben, haben einen türkischen Migrationshintergrund. Viele wohnen in Kreuzberg, diesem berühmten und auch ein bisschen berüchtigten Viertel im Südosten. Metzger heißen hier „kasap“, Anwälte „avukat“ und Bäckereien „firin“. In den Cafés servieren schnauzbärtige Kellner Çay in kleinen bauchigen Gläsern und im Herzen von Klein-Istanbul hängt eine große Tafel auf der steht: „Kreuzberg Merkezi“, Kreuzberg Zentrum. Hier, mehr als 2000 Kilometer von ihrer Heimat entfernt, fühlt sich Senay Tarhan ein wenig wie Zuhause.

„Ich wusste, dass es viele Türken in Berlin gibt, und dass ihnen Deutschland sehr gut gefällt“, erzählt sie. Im Hintergrund brummt der Soundtrack Kreuzbergs: Hupen, Motorengeräusche, das rhythmische Klackern von Löffeln gegen Teegläser. „Aber ich war doch überrascht, wie türkisch das Straßenbild tatsächlich geprägt ist.“ Durch Zufall hat sie sogar ihren ehemaligen Uni-Dozenten in einer Bar getroffen. „Vor allem kann ich hier mit fast jedem sprechen – ganz ohne Deutschkenntnisse.“ Auch im „Simidschi“ hat Tarhan bei dem Mann hinter der Theke ganz selbstverständlich auf Türkisch bestellt. Abwechselnd begrüßt dieser seine Gäste mit „Hallo“ und „Merhaba“.

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