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Berlin Fashion Week Irina Schrotter - realistische Träumerin

Die Rumänin Irina Schrotter ist eine von 50 Designern, die ihre Mode in Berlin zeigen. Ihre Kollektion soll die Abkehr vom ewigen Schwarz symbolisieren.

03.07.2012 18:32
Carmen Böker
Designer Irina Schrotter Foto: Getty

Die Rumänin Irina Schrotter ist eine von 50 Designern, die ihre Mode in Berlin zeigen. Ihre Kollektion soll die Abkehr vom ewigen Schwarz symbolisieren.

Eine Modenschau ist nur sechs, sieben Meter lang. Wenn man sie an dem Raum misst, den die Outfits dicht gedrängt auf Bügeln an rollenden Kleiderstangen einnehmen. Es sind um die fünfzig Modelle, die aus schwarzen Kleidersäcken geschält und von den Models auf dem Catwalk dann in kaum mehr als einer Viertelstunde vorbeigetragen werden. So ist es bei jeder Modenschau, ob sie dieser Tage nun bei der Berlin Fashion Week oder anderswo auf der Welt stattfindet.

Obwohl diese Zahlen vielleicht etwas sehr nüchtern sind für die korallenroten Abendkleider, die durchscheinenden Seidenblusen in zartem Puderrosa und die elfenbeinweißen Mäntel aus Organza, die Irina Schrotter nach Berlin transportiert hat. Denn wer, wie die rumänische Modedesignerin, hierher zur Mercedes-Benz Fashion Week kommt, der muss noch seine geheimen Träume von der Macht der Mode haben. Auch wenn er, wie Irina Schrotter, nur einer unter 50 Designern ist.

Der Traum vom Modedesign

Jemand wie Irina Schrotter muss außerdem erklären, dass aus Osteuropa etwas ganz anderes kommen kann als die nach wenigen Wäschen zerfallenden Polyesterfummel der Fast-Fashion-Konzerne: elegante, schlichte, hochwertig verarbeitete Kleider, die sich in jeder Metropole behaupten können. Und er muss darauf gefasst sein, dass hier neben dem Laufsteg zwar herrlich gefeiert wird, die Geschäfte aber anderswo getätigt werden.

Stimmt leider immer noch, sagt Irina Schrotter. Die Orderbücher der Designer im gehobenen Segment füllen sich bei Messen in Paris, wo sie zuvor gewesen ist. Aber das hält sie nicht davon ab, an Berlin zu glauben. Und an sich. Verknappt formuliert, klingt ihre Strategie kurios: Nicht nur, dass sie Luxusmode für ein Billiglohnland wie Rumänien entwirft. Sie sucht auch noch ausgerechnet dort nach einem Vertrieb, wo die Menschen vergleichsweise wenig für Mode auszugeben bereit sind.

Doch sie ist überzeugt, sagt sie, und ihre grünen Augen funkeln dabei energetisch, „dass der nächste Stern am Modehimmel aus Berlin stammt.“ Aus einer Stadt, die sie freundlich findet, alternativ und experimentell. Einer Stadt, in der sie sich auch deshalb wohl fühlt, weil hier Ost und West aufeinandertreffen und sie sich verstanden weiß. Zum Beispiel, wenn sie ans Schlangestehen um Brot in Rumänien zurückdenkt, in der Zeit vor der Revolution. Wobei das letzte Schlangestehen, an das sie sich erinnert, einen für sie sehr erfreulichen Anlass hatte: Es fand statt an jenem Tag, an dem sie 1990 ihre erste Boutique in ihrer Heimatstadt Iasi im Nordosten Rumäniens eröffnete. Und Kleidung im Wert eines halben Autos verkaufte, wie sie erzählt. Zugegeben, im Wert eines halben rumänischen Autos.

Heute hat Irina Schrotter, 47, tausend Angestellte. Es ist so gekommen, weil sie eines Nachts tatsächlich einen Traum hatte. Den, Modedesignerin zu werden. Sie wachte auf und dachte sich: Warum eigentlich nicht? In die Notaufnahme kann ich ja immer noch zurück. Ein Jahr hatte sie dort nach ihrem Medizinstudium als Ärztin gearbeitet. Umgerechnet tausend Dollar liehen die Eltern ihr 1990, verbunden mit der Anmerkung, nun sei alles weg, krank dürften sie jetzt wohl nicht mehr werden. „Sie investierten in mich“, sagt sie und findet den Ausdruck selbst amüsant.

Abkehr vom ewigen Schwarz

Irina Schrotter hatte nicht nur einen Traum. Sie ist eben auch Realistin. Rumänien hat mehr als 350.000 Beschäftigte in der Textil- und Bekleidungsindustrie, die Sparte macht ein Viertel der Exporte des Landes aus. Irina Schrotter lässt in drei Betrieben nicht nur ihre eigenen Damenkollektionen fertigen, sondern produziert im großen Stil auch für italienische Konzerne.

Am Montag ist sie nach Berlin gekommen und hat ihre Kollektion zunächst einmal in der Rumänischen Botschaft untergebracht. Sie trägt noch ihr bequemes Understatement-Reiseoutfit aus steingrauer Hose, absichtlich krumpeligem weißen T-Shirt und offener beigefarbener Strickjacke, die blondgesträhnten Haare aber sitzen so gut gefönt wie bei Jennifer Aniston in „Friends“. Gerade war sie beim Botschafter, denn die Schauen der rumänischen Designer werden zur Hälfte von der Regierung finanziert.

Irina Schrotters Vision bringt die Modedesignerin und die Unternehmerin zusammen. Die Kollektion, die sie erstmals zusammen mit ihrem Kollegen Lucian Broscatean entworfen hat, soll die Abkehr vom ewigen Schwarz symbolisieren. Jene Farbe des düsteren Dramas, die bei den rumänischen Designern bisher ziemlich beliebt gewesen ist. „Schwarz ist die Farbe der Krise“, sagt Irina Schrotter, „damit ist es nach vier Jahren nun genug.“ Sie zeigt auf helle Farben, gebrochenes Weiß, sanftes Rosa, die Texturen sind zart, alles soll simpel und klar gehalten sein. „Wir müssen optimistischer sein und ein bisschen Freude in das Leben der Frauen bringen“, sagt Schrotter.

Außerdem träumt sie von Entwürfen, die man ein Leben lang tragen kann, wenngleich das kontraproduktiv klingt für eine Modeunternehmerin. Wenn sie in Berlin vorführen lässt, sagt sie, helfen die Bilder in den Medien dabei, die Kollektion weltweit zu verkaufen. Weil dann das Prädikat „German Standard“ gilt. Und keiner mehr anzweifelt, dass die Qualität ihrer Kleider für den Laufsteg taugt.

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