Lade Inhalte...

Bedrohte Nashörner Hörner unterm Hammer

Es wird mehr bezahlt als für Gold oder Kokain: Wegen einer Gesetzeslücke darf ein südafrikanischer Züchter Nashorn-Hörner versteigern. Tierschützer sind erbost.

Nashörner in Südafrika
Weltweit gibt es nur noch 25 000 Rhinozerosse, 80 Prozent davon leben in Südafrika. Foto: dpa

Die Uhr tickt. „Noch 1 Tag, 20 Stunden, 14 Minuten und 8 Sekunden bis zur ersten legalen Nashorn-Auktion Südafrikas“, teilt die Webseite von John Hume, dem größten Nashornzüchter der Welt, am Montagnachmittag mit: „7 Sekunden, 6 Sekunden...“, geht der Countdown wie beim Start einer Weltraumrakete weiter. Der dramatische Werbegag insinuiert, dass am Kap der Guten Hoffnung am Mittwoch Geschichte geschrieben wird: Ob es eine Geschichte zur Rettung oder zur endgültigen Ausrottung der 50 Millionen Jahre alten Dickhäuter sein wird, ist allerdings noch offen.

Mehr als 250 Hörner, die Hume seinen zu diesem Zweck eingeschläferten Rhinozerossen regelmäßig absägt, sollen ab Mittwoch zunächst online, schließlich aber auch in klassischer Manier mit dem Hammer versteigert werden. Wenn alles nach Plan geht, könnte Hume bereits am Wochenende um 30 Millionen US-Dollar reicher sein. Denn auf dem Schwarzmarkt wird für ein Kilogramm Nashorn rund 60.000 Dollar bezahlt, mehr als für Gold oder Kokain.

Countdown zurückgesetzt

Allerdings ging schon vor der Verkaufsaktion nicht alles nach Plan. Eigentlich sollte die Versteigerung bereits am Montag beginnen, doch weil Südafrikas Regierung zunächst keine Genehmigung erteilte, musste der Countdown noch einmal zurückgesetzt werden. Hume hatte am Wochenende die Gerichte angerufen, um Pretoria in letzter Minute zur Zustimmung zu zwingen: Das Landgericht in der südafrikanischen Hauptstadt gab dem Nashornzüchter am Sonntagabend Recht.

Warum Umweltministerin Edna Molewa ihre Genehmigung zurückhielt, blieb wie so vieles in der südafrikanischen Administration im Dunkeln. Denn eigentlich ist auch Pretoria an einer Freigabe des Nashornhandels interessiert: Auch Molewa wittert einen Milliarden-Markt.

Humes war bereits vor einem Jahr vor Gericht gezogen, um Südafrikas Handels-Moratorium für verfassungswidrig erklären zu lassen. Der Bann sei ohne Einvernehmen mit den 350 Nashornzüchtern des Landes erlassen worden, argumentierte Hume – und hatte auch in diesem Rechtsstreit Erfolg. Pretoria hätte den Dammbruch mit einem neuen, formal einwandfreien Moratorium aufhalten können, tat es allerdings nicht.

Website auf mehreren Sprachen

Nun hat der Züchter freie Bahn, auf dessen Farm in der Nordwest-Provinz fast 1500 Rhinozerosse unter schärfsten Sicherheitsvorkehrungen grasen: Insgesamt soll Hume auf fast sechs Tonnen bereits „geerntetem“ Nashorn sitzen. Die Dickhäuter sind derzeit einem beispiellosen Großangriff von Wilderern ausgesetzt: Ihre aus Keratin (demselben Stoff wie menschliche Fingernägel) bestehenden Hörner gelten in Ostasien als Heilmittel gegen Krebs, Fiebererkrankungen oder Impotenz. Allein in Südafrika, wo rund 80 Prozent der noch weltweit verbliebenen 25.000 Dickhäuter leben, werden Jahr für Jahr mehr als 1000 Exemplare geschossen.

Hume betrachtet sich als Retter der Rhinozerosse. Ohne seine Bemühungen sei das Schicksal der Unpaarhufer besiegelt, meint der weißhaarige Züchter: Werde der ostasiatischen Nachfrage nach Keratin auf legale Weise entsprochen, müssten keine Dickhäuter mehr sterben. Tierschützer teilen das Argument des Rhino-Königs allerdings nicht. Der legalisierte Verkauf rege die Nachfrage nur noch zusätzlich an, sind internationale Naturschutzverbände überzeugt: Außerdem untergrabe der in korrupten Staaten wie Südafrika kaum zu kontrollierende „legale“ Handel das internationale Handelsverbot.

Denn der bereits vor vier Jahrzehnten im Washingtoner Artenschutzabkommen enthaltene internationale Bann bleibt ungeachtet der südafrikanischen Kapriolen weiterhin in Kraft. Eigentlich darf das Nashorn nur in Südafrika verkauft werden: Doch weil hier niemand an die wunderbare Wirkung der dicken Fingernägel glaubt, würde Hume für seine Hörner keinen Dollar erhalten. Er rechnet also selbst damit, dass sein Nashorn schließlich illegal den Weg nach Ostasien findet – sonst hätte er seine schicke Webseite nicht gleich vom Englischen auch ins Chinesische und Vietnamesische übersetzen lassen.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen