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Banküberfall in Steglitz „Tunnelgangster – da läuft sofort ein Film im Kopf ab“

Die Bankräuber von Steglitz sorgen mit ihrem Tunneltrick weiter für Aufsehen. Der Kriminalpsychologe Steffen Dauer erklärt, warum wir Straftäter manchmal auch bewundern - und Tunnelgangster ein vergleichsweise gutes Image haben.

19.01.2013 16:57
Jens Blankennagel
Bankräuber bei der Arbeit: Die Geschichte der Brüder Sass wurde mit Ben Becker (l.) und Jürgen Vogel verfilmt. Foto: Cinetext/Constantin Film

Ihre Gesichter sind (noch) nicht bekannt, doch ihre Straftat hat bundesweit für Aufsehen gesorgt. Mit einem 45 Meter langen, vermutlich über Wochen gegrabenen Tunnel haben sich Unbekannte den Weg in eine Steglitzer Bankfiliale gebahnt und dort mehrere hundert Schließfächer ausgeräumt. Selbst die Polizei äußerte sich respektvoll über die professionell ausgeführte Tat. Der Kriminalpsychologe Steffen Dauer erklärt, warum  Tunnelgangster ein gutes Image haben.

Herr Dauer, viele Leute bekunden Anerkennung für die Tat. Verstehen Sie das?

Bestimmte Arten von Kriminalität faszinieren die  Menschen. Das ist vor allem bei Taten der Fall, bei denen niemand verletzt oder getötet wird. Und das Ansehen wächst, sobald Intelligenz und harte Arbeit ins Spiel kommen. Die intellektuelle Leistung der langen Planung macht viel von der Faszination aus.   Dass da jemand über  lange  Zeit einen Tunnel gräbt und Unmengen an Erdreich abtransportiert und niemand  merkt etwas. Außerdem mussten die Täter  richtig  schuften für ihren vermeintlichen Erfolg.

Was trägt noch zur Faszination bei?

Dass einerseits  beim Tunnelbau  modernste Bohrtechnik eingesetzt wurde, dass es aber andererseits keine abstrakte Tat ist, bei der ein Krimineller in Asien am Computer sitzt und mit drei Mouseklicks in Berlin die Millionen abhebt. Und dass bei jedem, der von der Tat hört, sofort ein Film im Kopf abläuft.

Wann wären wir nicht fasziniert?

Wenn Räuber brutal vorgehen, wenn sie Bankangestellte  als Geiseln nehmen oder unbeteiligte Kunden ins Geschehen hineinziehen.  Beispielsweise werden Wirtschaftskriminelle selten als abstoßend angesehen. Abschreckend sind  Täter, die schießen und schlagen. Das sind quasi die Dödel, mit denen wollen wir nichts zu tun haben. Denn Faszination ist immer auch eine heimliche Identifikation.  Nach dem Motto: Was die sich getraut haben, ist toll, aber  ich würde es nie wagen. Obwohl wir eine gewisse Faszination spüren, haben  wir eine gesunde Kontrolle, die uns abhält, selbst kriminell zu werden.

Was sind das  für Leute, die solche Straftaten begehen?

Klar ist: Es war nicht nur eine Person. Dann wäre die Tat kaum realisierbar. In solchen Gruppen gibt es Leute, die schon Straftaten begangen haben, aber auch solche, die durch die Gruppenidee oder die Gruppendynamik aktiviert werden. Es gibt ein paar Arbeiter, aber mindestens einen intellektuellen Kopf.

War der vorher schon kriminell?

Die intellektuellen Köpfe können Erfahrung haben, oder sie haben sich die Tat erstmals ausgedacht.

Wie ist das Ansehen von Kriminellen bei Kriminellen gestaffelt?

In der Haft,  im  Milieu der Vorbestraften, gibt es tatsächlich eine klare Hierarchie, die sich auf sozialer Anerkennung gründet. Ganz oben steht der Räuber, insbesondere der intelligente Räuber. Ganz unten steht der sexuelle Missbrauch von Kindern, das ist das Letzte. Der klassische, notorische Totschläger wird nicht gemocht, aber respektiert, weil er durchsetzungsfähig ist.

Und  Mörder?

Bei Mord im Affekt steht der Täter weit oben. Relativ weit oben auch, wenn ein Intimpartner aus Verzweiflung getötet wurde. Wurde aber zur Befriedigung sexueller Bedürfnisse gemordet, steht der Täter weit unten. 

Und wie ist die Sicht außerhalb der Gefängnisse?

Die Sichtweise in der Haft spiegelt   in etwa auch das Ansehen in der Bevölkerung wider. Das wird auch in den Medien deutlich. Sie berichten   fasziniert über den Tunnel der Steglitzer Bankräuber. Auch eine Frau, die ihren brutalen Ehemann tötet, wird nicht verteufelt.  Kinderschänder aber kommen immer schlecht weg.

Für jede Straftat ist  kriminelle Energie  und Skrupellosigkeit nötig. Wie ist das bei Gangstern, die monatelang einen Raub planen?

Die kriminelle Energie ist extrem hoch, weil diese Energie langfristig auf hohem Niveau gehalten werden muss. Von Beginn an und jeden Tag  beim Graben wussten die Täter: Wir begehen eine Straftat.

Welche Rolle für das Ansehen der Täter spielt es, dass sie eine Bank überfielen?

Wie Bertolt Brecht schon sagte: Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank? Das Ansehen scheint hoch zu sein, wenn eine große, vermeintlich reiche Einrichtung beraubt wird.  Denken Sie an den berühmten Überfall auf den Postzug in England in den 60er Jahren. Die Verfilmung hieß sogar: „Die Gentlemen bitten zur Kasse.“

Aber es ist und bleibt ein Verbrechen?

Ganz klar. Wenn es beim aktuellen Fall zum Prozess  kommt, wird nur noch beim Zuschauer ein Faszinosum   vorhanden sein. Juristen behandeln den Fall nüchtern. Für solche Taten sind  hohe Strafen vorgesehen. Auch als Abschreckung.

Wird die aktuelle Faszination für die Tat anhalten?

Eher wohl nicht. Hätten die Täter  drei Millionen Euro aus dem Tresor geklaut, wäre das  Ansehen größer. Aber sie haben  die Schließfächer von normalen Kunden geknackt und haben deren Wertsachen gestohlen und wohl auch viele individuell wertvolle   Erinnerungsfotos und Dokumente vernichtet. Da relativiert sich der ausgeklügelte Plan wieder zu einem schlichten Verbrechen.

Ist es der Stoff für einen Film?

Banküberfall sind kein gängiges Thema im Film. Heute geht es im Krimi meist nur noch um Mord und sexuellen  Missbrauch.  Aber sollte es sich herausstellen, dass die Täter interessante Persönlichkeiten sind, dann wird der Fall wohl verfilmt.

Und die Moral von der Geschichte?

Die Täter haben nur einen recht geringen Teil der Schließfächer geknackt. Dann ging etwas schief und sie sind abgehauen. Auch dieser Fall zeigt: Niemand sollte glauben, dass perfekte Planung zum perfekten Verbrechen führt. Meist sind es kleine Dinge, die zum Scheitern führen. Das ist gut so, so wird das Verbrechen auch als solches entlarvt.

Das Interview führt Jens Blankennagel.

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