Lade Inhalte...

Bahai Von satten Gärten umrankter Diamant

Gewaltfreiheit, Gleichberechtigung von Mann und Frau, Wissenschaft als Ergänzung zur Religion: Der Prophet Bah’u'llah galt als Vordenker. Am Sonntag feiern seine Anhänger das 200. Jubiläum ihrer Religion.

Bahai
Eine Million Besucher bewundern jährlich die symmetrisch angelegten Terrassen. Foto: rtr

Der Ausblick ist traumhaft. Wie ein gigantischer, grüner Teppich, gesäumt von gestutzten Koniferen, üppigen Palmen, Marmorstatuen und Blumenrabatten, schmücken die Hanggärten den Karmel-Berg in Haifa. 1700 Treppenstufen führen über 18 terrassierte Parkanlagen auf steilem Weg hinunter. Auf halber Strecke leuchtet ein goldener Kuppelbau. Tief unten in der Bucht schimmert das Meeresblau. Selbst die Öltanker, die an den Raffinerien festmachen, nehmen sich von hier oben malerisch aus. Ob Juden, Christen oder Moslems, wer in Haifa, Israels drittgrößter Stadt heiraten will, kommt fürs Hochzeitsfoto zu dieser großartigen Aussichtsplattform. Der weite Blick ist einfach göttlich.

Das muss auch der Religionsstifter der Bahai gedacht haben, als er im 19. Jahrhundert diesen Platz zum heiligen Zentrum erkor. Er nannte sich Bah’u’llah, stammte aus einer fürstlichen Familie in Persien, war aber wegen seiner vom islamischen Establishment als ketzerisch verfemten Lehren erst nach Bagdad verbannt und später in den Kerkern von Akko eingesperrt worden. Beeindruckt von seiner Aura erlaubten ihm die Aufseher, seine letzten Lebensjahre in Freiheit zu verbringen. So fuhr Bah’u’llah von der einstigen Kreuzfahrerstadt Akko in das benachbarte Haifa und ließ sich auf dem Karmel inspirieren. Nicht der erste Prophet, den eine Vision auf dem Berg überkam.

Sechs Millionen Gläubige

An diesem Sonntag feiern die Bahai-Anhänger seinen 200. Geburtstag und damit zugleich die Entstehung ihres Glaubens. Zu der jüngsten monotheistischen Religion, die sich aus Judentum, Christentum und Islam speist, aber das Ganze mit einer Botschaft für die moderne Zeit versieht, bekennen sich mittlerweile weltweit an die sechs Millionen Menschen. Gemeinden der Bahai, was Gottes Glorie bedeutet, gibt es seit den sechziger Jahren in allen Erdteilen, nur nicht in Israel.

Der Bahai-Gründer hatte seinerzeit in weiser Voraussicht entschieden, dass man im „Heiligen Land“ davon absehen solle, wenngleich das Weltzentrum der neuen Glaubensrichtung auf dem Karmel zu errichten sei. Das erleichtert auch die Beziehungen der Bahai zum jüdischen Staat. Rund 700 Volontäre aus siebzig Ländern, die im Turnus wechseln, erhalten mit 140 lokalen Angestellten die Bahai-Gärten in Schuss, inzwischen ein Wahrzeichen Haifas. Eine Million Besucher pilgern jährlich her, um die in perfekter Symmetrie angelegten Terrassen zu bewundern. 

In ihrer Mitte liegt der Schrein, gekrönt von einer Kuppel aus 12.000 mit Blattgold überzogener, schuppenförmiger Kacheln, in denen die Gebeine des Bab (arabisch für Tor) bestattet sind. Er gilt den Bahai als Vorbote, der das Denken seiner Zeit herausforderte, in dem er die Gleichberechtigung von Frau und Mann verkündete, jeglicher Gewalt abschwor sowie Wissenschaft und Bildung als Ergänzung zur Religion bei der Wahrheitssuche betrachtete. Die Herrscher in Persien hatten ihn dafür foltern und hinrichten lassen, wie auch viele seiner Jünger. Seine sterblichen Überreste wurden schließlich aus dem Iran geschmuggelt und nach Haifa überführt. Ausschließlich aus Spenden bauten die Bahai dort zu Ehren des Bab ein prunkvolles Mausoleum.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Israel

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum