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Aylin Selcuk verklagt Sarrazin Kein Kopftuchmädchen

Die Deutschtürkin Aylin Selcuk verklagt Thilo Sarrazin wegen Volksverhetzung. Der habe den Rassismus salonfähig gemacht, sagt die Zahnmedizinstudentin.

26.08.2010 16:44
Von Olivia Schoeller
Aylin Selcuk Foto: Privat

Die Deutschtürkin Aylin Selcuk verklagt Thilo Sarrazin wegen Volksverhetzung. Der habe den Rassismus salonfähig gemacht, sagt die Zahnmedizinstudentin.

Es ist 9 Uhr morgens, und Aylin Selcuk ist schon wütend. Sie sitzt auf einer weichen Lederbank in einem Café im Berliner Hauptbahnhof und blickt düster auf ihren Cappuccino. Ihre Oberlippe ist zu einem kleinen Strich geschrumpft – im Bruchteil einer Sekunde hat sich das weiche, offene Gesicht der Studentin in die harte, grimmige Miene der Aktivistin verwandelt. Verursacht hat den Wandel die Erwähnung eines einzigen Namens: Thilo Sarrazin.

Mit seinen umstrittenen Äußerungen über Migranten hat der Bundesbank-Vorstand viele verärgert, aber nur wenige haben so konsequent reagiert wie Aylin Selcuk. Gemeinsam mit fünf weiteren Klägern hat die 21-Jährige Sarrazin im Juni wegen Volksverhetzung angezeigt.

Inzwischen hat Sarrazin mit seinem Buch „Deutschland schafft sich ab“, das am Montag erscheint, nachgelegt. „Man könnte ja auf die Idee kommen, dass auch Erbfaktoren für das Versagen von Teilen der türkischen Bevölkerung im deutschen Schulsystem verantwortlich sind“, schreibt der 65-Jährige.

Aylin Selcuk war lange bereit gewesen, Sarrazin zu ignorieren. Als er erstmals ausholte, um gegen Einwanderer zu wettern, blieb die Deutschtürkin ruhig. „Es gibt immer ein paar Idioten, die sich falsch ausdrücken“, dachte sie. Sie wollte Sarrazin nicht noch mehr Öffentlichkeit verschaffen.

Doch als er erklärte, dass das Bildungsniveau türkisch- und arabischstämmiger Migranten der deutschen Gesellschaft schade, riss ihr der Geduldsfaden. Für sie ist das nicht nur rassistische Hetze, sondern eine persönliche Beleidigung.

Die Geschichte von Aylin Selcuks Familie passt nicht zu Sarrazins Thesen, türkische Einwanderer, sorgten nicht vernünftig für die Ausbildung ihrer Kinder und produzierten „ständig neue kleine Kopftuchmädchen“. Selcuks Großväter kamen als Analphabeten nach Deutschland und brachten sich Lesen und Schreiben selbst bei. Jedes Kind musste eine Ausbildung machen, besser noch studieren. Aylin Selcuks Mutter ist heute Leiterin einer Bankfiliale in Berlin, der Vater Journalist der Zeitung Hürriyet. Bildung war den Eltern so wichtig, dass sie aus dem Problembezirk Moabit nach Wilmersdorf zogen, als Aylin ins schulfähige Alter kam. Aylin schrieb ein Einser-Abitur. Es lief alles so gut, dass sie sich wenig Gedanken machte über die Kinder anderer türkischer Einwanderer, über Schulabbrecher oder Hauptschüler, die ihr Lehrer „Prügeltürken“ nannte. „Ich hatte damals selbst Vorurteile“, gibt Aylin Selcuk zu. Manchmal verleugnete sie sogar ihre Herkunft. Sie sagte, sie sei Italienerin. Das war für sie einfacher.

Wenn Aylin Selcuk über diese Zeit spricht, zieht sie ihre gelbe Strickjacke über die Hände, so als wolle sie sie verbergen. Sie redet noch schneller als sonst. Es wirkt so, als wäre es ihr peinlich, dass sie damals so dachte.

Als Aylin Selcuk für ihre Abiturarbeit recherchierte, änderte sie ihre Meinung. Sie schrieb über die Integration von türkischen Jugendlichen in Berlin und lernte, dass Hauptschüler dieselben Bedürfnisse und Träume haben wie sie, aber wenig Hoffnung und kaum Selbstvertrauen. „Mir haben sich so viele Türen geöffnet – und die trauten sich nicht einmal, eine einzige aufzumachen.“ Um Türen zu öffnen und der Generation von deutsch-türkischen Jugendlichen eine Stimme zu geben, gründete Aylin Selcuk einen Verein mit dem Namen „Deukische Generation“.

Die 50 Mitglieder wollen helfen, Vorurteile zwischen Einwanderern und der Mehrheitsgesellschaft abzubauen. Sie sind Vermittler zwischen den Welten. Aylin Selcuk spricht mit Lehrern, damit diese ihren Unterricht verständlicher machen und so die Zahl der Schulschwänzer verringern. Oder sie überzeugt türkische Familienväter, ihre Töchter doch zum Schwimmunterricht zu schicken. Gelegentlich bittet sie deshalb ihren Großvater um Hilfe. Er ist Imam und weiß, wie man konservative Moslems überzeugt.

Nach vier Jahren als „Deukisch“-Chefin ist Aylin Selcuk eine Art Immigranten-Star geworden. In der türkischen Gemeinde wird sie bewundert, weil sie Zahnmedizin studiert und es „geschafft hat“. Bundespolitiker debattieren gerne mit ihr, weil sie meinen, sie hätten endlich Zugang zur künftigen Einwanderer-Generation. Selbst Angela Merkel hat sich schon mit ihr getroffen. Aylin Selcuk ist mittlerweile ein Kommunikationsprofi geworden.

Drohungen per SMS

Doch es gibt auch Momente, da belasten sie die Erwartungen. Dieser Tage schreibt die Zahnmedizinstudentin ihr Physikum. „Was, wenn ich eine schlechte Note erhalte und alle enttäusche?“ Sie fürchtet, als Vorbild zu scheitern. Manchmal ist ihr auch bange, wenn sie morgens ihr Handy einschaltet. „Selten so gelacht. Ich habe doch immer gewusst, dass ihr Türken-Kanaken ein Volk von überwiegend unverbesserlichen Idioten seid. (…)Der überwiegende Teil der deutschen Bevölkerung kann euch so gut leiden wie eine schlimme Krankheit…“, schreibt einer. Seit der Klage gegen Sarrazin erhält Selcuk täglich solche Botschaften. Die einen sind drohend, andere etwas freundlicher geschrieben, aber immer mit der einen Aussage: Verschwinde!

Aylin Selcuk gibt sich tapfer, aber ihre Enttäuschung kann sie nicht verbergen. Sarrazin habe den Rassismus salonfähig gemacht. Allein deshalb müsse das Thema an die Öffentlichkeit. Ob sie mit ihrer Klage Erfolg haben wird, ist ungewiss. Die Staatsanwaltschaft Darmstadt ermittelt noch. Einige der Mitkläger wollen bis vor den europäischen Gerichtshof ziehen. Aylin Selcuk möchte zumindest, dass Sarrazin seine Behauptung von der genetischen Dummheit der Einwanderer zurücknehmen muss, um einer Klage zu entgehen. Das wäre ihr eine kleine Genugtuung.

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