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Autor Christof Wackernagel Da könnte ich rückfällig werden

Terrorist, Schauspieler, Schriftsteller: Christof Wackernagel hat das dickste Buch der Buchmesse geschrieben. Ein Gespräch über die Frauen in Afrika, das Schreiben und die Politik.

08.10.2011 16:33
Sabine Vogel
Tausende Neuerscheinungen wurden allein bei der Frankfurter Buchmesse vorgestellt. Wir helfen Ihnen mit unseren Empfehlungen durch diesen Dschungel. Foto: dapd

"Das ist der mit dem schönsten Hemd“, sagt die Bedienung im Café des Berliner Literaturhauses in der Fasanenstraße. Christof Wackernagel sitzt dort mit Kaffee und Mineralwasser im Garten. Am Mittag hat er der Presse sein neuestes Buch vorgestellt. Seine Traumtrilogie trägt den Titel „es“ und ist mit 4,2 Kilogramm Gewicht und 603 dreispaltig vollgeschrieben Seiten sicher das umfangreichste Werk der aktuellen Buchsaison. Bevor er am Abend wieder nach Köln zum Dreh fliegt, wo er als Schauspieler bei einem Fernsehfilm mitwirkt, hat er noch Zeit für ein entspanntes Gespräch. Dazu wechselt er von Wasser auf Weißwein.

Wir haben uns schon mal 1987 in der taz getroffen, da waren Sie gerade aus dem Gefängnis entlassen.

Ja, ich erinnere mich, da hat jemand einen Joint gedreht, der das Rauchen aufgehört hat.

Rauchen Sie?

Ich habe nie Zigaretten geraucht. Irgendwann aber hab ich gemerkt, dass ich nur gekifft habe, weil ich Tabak rauchen wollte.

Gibt es Gras in Bamako, wo Sie jetzt leben?

Die bauen es an, das ist schon auch verboten. Aber das ist dort eine Kulturdroge.

Sie hatten damals einen Job am Theater.

Peymann hatte gesagt, er nimmt mich als Regieassistenten. Als ich dann ganz rauskam, war Peymann schon wieder weg. Die Befreiung vom Theater war beinah so gut wie die aus dem Gefängnis. Ein Intendant ist der letzte Feudalherrscher. Das war Psychoterror, und das unter dem Signum der Kunst.

Wie, im Knast war’s besser als am Theater?

Ich habe nie mehr so viel Zeit zum Lesen gehabt wie im Knast. Ich habe mir ein Programm gemacht, Aufschreiben der Traumprotokolle, Zeitunglesen, Gymnastik, das nicht erfüllbar war. Das war mein Überlebenstrick. Ich wollte die ganze „Fackel“ von Karl Kraus lesen, leider hab ich nur die Hälfte bewältigt. So zynisch das klingen mag, in der Freiheit bin ich verblödet. Erst in Afrika konnte ich das Lesepensum wieder aufnehmen, da habe ich mir Bedingungen aufgebaut wie im Knast, nur unter besseren Voraussetzungen. Jetzt habe ich den ganzen Ernst Bloch wieder durchgelesen, oder Don Quichote, das sind ja auch zwei Schwarten.

Muss man im Gefängnis nichts arbeiten?

Mir wurde, Gott sei Dank, die Schreiberei als Arbeit anerkannt. In Isolationshaft zu sein und dann Stecker zusammenstecken, dazu war ich nicht bereit. Mit Gerd Schneider, der jetzt in Frankfurt Kinos macht, mit dem ich verhaftet worden war, war ich sechs Jahre dort. Nicht in einer Zelle, dann wären wir beide tot. Wir haben versucht, der RAF eine Art politisch fundierte „Rechtsgrundlage“ zu geben. Das war echt verstiegen. Wir haben uns da hineingeritten, bis das Gerüst total zusammenbrach. Als ich nach achteinhalb Jahren Einzelhaft in eine Zelle mit vier Männern kam, habe ich nächtelang kein Auge zugetan. Bis heute hab ich Probleme, das Atmen einer Frau in meinem Bett zu ertragen. Ansonsten habe ich , glaube ich, nicht so viele Dachschäden davongetragen.

Sie sind gerade für zehn Tage zum Drehen in Köln. Was spielen Sie da?

Einen Kunsträuber, der Munch in Oslo, das war ich! Gut, das ist ZDF-Kitsch. Aber tolle Regisseurin, nette Kollegen, das gibt es sonst fast nie. Ich mach das ja zum Geldverdienen. Damit bin ich mein eigener Mäzen, ich kann solche Bücher wie diese Traumtrilogie nur schreiben, weil ich da nicht auf die Kohle gucken muss.

Wie haben Sie den Verleger zu Klampen davon überzeugt?

Das lief über Christoph Türcke, einen Philosophen, der gerade mit seiner „Philosophie des Traums“ den Freud-Preis bekam, mit dem bin ich seit Knastzeiten befreundet, der hat mich da besucht. Der hat zu Klampen auf mich angesetzt. Wie alle wollte der ein Buch über die RAF. Da reagiere ich allergisch. Ich bin doch als RAFler nur bekannt geworden, weil ich vorher ein bekannter Schauspieler war. Ich war der kürzeste RAF-Mann, den es gab.

Wie lange?

Zwei Monate.

Dafür haben Sie aber hart bezahlt.

Ja, das ist weniger als eine Hospitantenzeit.

Wie sind Sie da reingeraten?

Das ist ein langer Radikalisierungsprozess, der hängt mit so vielen Zufällen zusammen, mit den Leuten, Freunden, mit Stuttgart, einer Liebesgeschichte. Ich weiß die Antwort selber nicht. Wahrscheinlich gibt es gar keine monokausale Antwort. Warum bist du für den Frieden und wendest Gewalt an? Warum kämpfst du gegen die Macht und wendest Machtmittel an? Es gibt Dutzende von Bücher, die behaupten, die RAF-ler seien alles psychopathische, machtbesessene Leute gewesen. Ich behaupte das Gegenteil: Freiheit wird es erst dann geben, wenn keiner mehr Macht hat und will. Die ganze Literatur dazu ist voll von Rechtfertigung, Besserwisserei und Verdrängung geprägt. Natürlich will man verdrängen und sich sein eigenes Ding schönreden, der Mensch ist so strukturiert. Deshalb bin ich ja auf diese Träume gekommen. Sie handeln von dem, was du verdrängst. Da bin ich an dem dran, was ich wissen will. Das ist besser als so ein Bekenner-Essay wie „Ich war dabei“.

Ihr Buch heißt „es“ und ist in drei parallelen Spalten geschrieben. Fast klassisch freudianisch. Was ist das Es, das Ich, das Über-Ich?

Das sind jedenfalls keine RAF-Texte. Das ist eher so telenovelamäßig, da sind Proll und Kitsch und Liebesszenen drin wie im Kino.

Es liest sich streckenweise wie automatisches Schreiben. Ist das so rausgeflossen, oder haben Sie viel dran gearbeitet?

Der erste Teil sind die Träume. Das sind die Protokolle. Der zweite Teil sind die Assoziationen. Das sind die Tagträume, sie müssen ein konkretes Thema aufnehmen. Dieser Teil ist nach ganz strengen Gesetzen ausgeführt. Die ganze Arno-Schmidt-Nummer, mit Verschreibern und Wortspielen, das ist alles verboten. Ich hasse beispielsweise das Wort Gutmenschen, deshalb heißt es bei mir „Gutanten“. Die Wortbildungen müssen einen Grund haben, auch wenn du ihn nicht analytisch benennen kannst. Die Träume sind das Material, der Stoff, die Assoziationen dazu sind die literarische Bearbeitung.

Und die dritte Spalte?

Das ist Entertainment. Da gibt es zum Beispiel diese Gundel, die Radikale, eine echt blöde Tussi, die ist mir dann entglitten. Die liebte ich immer mehr als Figur. Das ist das Schönste, wenn sich Figuren verselbstständigen. Mir ging es eben nicht um die 25. historisch-materialistische Erklärung, sondern um Gefühle und Sehnsüchte, die wir alle haben.

Dann ist der dritte Teil das Es?

Das ist alles Es. Woher kommen denn die Ideen, wenn nicht aus dem Unbewussten?

Aus dem Ich? Aus dem, was man bewusst erlebt hat?

Ach so. Aber was willst du mit dem Autobiografischen, das ist doch eh die Ausgangsposition, und man kann es immer bloß verwandeln. Im ganzen Thomas Mann sind ja nur reale Figuren, die er umgedreht hat.

Ich hab fast nur die mittlere Spalte gelesen.

Ach, sehr interessant, das kommt, weil du eine Frau bist! Die Männer finden den Mittelteil meistens zu konstruiert. Das Mittlere ist das Eigentliche, das, was ich machen wollte.

Glauben Sie noch an Weltverbessungen?

Die können mich mal alle. Ich kann nur schreiben, sonst kann ich mich aufhängen. Das Schreiben ist für mich eine notwendige, aber nicht hinreichende Bedingung, um was zu verbessern.

Sie leben seit einiger Zeit in Bamako, der Hauptstadt von Mali. Dort haben Sie eine Bäckerei für Schwarzbrot ins Leben gerufen. War das kein Beitrag zur Weltverbesserung?

Nichts. In Mali bin ich zum Leben. Ich kriegte in Deutschland die normale 50-Jährigen-Krise. Ich war nicht zehn Jahre im Knast, um danach den Bullen im RTL-Krimi zu spielen, ok, ich verdiente gutes Geld, bekam aber mein Buch nicht zustande. Dort lebe ich äußerlich wie ein Spätkolonialist, kriege das Frühstück aufs Dach serviert. Ich kam durch eine Freundin dahin, nicht wie ein Tourist, erhielt meinen Namen, Maduchara, das heißt sowas wie Herr Hans Müller. Ich kannte den Islam aus Libyen oder Syrien, da wollte ich nicht leben, aber dort bin ich umgefallen. Dieses Liberale, die Demokratie, die Frauen, diese Musik, das hat mich umgehauen. Inzwischen lebe ich mit einem Musiker und dessen Familie zusammen. Mit den Frauen ist es schwierig, die sind so ambulant, die kommen und gehen. Wir haben zusammen ein Haus gebaut mit Studio, wir haben sogar eine Kassette aufgenommen, aber sowas kann man hier ja überhaupt niemandem mehr schenken!

Was ist aus dem Vollkornbrot geworden?

Ha, das gibt es jetzt. Ein Bäcker fand die Idee gut, fuhr auf eigene Kosten nach Deutschland und bäckt jetzt tolles Brot. Es kostet drei Euro. Nun macht er eine Filiale im Villenviertel auf. Operation gelungen, Patient tot. Ich hab’s wieder mal geschafft.

Haben Sie schlechte Erfahrungen mit einheimischen, also schwarzen Frauen gemacht?

Interessante! Die Beziehungen laufen anders als bei uns. Mehr Parallelwelten. Bei uns gilt eine Frau nicht als Prostituierte, wenn sie sich von ihrem Mann aushalten lässt. Du siehst auch unsere Gesellschaft anders, wenn du dort lebst. Es gibt da eine Signalsprache, dass du nicht wagst, eine Frau anzumachen, aber dich auch nicht entziehen kannst, wenn sie dich auf spezielle Weise anguckt. Die scheinbar unterdrückten Frauen haben eine große Macht und Stärke. Ich bin vorsichtig geworden. Ein alter Weißer ist was ganz Hässliches, und sie lieben dich, weil sie glauben, da ist Geld vorhanden. Naja, bei diesen interkulturellen Missverständnissen zwischen den Geschlechtern bist du immer auch selber schuld.

Was muss man als weißer Mann mitbringen, damit es gutgeht?

Es geht nicht. Das Verhältnis Schwarz-Weiß ist komplett kaputt. Es gibt dort einen umgekehrten Rassismus, die Kinder zeigen auf dich, du bist Beute. Respekt und Achtung vor den Alten, hat einen riesigen Stellenwert in ihrer Kultur, aber du als Weißer bist davon ausgeschlossen. Daran sind auch die ganzen NGOs mit schuld. „Tödliche Hilfe“ hieß schon 1989 ein Buch von Brigitte Erler, damals Staatssekretärin für Entwicklungshilfe. Oder Herr Schlingensief! Das ist die totale Ignoranz den Leuten dort gegenüber. Er hätte ein Operndorf in der Lüneburger Heide machen und die Musiker dorthin einladen sollen.

Mali hat meines Wissens die höchste Dichte an Entwicklungshelfern und NGOs.

Ah, mein Lieblingsthema. Es ist ja angeblich das ärmste Land der Welt.

Dazu ach so friedlich und freundlich und dann die tolle Musik.

Und schon total korrumpiert. Wer nur ein bisschen Französisch kann, wartet schon auf das nächste Geschenk, oder Projekt. Ich kann das Wort Projekt nicht mehr hören! Ein Bekannter wollte eine Schuhfabrik aufmachen, aber es kommen so viele geschenkte Schuhe rein, dass das keinen Sinn macht. Es ist eine reine Projektgesellschaft. Entwicklungshilfe verhindert Entwicklungen. So hehr die Motivationen mal waren, wurde von Anfang an das Grundproblem ignoriert, dass wir im Prinzip die Steuern von den Reichen dort zahlen. Woher kommt denn das ganze Geld für diese Paläste? Ich kann den Bau meines Hauses kaum zahlen, weil der Sack Zement doppelt so viel kostet wie hier, und um mich herum wird gebaut wie verrückt. Guck mal auf Facebook, da bieten sich reihenweise gebildete Frauen aus Mali in lasziven Posen an, um Weiße zu finden und Projekte, um abzusahnen. Das ist eine abgrundtief kaputte Gesellschaft.

Möchte man nicht doch mit den Westkontakten und den Kenntnissen vor Ort etwas bewegen?

Da hab ich auch wieder eine Desillusionserfahrung. Ich bin in die Partei eingetreten, das traue ich mich kaum zu erzählen, dann stellte ich fest, die kungelten mit Gaddafi!

Wie halten Sie es dann aus, dort zu leben?

Manchmal halte ich es nicht aus. Ich habe bessere Erfahrungen gemacht mit denen, die Erdnüsse verkaufen, als mit denen, die studiert haben. Ich habe einen Riesenrespekt vor Analphabeten bekommen, die drei Sprachen sprechen. Ich sehe nur alle meine Säulen von Gleichberechtigung zusammenbrechen und keine neuen sind in Sicht.

Je ungebildeter die Frauen, desto besser eignen sie sich als Gespielinnen?

Das können Sie gerne so sehen, aber das mit dem „dümmer“ akzeptiere ich nicht. Richtig ist, sie haben mehr Charakter.

Sollte man die Frauen dann nicht vor den westlichen Errungenschaften verschonen?

So einfach ist’s leider nicht. Sie haben keine andere Wahl, als sich einen Weißen oder einen weißen Zusammenhang zu suchen, um was zu erreichen. Das ist auch eine Geschichte der Korruption. Ich hab doch diese unschöne Erfahrung mit diesen Ärzten …

Was ist das für eine Geschichte?

In Kurzfassung: Ärzte kommen nach Mali und bitten mich um Kontakte. Also bringe ich sie mit ein paar zusammen, darauf gründen die sofort einen malischen Verein. Ich stelle fest, die machen wieder ihre Geschäfte und verteilen das Geld an die Krankenhäuser, in die normale Leute sich gar nicht reintrauen, weil es zu viel kostet. Dabei gibt es Einheimische, von Weißen unabhängige Organisationen, etwa die Action directe, die umsonst Kranke behandeln. Andererseits, wenn der Gesundheitsminister 25 Millionen Dollar vom Weltwährungsfonds in die eigene Tasche steckt, warum soll dann meine Nachbarin nicht einen Furz davon für sich abzweigen? Oder Pro Afrika, das ist ein deutsches Rentnerehepaar, die lassen für wahnsinniges Geld Krankenhausbetten nach Mali bringen. Dabei gibt’s Schlosser, die froh wären, die bauen zu dürfen. Die amerikanische Schule in Bamako kostet 1?000 Dollar im Monat. Das wird zu 90 Prozent mit GTZ-Geldern bezahlt. Da könnte ich rückfällig werden.

Wie kompensieren Sie solche Anfälle?

Was soll ich machen? Ich schreibe, guck mal in meinen Blog. Die Wut in Worte fassen. Ich bin inzwischen so weit, den Helfern niedrige Beweggründe zu unterstellen. Ich werde langsam selber zum Neger.

Verbuschung nennt man das, glaube ich.

Ja, und da bin ich stolz drauf. Das gibt mir auch einen anderen Blick auf hier.

Können Sie sich vorstellen, dort alt zu werden, krank?

Das ist eine völlig zerrissene Angelegenheit. Ich wollte nie weg hier. Ich bin dort hängengeblieben, ganz platt gesagt, weil die Leute so nett sind. Dort werde ich nie ganz ankommen, und hier wird mir alles immer fremder. Die Leute verbreiten eine Lustlosigkeit, als wären sie dauernd beleidigt mit ihrem Leben. Das ist eine Zickengesellschaft. Ich krieg hier kein feeling mehr. So pfarrerhaft das jetzt klingt, je weniger ich habe, desto mehr Lebensfreude habe ich. Wenn ich Wasser trinke, selbst das gechlorte , ist das ein Genuss! Hier – keine Freude ohne Alkohol.

Was fehlt Ihnen dort?

Die Verbindlichkeit. Intellektueller Austausch. Guck mal (Hupen auf der Straße), nur Stress. Parkplatzstress. Der Sargnagel der Zivilisation, das Auto! Kriege, Gaddafi, das Öl.

Im Herzen sind Sie immer noch Terrorist?

Absolut. Ich bin kein Ex-Terrorist. Das habe ich nie gesagt. Ich habe die Mittel gewechselt, das ist alles.

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