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Aussteiger „Die Zeugen Jehovas werden langsam aussterben“

Er kommt als Kind zu der Glaubensgemeinschaft – mit Anfang Dreißig steigt er aus. Ein Gespräch über den Alltag in einer Parallelwelt, die Schwierigkeiten des Ausstiegs und das Leben danach.

Zeugen Jehovas mit fahrbaren Infoständen
„Ich habe versucht mir Informationen von der Wachtturmgesellschaft zu beschaffen, um mein Weltbild zu behalten“, berichtet Oliver Wolschke. Foto: imago

Sie begleiten die Menschen also in ihrem Prozess. 
Genau. Manche begleite ich über Monate hinweg. Es ist dann auch schön, Entwicklungen zu sehen. Ich kann aber niemanden überzeugen rauszugehen. Die Menschen müssen sich selbst überzeugen.

Die Zeugen Jehovas sind eine stark männerdominierte Gesellschaft. Wie würden Sie nach Ihrer Erfahrung die Rolle der Frau in der Gemeinschaft beschreiben?
Die Frau ist dem Mann untergeordnet. Der Mann ist das Haupt der Familie. Grundsätzlich ist bei Zeugen Jehovas oft eine klassische Rollenverteilung zu beobachten. Das war auch bei uns nicht anders – ich habe Vollzeit gearbeitet, meine Frau halbtags. Es weicht aber auf, immer mehr Frauen gehen arbeiten. Es wird auch in den Zeitschriften beschrieben, dass die Frau für den Haushalt zuständig ist und sie die Verpflichtung hat, für die Kinder da zu sein. Der Mann hat die Verantwortung, der Familie geistig vorzustehen. Im Zweifel trifft auch immer der Mann die letzte Entscheidung. 

Was hat sich denn nach dem Austritt für ihre Frau verändert?
Tatsächlich nicht viel. Wir waren ein gutes Team und auf Augenhöhe. Vorher hat sie aber auf Karriere und berufliche Selbstverwirklichung verzichtet, auch weil sie dachte, dass Harmagedon ohnehin bald kommt. Sie war eine Ehefrau, wie Zeugen Jehovas das propagieren. Jetzt hat sie mehr Zeit und hat sich beruflich neu orientiert, was sie schon immer machen wollte. Das hätte sie bei den Zeugen Jehovas nicht gemacht.

Groß in die Schlagzeilen sind die Zeugen Jehovas in den vergangenen Jahren im Zusammenhang mit Kindesmissbrauch geraten. So sollen zahlreiche Fälle in Australien jahrzehntelang zwar intern bekannt gewesen, aber nicht zur Anzeige gebracht worden sein. In ihrem Buch spielt auch das Thema auch eine Rolle …
Ja. Auch die Presse ist mit diesem Thema ziemlich durchflutet, nur nicht in Deutschland. Zeugen Jehovas verabscheuen Kindesmissbrauch. Das steht außer Frage. Zu dem Thema haben auch schon Mitglieder Kontakt mit mir aufgenommen, auch hochrangige Älteste. Es geht darum, dass das Thema in der Organisation relativiert wird. Das liegt auch daran, dass die Zeugen Jehovas selbst zu dem Skandal in Australien keine Stellung nehmen. Solange sie keine Stellung beziehen, werten Mitglieder das als Lügen von Abtrünnigen oder als Propaganda des Teufels. Deswegen ist es für einen Zeugen Jehovas schwer zu verstehen, welches Ausmaß das angenommen hat. Es ist zudem problematisch, dass die Zeugen Jehovas an der Zwei-Zeugen-Regel festhalten. Die Tat kann innerhalb der Gemeinschaft demnach nur belegt werden, wenn entweder der Täter sie zugibt oder zwei Personen den Kindesmissbrauch bezeugen. Ansonsten wird die Angelegenheit Jehova überlassen. 

Das ist noch gängige Praxis?
Die Zwei-Zeugen-Regel ist meines Wissens nach immer noch gängige Praxis. Dazu gibt es auch ein Video auf dem Online-TV-Kanal. Darin nimmt die Wachtturmgesellschaft explizit auf die Regel Bezug und sagt aus, dass sie diese niemals aufgeben wird. Dass sie momentan häufig auf das Thema reagieren, ist auch auf den Druck durch die Öffentlichkeit zurückzuführen. Es ist natürlich positiv, dass sich da etwas bewegt. Der Kern des Problems ist aber noch vorhanden. Und für die Opfer wäre vor allem die Aufarbeitung wichtig. Die Organisation müsste Stellung nehmen und sagen: „Wir haben Fehler gemacht.“ Das würde sehr vielen Betroffenen helfen.

Interview: Andreas Sieler

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