Lade Inhalte...

Aussteiger „Die Zeugen Jehovas werden langsam aussterben“

Er kommt als Kind zu der Glaubensgemeinschaft – mit Anfang Dreißig steigt er aus. Ein Gespräch über den Alltag in einer Parallelwelt, die Schwierigkeiten des Ausstiegs und das Leben danach.

Zeugen Jehovas mit fahrbaren Infoständen
„Ich habe versucht mir Informationen von der Wachtturmgesellschaft zu beschaffen, um mein Weltbild zu behalten“, berichtet Oliver Wolschke. Foto: imago

Wie war das?
Ich habe sie in den Arm genommen. Dann haben wir versucht, ein Gespräch zu führen. Das war schwierig, weil wir gezwungenermaßen auf die Zeugen Jehovas zu sprechen kamen. Aber es war interessant. Ich habe gemerkt, dass sie sich ein Weltbild zusammengeschustert hat, um sich zu erklären, warum ich gegangen bin. Sie hat sich auch mit kritischen Informationen auseinandergesetzt und gesagt, das habe ihr nicht gutgetan. Das kann ich verstehen, weil das bei ihr eben auch diese kognitive Dissonanz ausgelöst hat. Sie ist leider nicht tiefer gegangen. Ich sagte ihr, dass ich damals tiefer gegangen bin und dass das nötig wäre.

Glauben Sie also doch, dass Ihre Mutter  an den Zeugen Jehovas zweifelt?
Jeder Zeuge Jehovas zweifelt irgendwann in seinem Leben. Meine Mutter klammert sich daran fest, weil sie ihr halbes Leben dafür investiert hat. Sie glaubt, dass der Kontaktabbruch zu mir die einzige Chance ist, ihren Sohn zur Umkehr zu bewegen. Nur so glaubt sie, mein Leben retten zu können. Gleichzeitig will sie durch den Akt der Untreue – also den Kontakt zu mir – nicht selbst ihr ewiges Leben im Paradies verspielen. Das ist völlig verrückt.

In „Jehovas Gefängnis“ fassen Sie auch die Mitgliederentwicklung ins Auge. In Regionen mit einer hohen Internetabdeckung und somit einer höheren Verfügbarkeit von Informationen ist das Wachstum auffallend gering verglichen mit Regionen mit geringerer Internetabdeckung. Wobei auch die Wachtturmgesellschaft das Internet zu nutzen versucht, beispielsweise mit einem eigenen TV-Online-Kanal. Aber wie lange kann sich die Organisation vor dem Hintergrund dieser Entwicklungen noch halten?
Das Internet hat dieser Organisation eigentlich das Genick gebrochen. Sie wird nicht von heute auf morgen verschwinden, aber der Mitgliederschwund wird weitergehen – die Zeugen Jehovas werden langsam aussterben. Sie haben lange vor dem Internet gewarnt. Sie versuchen auch durch Publikationen davor zu warnen, die falschen Internetseiten zu besuchen, aber ab einem gewissen Punkt funktioniert es nicht mehr. 

Über ihren Blog kommen Sie mit Menschen in Kontakt, die Aussteigen wollen. Wie verläuft so ein Kontakt? 
Viele, die mich anschreiben, sind schon draußen, haben aber noch nicht alles aufgearbeitet. Das geht auch nicht über Nacht. Mich schreiben aber auch einige an, die noch bei den Zeugen Jehovas sind, aber Zweifel haben. Manche schreiben auch, dass sie lange darüber nachgedacht haben, ob sie mir schreiben sollen. Es ist ein langer Prozess, bis man soweit ist. Ich kenne das von mir selbst. Als ich mein erstes Aussteigerbuch gekauft habe, hatte ich ein mulmiges Gefühl, auf „kaufen“ zu klicken. Ich spreche aber auch mit Personen, die noch voll drin sind und nicht wissen, wie sie die Organisation verlassen sollen. Die haben Angst, ihre Familien und Verwandten zu verlieren, sind aber mental komplett raus. Für diese Personen ist es angenehm, sich mit jemandem auszutauschen, der sie versteht. 

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen