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Aussteiger „Die Zeugen Jehovas werden langsam aussterben“

Er kommt als Kind zu der Glaubensgemeinschaft – mit Anfang Dreißig steigt er aus. Ein Gespräch über den Alltag in einer Parallelwelt, die Schwierigkeiten des Ausstiegs und das Leben danach.

Zeugen Jehovas mit fahrbaren Infoständen
„Ich habe versucht mir Informationen von der Wachtturmgesellschaft zu beschaffen, um mein Weltbild zu behalten“, berichtet Oliver Wolschke. Foto: imago

Sie haben sich klar abgekehrt, waren aber doch ein gottesgläubiger Mensch. Würden Sie sich heute als Atheist bezeichnen?
Eigentlich war die Wachtturmgesellschaft mein Gott, ohne dass ich das gemerkt habe. Als die für mich gestorben war, war das auch der Glaube an Gott. Ich fing an Bücher zu lesen und habe versucht, Gott von einer anderen Perspektive aus zu betrachten. Das hat aber nicht geklappt – das waren Bücher von Neale Donald Walsch. Gott wurde für mich sehr unlogisch. Dann habe ich mich mit der Evolutionstheorie auseinandergesetzt. Das hat funktioniert. Ich würde mich als agnostischen Atheisten bezeichnen. 

In Ihrem Buch zeigen Sie auf, wie das System der Zeugen Jehovas funktioniert. Eine wichtige Rolle spielt unter anderem auch das mehrfach verschobene Ende der Welt - das Harmagedon. Dabei sollen alle Menschen, die nicht nach den Lehren der Zeugen Jehovas leben, sterben. Ist es die Angst vor Harmagedon, die die Menschen bei den Zeugen Jehovas hält?
Die Angst vor Harmagedon ist nur ein kleiner Baustein, aber gibt es eine ganze Menge an Gründen. In erster Linie ist es so, dass ein Zeuge Jehovas an irrationalen Ansichten festhält. Sie gehen ein Schulungsprogramm durch und sehen sich jede Woche mehrmals in Zusammenkünften. Der soziale Einfluss und die Gruppendynamik lassen nicht zu, dass man sich lange fernhält. Ohne, dass es den Mitgliedern bewusst ist, werden dadurch Kontrollmechanismen in Gang gesetzt. Durch Versammlungsbesuche werden diese irrationalen Ansichten jede Woche wiederholt. Dadurch werden sie irgendwann zur Realität. Die Kontrolle wirkt sich auf verschiedenen Ebenen aus: Verhaltenskontrolle, Gedankenkontrolle, emotionale Kontrolle und vor allem Informationskontrolle. Ein Zeuge Jehovas weist Kritik an seinem Weltbild ab und erst recht, wenn die Kritik von Abtrünnigen wie mir kommt. Das ist als würde man Informationen direkt vom Teufel holen. Zudem verkehrt die Gruppe nur unter sich. Der Kontakt zu Außenstehenden wird so minimal wie möglich gehalten. 

Sie hatten über Ihre Arbeit Zugang zu Informationen. Dennoch dauerte es sehr lange, bis Sie sich damit beschäftigten.
Das liegt an dieser Immunisierungsstrategie, die jeder Zeuge Jehovas in sich trägt. Klar hatte ich Informationen gefunden, beispielsweise ein Artikel, dass der Mensch nach neuesten Erkenntnissen 200 000 Jahre alt ist. Das passte natürlich nicht mit meiner Überzeugung zusammen, dass er nur 6000 Jahre alt ist. Man sagt sich dann, dass die Messmethoden fehlerhaft sind oder die Wissenschaft nur gegen Gott argumentieren möchte. Das sind antrainierte Argumente.

Aber Sie waren ja auch nicht immer zu 100 Prozent überzeugt. Stellenweise schreiben Sie von Zweifeln.
Tatsächlich bin ich auf Zweifel gestoßen, als ich auf einer Homepage von Abtrünnigen gelandet bin. Das hat eine enorme Dissonanz bewirkt, das hält kein Mensch lange aus. Manche sagen dann, „jetzt hole ich mir Hilfe von Außerhalb, um mir ein neues Weltbild zu suchen“. Aber ich habe versucht mir Informationen von der Wachtturmgesellschaft zu beschaffen, um mein Weltbild zu behalten. Für mich gab es damals noch keinen Grund auszusteigen. Wäre ich ausgestiegen, hätte ich mein Umfeld verloren, also habe ich versucht, mich selbst wieder zu indoktrinieren. 

Eine wichtige Rolle im Buch spielt die Beziehung zu Ihren Eltern. Ihr Vater, der mit den Zeugen Jehovas nie etwas zu tun hatte, ist mittlerweile verschwunden - Sie suchen ihn. Wie würden Sie ihr Verhältnis zu ihm beschreiben?
Ich würde es als sehr gutes Verhältnis bezeichnen. Ich konnte froh sein, jemanden außerhalb zu haben, der mich auch mit alternativen Ideen und Gedanken infiziert hat. Das hat mir auch geholfen, kritisches Denken zu erhalten, auch wenn ich das auf meine Überzeugung lange nicht angewandt habe. Als Kind bot mir mein Vater eine Flucht in eine andere Welt. Ich empfand eine Freiheit und konnte mich anders Verhalten als in der Gruppe. Ich suche ihn noch. 

Zu Ihrer Mutter, durch die Sie zu den Zeugen Jehovas kamen, haben Sie keinen Kontakt mehr.
Richtig. Ich hatte Sie zur Einschulung von unserem Sohn eingeladen. Aber da kam keine Antwort. Aber vor Kurzem habe ich sie beim Einkaufen getroffen. 

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