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Aussteiger „Die Zeugen Jehovas werden langsam aussterben“

Er kommt als Kind zu der Glaubensgemeinschaft – mit Anfang Dreißig steigt er aus. Ein Gespräch über den Alltag in einer Parallelwelt, die Schwierigkeiten des Ausstiegs und das Leben danach.

Zeugen Jehovas mit fahrbaren Infoständen
„Ich habe versucht mir Informationen von der Wachtturmgesellschaft zu beschaffen, um mein Weltbild zu behalten“, berichtet Oliver Wolschke. Foto: imago

Die Zeugen Jehovas sind den meisten Menschen ein Begriff, doch aus dem Innenleben der Glaubensgemeinschaft dringt eher selten etwas nach außen. In seinem gestern veröffentlichten Buch „Jehovas Gefängnis“ berichtet Oliver Wolschke, wie er als kleines Kind Teil der Organisation wurde, als seine Mutter beitrat. Mehr als 20 Jahre war der Berliner ein Mitglied der Gemeinschaft, bis er vor eineinhalb Jahren „aufgewacht“ ist, wie er es bezeichnet. Ein wichtiger Grund dafür war die Erkenntnis, dass er seinen Kindern im Falle eines Notfalls keine unter Umständen lebensrettende Bluttransfusion verweigern möchte, wie bei den Zeugen Jehovas üblich. Mit seiner Frau und den gemeinsamen Kindern hat er die Gemeinschaft verlassen. Er arbeitet seit Jahren als Suchmaschinenexperte bei einer Zeitung und betreibt einen Blog, auf dem er Informationen über die Zeugen Jehovas bereitstellt. 

Die Menschen, mit denen sich der 33-Jährige vor seinem Ausstieg umgeben hatte, meiden ihn. „Wenn ich heute Freunde auf der Straße treffe, dann grüße ich. In der Regel kommt nichts zurück.“ Zeugen Jehovas brechen alle Kontakte zu Aussteigern und Ausgeschlossenen ab - auch zu Familienmitgliedern. Das Problem: Zeugen Jehovas pflegen Kontakte quasi nur innerhalb ihrer Glaubensgemeinschaft - dies führt automatisch zu einer sozialen Isolation des Aussteigers. Einige Jahre vor seinem endgültigen Ausstieg war Wolschke aufgrund von Verfehlungen von den „Ältesten“ aus der Glaubensgemeinschaft zeitweilig ausgeschlossen worden. Seine Erfahrungen des Kontaktabbruchs – von Zeugen Jehovas selbst als „liebevolle Vorkehrung“ bezeichnet – erlebte Wolschke als „emotionale Erpressung“. 

Herr Wolschke, Sie schreiben, dass Sie nicht bereuen, wie Ihr Leben verlaufen ist und dass Sie den Zeugen Jehovas keine Schuld zuschieben. Das fällt nach der Lektüre Ihres Buches schwer zu glauben.
Das war anfangs auch nicht so. Man durchläuft als Aussteiger eine Wutphase, weil es schwierig ist, die Menschen zu verlieren, obwohl man nicht anders handeln konnte, als die Organisation zu verlassen. Mir fiel auf, dass ich nur an irrationale Ansichten geglaubt habe. Ich hatte aber noch nicht verstanden, wie ich da reingekommen war. Es ist ein Prozess, zu verstehen, wie destruktive Kulte funktionieren. Es gibt Gruppierungen, da macht die Führung bewusst etwas, um die Menschen unter Kontrolle zu halten. Bei den Zeugen Jehovas ist mir klargeworden, dass die Führung genauso indoktriniert ist, wie jedes einzelne Mitglied. Ich bin quasi reingeboren worden. Meine Mutter ist zu einem Zeitpunkt reingekommen, als sie in einer Lebenskrise war. Das kann jedem Menschen passieren. Dementsprechend trifft aus meiner heutigen Sicht niemand eine Schuld. 

Wären Sie auch ausgestiegen, wenn Ihre Frau das nicht mitvollzogen hätte? 
Diese Tür habe ich noch nie aufgemacht. Ich habe aber täglich über den Blog mit Personen Kontakt, die am Aussteigen oder ausgestiegen sind und Angst davor haben, dass der Ehepartner nicht mitgeht oder die noch darum kämpfen, ihren Ehepartner rauszuholen. Ich hätte wahrscheinlich nicht diesen harten Exit vollzogen. Ich denke, ich hätte mich langsam zurückgezogen und daran gearbeitet, meine Frau da rauszuholen. 

Bleiben war keine Option?
Nein. Das ist wie bei einem Zaubertrick, dessen Methode man kennt und jemand möchte einen davon überzeugen, welch magische Kräfte der Zauberer hat. Das funktionierte nicht mehr. Es ist schwer zu verstehen, aber es gibt einen Punkt, an dem es nicht mehr zurück geht, wenn dieses „Erwachen“ eingesetzt hat. 

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