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Außergewöhnliche Begabung Ein Phänomen

Derek Paravicini hat den Verstand eines Kleinkindes, aber das musikalische Gehör eines Genies. Er gehört zu jenen etwa 100 Menschen weltweit, die man Savants nennt.

06.07.2011 16:36
Serge Debrebant
„Er hat über die Musik viel über seine Gefühle gelernt“, sagt sein Mentor. Foto: Dr Evangelos Himonides

Derek Paravicini hat den Verstand eines Kleinkindes, aber das musikalische Gehör eines Genies. Er gehört zu jenen etwa 100 Menschen weltweit, die man Savants nennt.

Adam Ockelford saß in einer Londoner Behindertenschule am Klavier. Der Musiklehrer übte mit einer Schülerin Abbas „Super Trouper“, als ein kleiner, blinder Junge den Raum betrat. Er war in Begleitung seiner Eltern, die sich die Schule ansehen wollten. Als sie ihn einen Augenblick aus den Augen ließen, riss sich der Junge los, rannte zum Klavier und schubste das Mädchen zur Seite. Ockelford lachte, hob den Kleinen hoch und setzte ihn neben sich auf den Hocker.

Was dann geschah, hatte Ockelford noch nie gesehen. Die Hände des Jungen rasten wild über die Tasten. Er schlug mit Handkanten und Handgelenken, mit Stirn und Ellenbogen auf sie ein. „Unser Klavier hat er schon kaputt gemacht“, sagte der Vater, aber Ockelford beachtete ihn nicht, sondern versuchte zu entschlüsseln, was der Junge da spielte.

Zuerst hörte er nur Lärm. Dann, nach einer Weile, erkannte er eine Melodie. Es war „Don’t cry for me, Argentina“ aus dem Musical „Evita“. „Hat er einen Klavierlehrer?“, fragte Ockelford, was der Vater verneinte. Der Junge hatte sich das Lied also durch bloßes Zuhören beigebracht. Sein Name war Derek Paravicini.

„Ich habe ziemlich schnell begriffen, dass ein Genie vor mir saß“, sagt Ockelford. Es ist ein kühler Morgen in London und Ockelford, grauhaarig, beleibt, sanftmütig wirkend, steht im Spielzimmer der Behindertenschule, in der er Paravicini vor 27 Jahren zum ersten Mal traf. Paravicini sitzt neben ihm, ein 32 Jahre alter, schlanker Mann, der ein altmodisches, kariertes Hemd trägt und seine Augen hinter einer Sonnenbrille versteckt. Sein Oberkörper ist leicht nach vorne gebeugt, der Kopf zur Seite gedreht. Mit ausdruckslosem Gesicht hört er der Unterhaltung zu. Als Ockelford ihm den Besucher vorstellt, streckt Paravicini seine Hand ins Leere und kräht: „Hallo, ich bin Derek!“ Seine Stimme klingt so gleichförmig, als würde er aus einem Telefonbuch vorlesen.

Wie ein Genie wirkt Paravicini nicht, seine musikalischen Fähigkeiten aber sind bemerkenswert. Er kann tausende Stücke von Lady Gagas „Paparazzi“ bis zu Ludwig van Beethovens „Mondscheinsonate“ auf Zuruf spielen. Popsongs merkt er sich nach einmaligem Hören, auch die komplexen Harmonien klassischer Stücke durchdringt er auf Anhieb, mehr noch, er verarbeitet sie umgehend mit eigenen Improvisationen.

Mit neun Jahren gab er sein erstes großes Konzert. Mit 14 trat er vor Lady Diana im Buckingham Palace auf. Mit 26 spielte er vor 12?000 Zuschauern in Las Vegas. Seine Begabung ist umso erstaunlicher, als er nicht nur blind, sondern auch schwer lernbehindert ist. Bis heute kann er sich nicht alleine die Schuhe binden, ein Dreijähriger ist ihm in vielem überlegen.

„Gebe ich gleich wieder ein Konzert, Adam“, sagt Paravicini. „Ich glaube, wir müssen jetzt gehen, De-rek“, antwortet Ockelford. Paravicini hakt sich bei einer Betreuerin ein. Gemeinsam gehen sie nach draußen in den Nieselregen. Paravicinis Oberkörper wippt im Takt der Schritte nach vorne. Mit seiner freien Hand schlägt er sich auf die Oberschenkel. Derek Paravicini ist 14 Wochen zu früh geboren. Seine Zwillingsschwester starb sofort. Er selbst wog nur 700 Gramm, ein Fünftel dessen, was Neugeborene durchschnittlich wiegen. Dreimal mussten ihn die Ärzte wieder beleben. Die Sauerstoffbehandlung, die ihm das Leben rettete, führte dazu, dass sich die Netzhaut löste, und schädigte sein Gehirn. In den ersten Monaten entwickelte Paravicini sich so langsam, dass seine Eltern zu ahnen begannen, dass ihr Kind geistig schwerbehindert war.

Paravicini stammt aus einer illustren britischen Familie. Sein Urgroßvater war der Schriftsteller William Somerset Maugham. Einer seiner Onkel ist Andrew Parker Bowles, dessen Ex-Frau Camilla den britischen britischen Kronprinzen Charles ehelichte.

Musikalisch war in der Familie niemand. Mit zwei Jahren schenkten ihm die Eltern ein Keyboard. Nach einer Weile fiel seiner Schwester auf, dass er Melodien aus dem Fernsehen und der Kirche sowie Kinderlieder nachspielte.

Heute lebt Paravicini in einem Blindenheim außerhalb von London, wo er rund um die Uhr betreut wird. Zur Zeit kommt noch der Staat für die Betreuung auf. Im vergangenen Jahr sprach ein Gericht seiner Familie die alleinige Vormundschaft für ihn zu. Seine Eltern hoffen, dass er mit seinen Auftritten einmal genug Geld verdienen wird, um in seine eigene Wohnung ziehen zu können und sich einen eigenen Betreuer zu leisten.

Heute soll Paravicini ein Konzert in seiner alten Schule geben. Rund 50 Kinder sind in die Turnhalle gekommen. Das Klavier steht auf Pappkartons. Paravicini setzt sich aufrecht auf einen schwarzen Hocker und beginnt zu spielen, was Ockelford ihm vorschlägt: George Botsfords „Black and White Rag“, Abbas „Money“, Hank Williams „Honkey Tonk Blues“.

„Spiel doch den Hummelflug, Derek“, sagt Ockelford. Das Stück ist ein Klassiker in seinem Programm, weil Paravicini damit seine Fingerfertigkeit vorführen kann. „Der Hummelflug! Von Rimski-Korsakow!“, ruft Paravicini und zieht die letzte Silbe wie ein Marktschreier in die Länge. Als er zu spielen beginnt, wippt sein Oberkörper wieder nach vorne. Manchmal dreht er den Kopf zur Seite, als würde er nach etwas schauen, das ihn ablenkt. Währenddessen huschen seine Finger über die Tasten. Obwohl das Stück für sein Tempo berühmt ist, schafft Paravicini es, an einigen Stellen zu improvisieren.

Nach dem Konzert hakt sich Ockelford bei ihm ein. „Zuerst bringe ich Derek auf den Lokus“, sagt er. Als die beiden zurückkehren, gehen sie in einen Raum mit zwei Klavieren und essen dort Sandwiches mit Garnelen. Paravicini greift die Schnitten mit beiden Händen. Ebenso verfährt er mit dem Wasserglas. Die Banane zum Nachtisch schält Ockelford für ihn.

Weltweit gibt es nur etwa 100 Menschen, die trotz einer geistigen Behinderung über ein außergewöhnliches Talent verfügen. Man nennt sie Inselbegabte oder Savants, was auf Französisch „Wissende“ heißt. Manche Savants lernen ganze Bibliotheken auswendig, andere lösen anspruchsvolle Rechenaufgaben im Kopf. Wieder andere zeichnen Stadtlandschaften nach einmaligem Sehen nach. Paravicini kann nicht nur tausende Lieder spielen, er verfügt auch über ein absolutes Gehör und erkennt mehr als zehn Töne gleichzeitig. Gestandene Musiker scheitern schon bei drei oder vier.

Niemand weiß genau, wie Paravicinis Begabung zu erklären ist. Viele Blinde verfügen über ein überdurchschnittliches Gehör, weil sie auf die Wahrnehmung von Tönen stärker angewiesen sind als Sehende. Möglicherweise könnte gerade Paravicinis Lernbehinderung sein Talent gefördert haben.

Musik ist für ihn der einfachste Weg, die Welt zu ordnen und mit Menschen in Verbindung zu treten. Sie hat ihm dabei geholfen, seine Persönlichkeit zu entfalten und Dinge zu entdecken, die ihm sonst verschlossen geblieben wären. „Derek hat durch die Musik viel über seine Gefühle gelernt“, sagt Ockelford. „Bei den meisten von uns ist es umgekehrt.“

Ein herkömmliches Interview ist mit Paravicini nicht möglich. Offene Fragen verwirren ihn. Bei geschlossenen neigt er dazu, sie zu bejahen und die Frage als Aussagesatz zu wiederholen – ein Phänomen, das man Echolalie nennt.

„Freust du dich, dass du deine alte Schule besuchst, Derek?“

– „Ich freue mich, dass ich meine alte Schule besuche, Serge!“

– „Was ist dein Lieblingslied?“

– „,Your song´ von Elton John.“

Eine schrullige, aber liebenswerte Antwort. Doch dann erklärt Ockelford, dass Paravicini die Frage nicht versteht: „Er sagt irgendeinen Titel, der ihm gerade einfällt. Derek liebt jede Art von Musik.“

Anfangs fiel es Paravicini nicht leicht, das Klavier mit anderen Musikern zu teilen. Wenn Ockelford die Tasten anschlug, schlug Paravicini nach seinen Händen, weil er das Instrument alleine spielen wollte. Mittlerweile hat er sich an andere Musiker gewöhnt. Unter anderem hat er mit dem britischen Pianisten Jools Holland im Duett gespielt und ist mit dem Emerald Ensemble aus Bristol auf Tour gegangen. Paravicini beherrscht das klassische Repertoire, sein Improvisationstalent kommt aber am besten im Jazz zum Ausdruck. Bei Konzerten spielt er vor allem Popsongs, die sich das Publikum wünscht. „Seine Konzerte funktionieren wie Zirkusnummern, sie fordern ihn nicht heraus“, sagt Matthew King, ein Londoner Komponist, der ihn am Nachmittag besucht. King will Paravicini ein Stück auf den Leib schreiben und, um sich inspirieren zu lassen, mit ihm improvisieren.

Zum Berufsmusiker reifen

Paravicini soll dissonante Tonleitern spielen und zwischen ihnen Übergänge finden. King spielt die erste Tonleiter an. Paravicini stimmt ein. Es dauert nur wenige Sekunden, bis Paravicini beginnt, Arpeggien einzuflechten. Mühelos leitet er von einer Tonleiter zur anderen über. King hat Mühe, ihm zu folgen. Nach ein paar Minuten wechselt Paravicini so abrupt die Tonart, dass er King damit überrumpelt. King bricht ab und sieht Ockelford ungläubig an. „1:0 für Derek“, sagt Ockelford.

Der Brite, der heute als Professor an einer Londoner Musikhochschule arbeitet, hat Paravicini zu dem Pianisten gemacht, der er heute ist. Mit viel Geduld hat er sich auf seine Eigenheiten eingelassen. Es gab Zeiten, da haben die beiden täglich miteinander geübt. Anfangs haute Paravicini mit so viel Gewalt auf die Tasten, dass sein Klavier dreimal repariert werden musste. Ockelford brachte ihm eine Technik bei, die nicht nur das Instrument schont, sondern es Paravicini auch ermöglichte, vor Zuhörern aufzutreten. Als Paravicini in die Pubertät kam, schien sich seine Karriere dem Ende zuzuneigen. Er spielte wirr, unkonzentriert und laut. Er hörte auf, den Kontakt mit dem Publikum zu suchen. Zuhause benahm er sich aggressiv und launisch, schmiss Tische um und zog seine geliebte Kinderfrau an den Haaren. Der fröhliche kleine Blondschopf hatte sich in ein pubertierendes Ekelpaket verwandelt.

Mittlerweile gibt Paravicini wieder Konzerte, teilweise auch vor Prominenten wie dem ehemaligen britischen Schatzkanzler Alistair Darling. Seine Eltern hoffen nach wie vor, dass er sich wie der amerikanische Savant Matt Savage entwickelt und zum Berufsmusiker reift. Aber es gibt Rezensenten, die Zweifel daran äußern, ob Paravicini das Zeug zu einer Profikarriere besitzt. Als er 2009 in London auftrat, verriss ein Kritiker der Londoner Times seine Interpretationen von George Gershwin, Johann Sebastian Bach und Astor Piazzolla. „In Wahrheit ist er als Konzertpianist erschreckend limitiert. Ich würde kein Eintrittsgeld bezahlen, um ihn zu hören“, schrieb der Rezensent.

Nach einer halben Stunde ist die Übung mit Matthew King vorbei. „Jetzt gehen wir wieder in die Turnhalle, Derek“, sagt Ockelford. „Jetzt gehen wir wieder in die Turnhalle, Adam“, echot Paravicini. Dann hakt er sich bei einer Studentin, die Ockelford begleitet, ein. Das Vertrauen, das er anderen Menschen entgegen bringt, ist entwaffnend. Säuglinge fangen im achten Monat an zu fremdeln, aber Paravicini hat diese Entwicklungsstufe nie durchlaufen. „Das macht seinen Charme aus, aber es macht ihn auch verletzbar“, sagt Ockelford.

Als Paravicini wieder in der Turnhalle vor dem Klavier sitzt, fragt Ockelford in die Runde, was Paravicini spielen soll. Ein Mädchen im Rollstuhl hebt die Hand und flüstert ihrer Betreuerin etwas ins Ohr. Sie wünscht sich „Over the Rainbow“ aus dem Musical „Der Zauberer von Oz“. Während Paravicini spielt, wippt sie vergnügt in ihrem Rollstuhl. Ein anderes Mädchen schlägt die Titelmelodie von „Doktor Schiwago“ vor. Danach spielt Paravicini wieder den „Hummelflug“, eines seiner Lieblingsstücke.

Am Ende des Konzerts steht er auf und wendet sich seinem Publikum zu. Früher hat er sich an dieser Stelle selbst applaudiert, aber Ockelford hat ihm beigebracht, dass sich dieses Verhalten nicht schickt. Paravicini fällt es sichtlich schwer, darauf zu verzichten. Er hört sich den Jubel der Kinder an und dreht seinen Kopf zu Seite. Dann legt er seine Hände ineinander, knetet sie und bringt seine Finger zum Knacken.

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