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Asperger-Syndrom Der Mann, der das Lächeln lernen musste

Peter Schmidt ist 45 Jahre alt, promovierter Geophysiker, verheiratet und beruflich erfolgreich. Seit vier Jahren weiß er, dass er Asperger-Autist ist. Die Diagnose war für ihn ein Schock - und eine Erleichterung.

27.10.2011 21:32
Jens Höhner
Oft allein fühlen sich Menschen mit Autismus. Foto: dapd

Es ist eine ungewöhnliche Liebesgeschichte. Peter und Martina Schmidt haben sich nämlich beim Zahnarzt kennengelernt. Aber das ist noch nicht das Ungewöhnliche. Er lag auf dem Behandlungsstuhl. Sie stand als Zahnarzthelferin daneben. Er lächelte sie an. „Ich bin noch nie so dämlich angegrinst worden“, wird sie später sagen. Trotzdem ist etwas passiert zwischen den beiden.

Erst viele Jahre später wird sie erfahren, warum er eigentlich gar nicht lächeln konnte. Dass er lange dafür trainieren musste, bis ihm diese seltsame Grimasse gelang. Und warum dieses dämliche Grinsen sie trotzdem so berührt hat.

Peter Schmidt kann Mimik nicht erkennen. Weder seine eigene noch die anderer Menschen. Er kann eigentlich auch keine Gefühle offenbaren oder anderen Menschen direkt in die Augen sehen. Er hat das Asperger-Syndrom, eine Form von Autismus.

Das alles macht ihm die Rolle als Liebhaber nicht eben leicht. Zusammen mit seiner Vermieterin hatte er damals lächeln geübt. Die Vermieterin fand, der junge Mann, der bei ihr wohnte, dürfe nicht immer nur alleine sein. Stundenlang hat er vor dem Spiegel gestanden und diese Grimasse gemacht, die er selbst nicht verstand.

Auch das In-die-Augen-Sehen hat Peter Schmidt übrigens bei der Vermieterin gelernt. Da benutzt er einen Trick, fixiert die Nasenwurzel seines Gegenübers, weil er die Augen wirklich nicht sehen will. Der andere denkt dann, es bestehe Augenkontakt. „Da gucke ich hin“, sagt Schmidt und greift dem Besucher lachend an die Nase. Auch das musste er lange üben, weil Autisten den Körperkontakt mit anderen Menschen gewöhnlich vermeiden.

Das sind so ein paar Gründe, warum es recht ungewöhnlich ist, dass Peter Schmidt und seine Frau Martina jetzt schon seit achtzehn Jahren verheiratet sind, zwei Kinder haben und so wirken, als seien sie glücklich miteinander.

Peter Schmidt, 45 Jahre alt, steht im Garten der Braunschweiger „Lebenshilfe“. Ruhig ist es hier unter den großen Bäumen. Nur Peter Schmidt ist nicht ruhig, sein ganzer Körper scheint unter Spannung zu stehen. Er wippt mit seinem Oberkörper hin und her.

Die Fahrt hierher nach Braunschweig ist für Schmidt eine Reise in die Vergangenheit. Bei der „Lebenshilfe“ hat ein Therapeut die Diagnose gestellt. „Zur Sicherheit habe ich in Köln und Frankfurt weitere Diagnosen eingeholt“, sagt er. „Sie haben alles bestätigt.“

Erst vier Jahre ist das her. Bis zu diesem Zeitpunkt dachten alle, er sei einfach nur ein bisschen seltsam. Männer, die nicht lächeln können und Probleme haben, ihre Gefühle zu zeigen, gibt es schließlich eine ganze Menge. Dann war plötzlich klar, dass er krank ist. „Das war ein Schock“, sagt er.

An diesem Tag in Braunschweig hält Schmidt einen Vortrag über das „Phänomen Autismus“, wie er es nennt, und das Leben mit dem Asperger-Syndrom. Er kann das gut, Vorträge halten. Besser jedenfalls als lächeln. Schmidt gilt als hochintelligent, er hat einen Doktortitel und arbeitet in der IT-Abteilung eines Pharmakonzerns. Im Gegensatz zu vielen anderen Asperger-Autisten begreift Schmidt seine Situation, kann sie reflektieren, darüber sprechen, Vorträge halten, so wie heute im Haus der „Lebenshilfe“.

Die Stuhlreihen in dem weißgestrichenen Seminarsaal sind bis auf den letzten Platz besetzt. Peter Schmidt ist zusammen mit seiner Frau Martina gekommen. Sie halten die Vorträge immer zusammen. Abwechselnd sprechen sie, immer wieder fassen sie sich an den Händen dabei. Gegenseitig geben sie sich ein Zeichen für den Einsatz. Sie haben so eine Art Geheimsprache entwickelt. Wenn Peter Schmidt zum Beispiel „Mau“, sagt, dann greift seine Frau Martina sofort nach seiner Hand, ein kurzer Druck, Beruhigung.

„Wir versichern uns immer wieder, dass der andere da ist“, sagt Martina Schmidt. Die Zuhörer lauschen aufmerksam. Manchmal lachen sie auch, wenn das Ehepaar ohne Scheu aus seinem Alltag erzählt. Vieles wirkt eben komisch. Schon ein Mohnbrötchen kann ein Erdbeben auslösen. „Ich hatte ihm das falsche Brötchen auf den Teller gelegt“, erinnert sich Martina Schmidt an einen turbulenten Morgen. „Das Brötchen, das ich bereits gegessen hatte, war schöner geformt. Wie ein kleiner Berg.“ Peter Schmidt war außer sich damals, konnte sich kaum mehr beruhigen. Denn Landschaften, vor allem Berge, sind ihm wichtig. Auch die Berge im Brötchen.

Sein Leben begreift Peter Schmidt als Reise, als eine Fahrt auf einer endlosen Straße. Sie führt ihn durch die unterschiedlichsten Gegenden und an die verschiedensten Orte. Dass ihn eine Abzweigung an einem Ort mit dem Namen „Ehe“ und eine weitere an den Ort namens „Familie“ leiten würde, erstaunt die Wissenschaftler noch heute. Peter Schmidt hält dem aber gern seinen Leitspruch entgegen: „Wer neue Wege gehen will, muss ohne Wegweiser auskommen.“ Den wirft er prompt mit dem Projektor an die Wand. Und erneut ist die Anspannung wieder in seinem Körper.
Denn jener Satz stammt aus dem Beginn der ungemütlichen Schulzeit, als sich der Junge endgültig den Zwängen des Lebens beugen musste. Dabei hat Peter Schmidt doch im Alter von vier Jahren beschlossen, dass er nicht von dieser Welt ist. Da gibt er sich den Namen „Tomai“, gründet den Staat „Geolucia“ und erklärt die Unabhängigkeit – ein typisches Merkmal von Autismus, das die Forschung „Wrong Planet Syndrom“ nennt.

Allein die Tante lässt den Schüler stets gewähren, Grenzen gibt es bei ihr keine. „Ich durfte spielen, was ich wollte – und wie ich wollte“, sagt Schmidt. In seinem Heimatort in Niedersachsen ist er der „kleine Professor“, der jeden Planeten kennt und alles weiß über den Sternenhimmel, der Kakteen liebt, am Bahnübergang Züge beobachtet und Autos zählt. Stets führt er Listen darüber, die Kennzeichen trägt er in Tabellen ein. Er ist ein liebenswerter Sonderling, nicht mal die Eltern schöpfen Verdacht. „Es hieß zu der Zeit immer, dass Autisten nicht sprechen und sich abschotten“, sagt er. Dass er etwas wunderlich und gern allein ist, begründen die Eltern damit, dass der Sohn mit Morbus Hirschsprung, einem fehlentwickelten Dickdarm, zur Welt gekommen ist und die ersten fünf Monate nach der Geburt im Krankenhaus verbringen musste.

Der Schule kann er aber nicht aus dem Wege gehen, Peter Schmidt muss die schützende Fantasiewelt verlassen. Ein Schulbus bringt ihn täglich in die Wirklichkeit, in der er sich nicht nur unterordnen muss, sondern sich auch mit Gleichaltrigen auseinanderzusetzen hat. Trotz aller Schwierigkeiten schafft Peter Schmidt die Schule mühelos, macht das Abitur, studiert in Clausthal und promoviert in Kiel. Er, der Sonderling. „Ich habe allen gezeigt, dass ich doch was draufhabe.“

Erst die Diagnose im Erwachsenenalter zeigt ihm, dass nicht die anderen seltsam sind, sondern dass er es ist. Dass er tatsächlich in einer Art Parallelwelt lebt. Mit einem Schlag ist ihm klar, warum mancher Traum einfach nicht in Erfüllung gehen konnte. „Ich wollte in der Wissenschaft arbeiten, tolle Dinge erforschen“, beschreibt der Geophysiker seine Zeit nach dem Studium an der Kieler Christian-Albrechts-Universität. Aber das bleibt ihm verwehrt. Denn sobald es um Zwischenmenschliches geht, um Kommunikation und Führungsqualitäten, trifft der junge Peter Schmidt auf unüberwindbare Hürden. „Als dann die Diagnose kam, war das eine große Erleichterung und niederschmetternd zugleich“, sagt er. „Plötzlich bekam ich alle Antworten auf alle Fragen.“

Schmidt wechselt in die Wirtschaft, aber auch da stößt er immer wieder an Grenzen, bei Beförderungen etwa wird er übergangen. „Dabei hatte ich unbewusst eine Autisten-freundliche Umgebung eingefordert und längst meinen Arbeitsplatz entsprechend gestaltet“, weiß er heute. Vier Tage in der Woche arbeitet er in Frankfurt am Main, den fünften verbringt er zu Hause im heimischen Büro.
Ausgerechnet ein Fernsehkrimi bringt ihn auf die richtige Spur. Er sieht diesen Film und begreift. In dem Film geht es um einen Jungen, der ihm nur allzu vertraut vorkommt. Die Menschen im Film finden ihn seltsam. Zuschauer Schmidt aber ist auf seiner Seite, erkennt sich selbst. Schmidt, der fiktive Unterhaltung ansonsten als „zu unlogisch“ ablehnt, beginnt zu recherchieren und stößt auf das Asperger-Syndrom. „Da waren die Symptome aufgelistet und ich stellte fest: Ich habe nicht einige Symptome davon, ich habe alle.“

Als er das sagt, wirkt er aufgewühlt. Er wippt und flattert mit dem Oberkörper. „Früher war er noch viel, viel unruhiger, wenn er davon erzählt hat“, sagt Martina Schmidt.

Die Frage, wie Autismus eigentlich entsteht, ist nach wie vor ungeklärt. Möglich erscheint, dass eine unglückliche Kombination von Genen die Basis für eine Erscheinung wie Autismus bildet.

Ein Vergleich europäischer Studien legt nahe, dass von 100 Menschen einer Autist ist. Im Gegensatz zum „Frühkindlichen Autismus“, der sich schon im Säuglingsalter deutlich bemerkbar macht, kann das Asperger-Syndrom erst wesentlich später mit Sicherheit diagnostiziert werden. Die Asperger-Diagnose ist überdies schwer zu treffen. So können bei Kindern etwa ADHS und bei Erwachsenen Depressionen die Asperger-Symptome überlagern und den Diagnose-Prozess erschweren. Asperger-Autisten entwickeln Strategien, mit denen sie den Alltag meistern. Daher ist die Zahl der Menschen, die noch nicht als Asperger-Autisten diagnostiziert wurden, kaum einzuschätzen.

Peter Schmidt liebt Straßen. Ein altes Foto zeigt den Jungen auf der Terrasse seiner Eltern, die ein Spaghetti-Labyrinth scheinbar unendlicher Wege aus Kreide ziert, in dem sich ein paar Spielzeugautos verlieren. Sitzt er heute in einem Flugzeug, so kann Schmidt auch aus der Luft präzise bestimmen, welche Straßen die Maschine überquert. Schließlich sammelt er Straßenerlebnisse: Die Panamericana zum Beispiel hat Schmidt von Alaska bis Feuerland befahren, die Ruta Quarenta zwischen dem Torres-del-Paine-Nationalpark in Chile und dem argentinischen Perito-Moreno-Gletscher. Und als die Familie zuletzt Urlaub gemacht hat, ging es in die Türkei – mit dem Auto, versteht sich, und nicht etwa mit dem Flugzeug. Für Peter Schmidt ist der Weg das Ziel, könnte man sagen.

„Für die Familie ist das ungeheuer praktisch“, findet Martina Schmidt. „Die ganze Ferienplanung überlasse ich immer meinem Mann. Da kann nichts schiefgehen. Meine Sache ist dagegen der Alltag, in dem alles einen festen Platz haben muss.“ Dass ihr Mann auch schon mal um der Straßen Willen kuriose Umwege fährt, ist für sie normal und einer der vielen Kompromisse, die für das Familienleben unverzichtbar sind.

Das Abenteuer „Zweisamkeit“ ging Peter Schmidt systematisch an. Nachdem seine Vermieterin und Flirthelferin ihm die Telefonnummer der jungen Zahnarzthelferin besorgt hatte. Schmidt hatte damals eine „Checkliste Ehefrau“ erstellt, die ihm bei der Suche helfen sollte. Selbst Tropentauglichkeit und Flugangst waren Prüfkriterien. Und als Martina ihn fragt, wie groß denn seine Liebe sei, kommt die Antwort wie aus der Pistole geschossen: „Zwölf von 15 Punkten.“ Diese Quote hat bis dahin keine andere Frau erzielt.

Bei den Vorträgen zückt Martina Schmidt oft das Tagebuch von damals. Darin hat Peter Schmidt ein Kurvendiagramm gezeichnet, das Liebe in Werte fassen und die Stufen einer Beziehung darstellen soll. „Die Doktorarbeit in der Geophysik floss mir mit Leichtigkeit aus den Fingern, die eigentliche Herausforderung in der Zeit aber war die Partnerschaft mit einer Frau“, blickt Schmidt zurück. Zuvor hatte er entschieden, dass er nicht schwul ist. „Ich wollte ja auch Kinder.“

Heute ist Peter Schmidt auch Vater. „Meine Kinder haben alle möglichen Freiheiten, sie dürfen weit mehr als ihre Altersgenossen und brauchen keine Strafen wie Taschengeldentzug oder Stubenarrest zu fürchten“, sagt er. „Sie können sozusagen machen, was sie wollen, solange sie dabei meine Grenzen nicht verletzen.“ Musik zum Beispiel darf im Hause Schmidt selten laut sein – ein Autist liebt die Ruhe, Lärm ist eine Qual. Das weiß Peter Schmidt aus der Schulzeit, als er sich das Recht erkämpfte, die Pausen in der Bücherei verbringen zu dürfen und nicht mit den anderen Kindern auf dem Hof spielen zu müssen. Die Beziehung zu Sohn und Tochter bezeichnet Schmidt als freundlich, aber distanziert. „Weil ich mich eben nicht auf die übliche Weise in sie hineinversetzen kann, Probleme emotionaler Art lösen sie mit meiner Frau.“

Sie, die Übersetzerin, kenne seine Weise zu kommunizieren. „Damit hilft sie, soziale Situationen zu bewerten, die ich nicht erkennen kann, weil ich keine Antennen dafür habe, was Sprache außer dem Wort noch alles an Botschaften transportiert“, ergänzt Peter Schmidt. „Außerdem kennt sie die Wirkung autistischer Verhaltensweisen auf Außenstehende.“
Nach einem Vortrag ist er stets dicht umringt, Fragen haben die Zuhörer viele. Schmidt beantwortet sie mit der ihm eigenen Ruhe und Ausführlichkeit. Sein Körper verrät jedoch, wie sehr er dabei unter Spannung steht und dass er erneut gegen sich selbst ankämpfen muss. Auch in solchen Situation ist seine Frau selten fern, erneut fällt das „Mau“-Signal, erneut hilft ein beruhigendes Halten der Hand. Ob Martina Schmidt eine Beschützerin ist? Peter Schmidts Antwort ist entschieden: „Nein. Der Beschützer der Familie, das bin ich.“

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