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Armin Maiwald im Interview "Das tut fast weh"

Zum 40-jährigen Jubiläum der Sesamstraße rechnet Armin Maiwald, Vater der "Sendung mit der Maus", mit den Öffentlich-Rechtlichen ab. Ein Gespräch über den Bildungsauftrag und Konsumterror.

09.11.2009 14:11
Die deutschen Sesamstraßenbewohner Krümelmonster, Finchen, Buh, Ernie, Bert, Feli Felu und (oben von links) Tiffy, Grobi Samson, Elma, Rumpel und Gustav. Foto: NDR/Sesame Workshop

Herr Maiwald, Ernie, Bert und Ihre Maus standen am Anfang einer fatalen Entwicklung.

Wie meinen Sie das denn?

Mit der "Sesamstraße" und der "Sendung mit der Maus" begann vor 40 Jahren das Kinderfernsehen. Heute sitzen die Elf- bis 13-Jährigen im Schnitt täglich 100 Minuten vor dem Fernseher. Ist das gut?

Natürlich nicht. Es stimmt, dass es damals Kritik gehagelt hat, als wir angefangen haben, Fernsehen für Kinder zu machen. Wie konnten wir nur! Alle, die uns heute loben - die Lehrer, die Pädagogen, die Kindergärtner -, die hätten uns damals am liebsten auf den Mond geschossen. Heute ist die Entwicklung aber eine andere. Das Problem ist nicht das Kinderfernsehen, es nützt ja nichts, die Kinder von etwas fernzuhalten, das die Erwachsenen die ganze Zeit tun. Das Problem ist die Qualität des Kinderfernsehens. Wenn sie sich auf solche Läden wie RTL2 einlassen, wo ein Schundprogramm läuft, dann können Samson und die Maus nichts dafür. Unsere Sendungen sind ein Angebot, zu dem wir niemanden zwingen können.

Auch Ihre Sendergemeinschaft ARD zieht sich immer mehr aus dem Kinderprogramm zurück und überlässt diesen Läden, wie Sie sagen, das Feld.

Ich halte das für eine schlechte Entwicklung. Vor Jahren noch gab es etwa im WDR eine lange Strecke für Kinderprogramm, die ist weg, alles abgebaut zugunsten von irgendwelchen Talkshows oder sonstigem Kram. Seit 20 Jahren herrschen nur noch Quotendruck und Kommerz.

Sie klingen wütend.

Das macht es mich ja auch. Die beste Zeit für Kinderfernsehen ist der frühe Abend, wenn die Kinder mit den Hausaufgaben fertig sind und vom Spielen kommen. Aber den frühen Abend will das Werbefernsehen, und da wird natürlich auf die Kunden geschaut und nicht auf die Kinder.

Und die Programmchefs von ARD und ZDF reden nach wie vor gerne von Qualität und Bildungsauftrag.

Nur erfüllen sie den nicht mehr in dem Maße, wie sie das früher einmal getan haben. Die haben als Alibi vor etwas mehr als zehn Jahren den Kinderkanal ins Leben gerufen. Dahin wurden die ganzen Kindersendungen verdrängt. Aber das Programm dort überzeugt mich nicht.

Warum nicht? Im Kinderkanal läuft abends kurz vor 19 Uhr das Sandmännchen, danach kommt der kleine Nils Holgersson. Das ist doch nicht schlecht.

Das ist gutes Kinderprogramm, ja. Aber das war es dann auch schon. Ansonsten ist beim Kinderkanal alles nur schrill und schreiend bunt, das nähert sich immer mehr dem Privatfernsehen an. Der Kinderkanal wird zwar gespeist von ARD und ZDF, aber da wurden kaum eigene Formate entwickelt.

"Bernd, das Brot" ist eine Kika-Produktion und wurde ebenso mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet wie Sie.

"Bernd, das Brot" fand ich zumindest in der Anfangszeit auch richtig gut. Aber wenn man sich das gesamte Kika-Programm anschaut, dann laufen da Spielshows und Serien mit einer beständigen aufgesetzten Dauerfröhlichkeit in einer Lautstärke und einer Sprach-Frequenz, die fast schon wehtun. Natürlich finden Kinder Spaß und Gags und Tricks ganz lustig, natürlich verlangen Kinder nach Unterhaltung im Fernsehen. Aber zwischendurch wollen die auch mal was Ernstes, was zum Denken anregt. Da stimmt einfach die Mischung nicht.

Angenommen, Sie wären Programmdirektor, ...

... dann dürfte ich das alles gar nicht sagen. Aber wenn ich es wäre, würde ich die Werbung komplett rausschmeißen aus dem Öffentlich-Rechtlichen. Und nachmittags, wenn die Kinder Zeit haben, so zwischen 17 und 19 Uhr, liefe gutes Kinderfernsehen.

Was ist denn gutes Kinderfernsehen?

Es muss die Kinder ernst nehmen, sie mit ihren Themen beliefern, das können Geschichten sein, kleine, gute, große, lange, dicke, dünne Geschichten, vor allem gut gemachte Geschichten, die mit dem Alltag der Kinder zu tun haben. Und es muss informieren, es muss die Kinder neugierig machen und dazu anregen, hinauszugehen und sich die Welt genauer anzuschauen.

Was hat sich verändert im Kinderfernsehen, seit vor 40 Jahren "Sesamstraße" und bald darauf die "Sendung mit der Maus" gestartet sind?

Wir haben damals mit den Sachgeschichten, also den kleinen Einspielfilmen, die es schon vor der Maus gab, ja nicht nur Dinge erklärt, sondern auch Probleme thematisiert. Wir haben später zum Beispiel einmal eine Sondersendung zu Tschernobyl gemacht, die "Atom-Maus". Inzwischen findet Kinderfernsehen ja überwiegend im Privatfernsehen statt, und da geht es fast nur noch darum, den Kindern etwas zu verkaufen, also sie dazu zu verleiten, von ihren Eltern gewisse Dinge zu verlangen. Da laufen Formate, für die zunächst eine Merchandising-Strategie entworfen wurde und dann erst die Sendung. Das ist der zentrale Punkt. Mit kindgerechter Problematisierung von gesellschaftlichen Entwicklungen hat das überhaupt nichts mehr zu tun. Da geht es nur um Kommerz.

In der "Sesamstraße" hat man die Kinder noch zur Kommerz-Kritik erziehen wollen mit Figuren wie Schlemihl, der die bunte Warenwelt unter seinem Mantel feilbot.

Ja, natürlich. "Hey du!" - "Wer, ich? "- "Genaaau!" Das war das echte Leben, aber in einer Weise dargestellt, dass Kinder damit umgehen können.

Auf der anderen Seite gibt es für Kinder inzwischen sehr viel Heile-Welt-Fernsehen. Wie erklären Sie sich diesen Trend?

Das ist auch eine gesellschaftliche Entwicklung, die möglicherweise damit zusammenhängt, dass Eltern heute oft älter sind, als sie es früher waren. Die wollen ihre Kinder stärker behüten und lassen sie dann nur Programme sehen, in denen alles gut ist. Das ist natürlich Unsinn. Kinder leben in dieser Welt und haben ein Recht darauf, sie auch zu verstehen.

Sie sagten eben, gutes Kinderfernsehen rege an, hinauszugehen und die Welt zu entdecken. Das heißt umgekehrt: Gutes Kinderfernsehen macht sich selbst seine Zielgruppe abspenstig.

So kann man das sehen, wobei aber das eine ja das andere nicht ausschließt.

Aber gutes Kinderprogramm hat seinen Preis, oder?

Ein ordentlicher Etat ist wichtig. Der WDR hat früher große Spielfilme gemacht, zum Beispiel "Luzie, der Schrecken der Straße" oder "Pan Tau". Wir hatten damals Serien wie "Der Spatz vom Wallrafplatz" oder "Schlager für Schlappohren mit dem mutigen Hasen Cäsar" oder dokumentarische Serien wie "Kein Tag wie jeder andere", wo wir Kinder beim ersten Fallschirmabsprung oder bei ihrer ersten Bergtour mit Biwak begleitet haben. Ich könnte das ewig so fortführen: "Kinder aus der Kiste", "Geschichten von der Ruhr", "Spaß am Dienstag", wir machten eine Kinderbuchsendung wie "Lemmi und die Schmöker". Und es wurden laufend neue Formate entwickelt. Aber diese Zeiten sind lange vorbei. Heute werden Millionen für Sportrechte rausgeballert, aber im Kinderprogramm muss gespart werden. So kann es kein gutes Kinderfernsehen geben.

Wegen des Werbeverbots in Kinderprogrammen müssten Kindersendungen im Vorabendprogramm ausschließlich über Gebühren finanziert werden. Wenn die steigen, ärgern sich die Zuschauer noch mehr als ohnehin. Liegt der Fehler also im System?

Es ist sicher kein Fehler, im Kinderfernsehen keine Werbung haben zu sollen. Aber es ist tatsächlich so, dass die kommerziellen Interessen des Werbefernsehens den normalen Programminteressen entgegenstehen. RTL hat vor Jahren mal versucht, ein Programm für Kinder zu machen mit dem "Li-La-Launebär", das war auch gar nicht schlecht gemacht. Aber das haben die nach kurzer Zeit wieder eingestellt, weil dafür keine Werbeeinnahmen da waren. Da kann man sehen, wonach geguckt wird: nach dem Verdienst. Für die Privaten ist das ja auch lebenswichtig. Aber doch nicht für einen öffentlich-rechtlichen Sender.

Reden wir gerade über einen weiteren Aspekt der allgemeinen Bildungsmisere?

Man muss grundsätzlich feststellen, dass Deutschland kein sehr kinderfreundliches Land ist. Die Realität steht in krassem Gegensatz zu den Sonntagsreden, in denen es immer heißt: Die Kinder sind unsere Zukunft. Aber wenn es ans Eingemachte geht, wenn ein Spielplatz in Stand gehalten werden soll, dann ist kein Geld da. Sie nennen das Bildungsmisere, das ist richtig, aber es ist in vielen Bereichen so. Und es lässt sich eins zu eins aufs Fernsehen übertragen.

Herr Maiwald, zeichnet ein gutes Kinderprogramm aus, dass es - wie die "Sesamstraße" oder die "Sendung mit der Maus" - auch gerne von Erwachsenen gesehen wird?

Wir haben uns immer auf die Fahnen geschrieben, dass unser Programm für die Kinder interessant und für die Erwachsenen nicht langweilig sein soll. Gerade bei uns gibt es ja viele Erwachsene, die sich diese Fragen, die bei uns behandelt werden, gar nicht mehr zu stellen getrauen. Die schieben dann die Kinder vor und freuen sich, wenn sie endlich erfahren, wie die Streifen in die Zahnpasta kommen. Im Idealfall sitzen also alle gemeinsam davor und schauen zu.

Sollten Eltern generell mitschauen, wenn die Kinder vor dem Fernseher sitzen?

Auf jeden Fall. Wenn Kinder fernsehen, dann haben sie Fragen, die sie den Eltern stellen. Je größer die Kongruenz der Erfahrungen von Eltern und Kindern sind, desto mehr ist die Basis dafür da, Fragen zu stellen und Antworten zu geben. Man darf das Fernsehen nicht als elektronische Großmutter missbrauchen und die Kinder einfach davor absetzen. Natürlich sind Kinder manchmal anstrengend und nervig. Aber so ist das Leben. Man kann sie deswegen ja nicht einfach vor die Glotze abschieben.

Eine alleinerziehende Mutter, die sich morgens selbst zurechtmachen und Frühstück und Pausenbrote zubereiten muss, ist vielleicht ganz froh, wenn sie ihre Kinder mal für 20 Minuten vor den Fernseher setzen kann.

Das stimmt. Die Familienverhältnisse haben sich völlig verändert, nicht nur was Patchwork-Familien angeht und dergleichen. Kinder sind auch viel mehr alleine zu Hause heute. Aber gerade dann muss es klare Regeln geben, wann ferngesehen wird und was gesehen wird. Morgens schon vor der Glotze zu sitzen, das gäbe es bei mir nicht.

Dann würden Ihre Kinder die "Sesamstraße" gar nicht kennen lernen. Die läuft inzwischen morgens im "Preschool-Program", wie Fernsehmacher das nennen, also vor der Schule.

Irgendwer hat sich das ausgedacht, dass Kinder ganz früh fernsehen sollten. Das ist eine Mär, die da umgeht, und ich habe keine Ahnung, auf welchen Erkenntnissen das beruhen soll.

Beim NDR heißt es, die Quote sei richtig gut.

Das mag sein. Aber gerade wenn die Öffentlich-Rechtlichen ihren Bildungsauftrag ernst nehmen würden, dann verführten sie nicht dazu, morgens zu schauen. Das kann doch nicht vernünftig sein! Also meine Kinder haben früher nicht vor der Schule geschaut und dürften es auch heute nicht tun.

Jetzt könnte man sagen: Zum Glück gibt es die "Sesamstraße" auch im Internet.

Und wenn das so weitergeht, fürchte ich, dass das Fernsehen die Kinder völlig verlieren wird an das Internet. Den Trend gibt es ja längst und das Fernsehen hat dem bislang wenig entgegenzusetzen.

Das Fernsehen verspielt seine Zukunft?

Ja, die Öffentlich-Rechtlichen sind bescheuert. Wenn sie die Kinder so schlecht bedienen, dann müssen sie sich nicht wundern, wenn sie sie später als Erwachsene verlieren. Wenn sie heute Erwachsene fragen, dann erinnern sich alle an "Augsburger Puppenkiste" oder "Robbi, Tobbi und das Fliewatüüt" oder "Pan Tau" - das geht quer durch die Generationen. Das sind Kindheitserinnerungen an Dinge, die in der ARD zu Hause waren. Die Menschen sind damit aufgewachsen. Aber irgendwann wird das anders sein, weil es dann diese gemeinsamen Erinnerungen nicht mehr gibt.

Mal angenommen, die "Sendung mit der Maus" gäbe es nicht schon seit 40 Jahren, sondern sie wäre Ihnen gestern Abend eingefallen. Bekämen Sie für dieses Programm einen Sendeplatz?

Mit Sicherheit nicht. Wir mussten ja schon lange kämpfen für diesen Sendeplatz am Sonntagmittag in der ARD. Wir hatten anfangs auch wenig Zuschauer, aber wir hatten Zeit. Unter den heutigen Voraussetzungen würde die Maus das erste halbe Jahr nicht überleben. Keine Chance.

Interview: Felix Helbig

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