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Arid U. Der Rätselhafte

Wer ist Arid U., der islamistische Attentäter, der am Frankfurter Flughafen mehrere US-Soldaten tötete? Menschen, die ihn kennen, erzählen.

09.03.2011 17:59
Mark Obert
Arid U. ( Bild aus Facebook) tötete am 2. März auf dem Frankfurter Flughafen zwei US-Soldaten. Foto: privat

Arid U. war auf einem guten Weg gewesen. Zuverlässig war er, zielbewusst, seinen Realschulabschluss an der Eduard-Spranger-Schule in Frankfurt machte er mit einem Notendurchschnitt von 2,0; anschließend ging er aufs Gymnasium, Friedrich-Dessauer in Frankfurt-Höchst, wenige Bushaltestellten von seinem Wohnort im Stadtteil Sossenheim entfernt. Abitur wollte er machen, unbedingt, das betonte er immer wieder vor Lehrern, vor Mitschülern. Er betonte das selbst noch vor einem Jahr, als sich in ihm endgültig etwas gesträubt haben musste gegen ein Leben in geordneten Bahnen, ein Leben, wie er es führte.

Arid U., Kosovo-Albaner, geboren am 8. Februar 1990 in Mitrovica, einer Stadt im Kosovo, seit 1991 mit seiner Familie in Frankfurt, hat am Mittwoch vergangener Woche am Frankfurter Flughafen zwei US-Soldaten getötet, zwei weitere schwer verletzt. Nach offiziellem Ermittlungsstand der Generalbundesanwaltschaft ist Arid U. ein Einzeltäter, ein Islamist, auch oder vor allem fanatisiert durch einschlägige Seiten im Internet. Wann diese Radikalisierung, wie Verfassungsschützer sagen, ihren Anfang nahm, ob vor wenigen Wochen, ob vor einem Jahr, ist bislang nicht bekannt. Arid U. gibt Rätsel auf.

„Wir können es nicht fassen“, sagt sein Vater am Telefon. Es ist ein kurzes Gespräch, keine Minute dauert es. „Ich kann nicht reden. Es ist zu schmerzhaft. Es gibt keine Erklärung.“

Anfang 2009. Arid steht kurz vor seinem 19. Geburtstag. Er ist ein durchschnittlicher Gymnasiast, ein unauffälliger, keiner, um den man sich Sorgen machen muss. Er ist schüchtern, redet nicht gerne über sich, aber er ist auch nicht der Außenseiter, der Eigenbrötler, als der er in den Tagen nach seiner Tat in Zeitungen und TV-Sendungen beschrieben worden ist. Man habe sich mit ihm über alles ganz normal unterhalten können, sagen Mitschüler von damals.

Es gibt viele Themen, die Arid interessieren: Politik, Geschichte, Wirtschaft, Naturwissenschaften. Einem Lehrer erzählt er, dass er später mal irgendwas mit Chemie machen will. Er fragt den Lehrer, ob der ihm irgendwann mal bei einer Bewerbung helfen würde. Zu Sanofi-Aventis will er, dem Pharma-Riesen gleich vor der Haustür, der unter dem Namen Hoechst ein Jahrhundert lang die Sozialgeschichte des Stadtteils geprägt hat und von der nahen Autobahn betrachtet bis heute das Stadtbild beherrscht.

Arid U. wird diese Bewerbung nie schreiben. Das zweite Halbjahr der Jahrgangsstufe 12 hat begonnen, Qualifikationsphase nennt man das, das Abitur naht. Arid kommt immer seltener zum Unterricht, anfangs fehlt er stundenweise, bald mehrere Tage nacheinander. Seine Tutoren reden mit ihm, die Betreuungslehrerin, irgendwann schaltet sich auch die Direktorin ein. Sie reden ihm ins Gewissen, sich nicht so kurz vorm Ziel die Zukunft zu verbauen. Noch zeigt er sich Argumenten zugänglich. Er willigt ein, die Jahrgangsstufe 12 zu wiederholen.

Im Herbst 2009 scheint er sich wieder gefangen zu haben, die Noten sind gut bis befriedigend, doch kaum beginnt das zweite Halbjahr, kommen auch die Probleme wieder. Anfang 2010. Wieder erscheint Arid nicht zum Unterricht, wieder sprechen die Lehrer mit ihm, wieder kümmert sich die Direktorin.

– Warum er ständig fehlt?

Er schweigt.

– Was er denn macht, wenn er nicht in die Schule kommt?

Er schweigt.

– Ob ihn etwas bedrück?

Er schweigt.

– Ob er nicht wenigstens sein Fachabitur machen will?

Er schweigt.

– Warum?

Er schweigt.

Es ist Frühjahr 2010, als sich Arid U., mittlerweile 20, entschließt, einen anderen Weg einzuschlagen. Nur noch einmal kehrt er ans Gymnasium zurück, am 17. Juni des vergangenen Jahres. Bei sich hat er die Formulare für seinen offiziellen Schulaustritt, akkurat abgeheftet, unterschrieben von ihm und seinem Vater, obwohl es dessen Unterschrift gar nicht gebraucht hätte.

Claudia Hemmling, 55, ist seit acht Jahren am Friedrich-Dessauer-Gymnasium, seit zwei Jahren ist sie Direktorin. In den vergangenen Tagen hat sie noch einmal die Akte U. studiert, hat sich erinnert an die Gespräche mit dem jungen Mann, daran, wie er vor ihr saß. Er war ernsthafter als andere, grüblerischer, vielleicht sogar schon mit einem Hang zur Schwermut. „Es gibt immer mehr junge Menschen mit psychischen Problemen“, sagt sie. Arid U. war nicht mehr zu erreichen am Ende; er war nicht aggressiv, nicht mal trotzig; fast apathisch war er, aber immer noch so freundlich, wie man es von ihm gewohnt war.

Man kann ja sagen, sagt Claudia Hemmling, dass Arid U. früher auf einem außergewöhnlich guten Weg gewesen war, auf einem beispielhaften sogar. Seht her, auch einer wie er kann es schaffen. 800 Schüler und Schülerinnen besuchen ihr Gymnasium. Die allermeisten stammen aus der Höchster Mittelschicht, einige kommen aus dem nahen Vordertaunus, aus Städten wie Kronberg und Königstein, wo die Wohlhabenden prächtige Häuser besitzen. Aus dem Viertel, in dem Arid U. fast sein ganzes Leben lang wohnt, schaffen es nur die wenigsten aufs Gymnasium.

Sossenheim ist ein Stadtteil, der das soziale Gefälle einer Großstadt auf kleinstem Raum repräsentiert. Umgeben von Reihenhaussiedlungen und dörflich anmutenden Straßen mit alten Einfamilienhäusern, unweit von Schrebergärten und direkt neben den Fußballplätzen des Sportvereins ragt grauer Waschbeton empor. Das Viertel gilt als mittelschwerer Brennpunkt, viele Arbeitslose, viele Schulabbrecher, keine Ideen, keine Perspektiven, in Vierteln wie diesem genießen strebsame Jugendliche bei Gleichaltrigen nur geringes Ansehen.

In einem der Mietshochhäuser wächst Arid U. auf. Eigentumswohnung, 1. Stock, drei Zimmer, Küche, Bad. Arid teilt sich ein Z immer mit seinen drei Brüdern. Die Familie lebt bescheiden. Der Vater habe viel gearbeitet, leide aber zunehmend unter gesundheitlichen Problemen, sagt einer, der in der Nachbarschaft wohnt und von sich behauptet, die Familie U. ganz gut zu kennen. „Anständige Leute sind das“, sagt er, „der Arid war eine Art Hoffnungsträger für die.“ Anders sei er gewesen, irgendwie klüger, einer, der mitlacht, aber selbst keine Sprüche reißt, keiner also, der mit den üblichen Cliquen auf der Straße rumhing. Freunde? „Nichts Großartiges.“ Freundin? „Glaube ich nicht.“

Ob das der Wahrheit entspricht? Es ist viel gesagt und geschrieben worden über Arid U. und seine Familie. Dass sie religiös sind, aber nicht extrem. Dass der große Bruder mit einer Jüdin liiert ist. Dass der Vater im Kosovo Imam war, die Mutter kein Kopftuch trägt, und der Onkel eine Dachdeckerei im südhessischen Lorsch hat.

Am vergangenen Sonntag war der Onkel vor dem Eingang zum Wohnhaus in Sossenheim von einem Kamerateam von Spiegel TV abgepasst worden. Überrumpelt wirkte er, um Fassung ringend. Dass sie geschockt seien, sagte er, dass sie die Tat bedauerten. Besonders, weil Kosovo-Albaner den USA so viel zu verdanken hätten. Arids Vater entschuldigte sich am selben Tag in Bild am Sonntag bei den Hinterbliebenen der Opfer. Arids ältester Bruder sagte im ZDF, er könne sich die Tat nur mit einem Trauma erklären.

Ansonsten schottet sich die Familie U. so gut es geht ab. „Verstehen Sie es bitte: Wir sind fassungslos. Es gibt keine Erklärung.“

„Eine Tat aus dem Nichts“, sagte Hessens Innenminister Boris Rhein (CDU).

„Man muss in Übung bleiben“

Sommer 2010. Arid U. versinkt in Computerspielen. „Man muss in Übung bleiben“, sagt er einem Bekannten. Ein Kriegsspiel ist sein Favorit, Arid U. ist Einzelkämpfer, für jeden getöteten Gegner erhält er Punkte. Auf dem Foto von sich, das er auf seine Facebookseite gestellt hat und das nun um die Welt gegangen ist, präsentiert er sich mit kühlem Blick. „Das ist jetzt mein Killerblick“, schreibt er darunter.

Auf einem anderen Foto vom Sommer 2010 sieht er seinem Internetauftritt kaum ähnlich: Die Wangen sind voller, der Blick ist scheu, es ist das Gesicht eines Sanftmütigen. Er hat es seiner Bewerbung beigefügt, die er beim islamischen Sozialdienst Grüner Halbmond in Frankfurt abgegeben hat. Es ist eine ordentliche Bewerbung, eine, die von Sorgfaltsliebe zeugt. Arid U. will ein freiwilliges soziales Jahr absolvieren, er will, so schreibt er, armen und kranken Menschen helfen. Als freundlich und fleißig charakterisiert er sich, gutes Deutsch und Englisch in Wort und Schrift verspricht er; dass er das Gymnasium abgebrochen hat, unterschlägt er. Niemand prüft es nach. Anfang August unterschreibt er seinen Vertrag, eine Woche später ist sein erster Arbeitstag.

Arid U. wird in der ambulanten Pflege eingesetzt, wäscht Behinderte und Alte, putzt für sie, erledigt Einkäufe. Die ihm Anvertrauten sind schnell eingenommen von dem Neuen, rücksichtsvoll ist er, einfühlsam, verantwortungsbewusst. Weil in der Wohnung einer Patientin der Teppich zur Stolperfalle werden könnte, regt er an, ihn zu befestigen. Arid U. ist beliebt, auch bei Kollegen. Dass er wenig spricht, schon gar nicht über Gedanken und Gefühle, stört niemanden. „Wir waren zufrieden mit ihm“, sagt Moustafa Shahin, der 1. Vorsitzende des Grünen Halbmonds.

Im Konferenzraum seines gemeinnützigen Vereins sitzt er und begutachtet das Bewerbungsfoto, als fände er auf ihm Antworten auf Fragen, die er sich stellt, die andere ihm stellen. Wie kann jemand wie Arid…? Woher dieser Hass? Die Mitarbeiter sind verstört, Patienten in Sorge, die Moscheen rufen an, die Spender, auf die der Verein angewiesen ist, selbst die New York Times hat sich bei Shahin gemeldet. „Nicht auszudenken, in welche Krise wir geraten, wenn die Leute von Arid auf uns schließen.“ Moustafa Shahin, 62, im Süden Ägyptens geboren und seit Jahrzehnten in Deutschland heimisch, genießt hohes Ansehen in der muslimischen Gemeinde Frankfurts, als Mitglied des Rats der Religionen hat sein Wort auch bei Christen und Juden Gewicht. Er gilt als Mann des Dialogs, womit er sich nicht nur Freunde gemacht hat. 2007 legte er sich öffentlich mit einem vom Verfassungsschutz beobachteten Hassprediger aus Sachsen an und verhinderte dessen Auftritt in Darmstadt; für die islamistischen Salafisten, die die wortwörtliche Auslegung des Korans fordern und jede moderate Glaubensauslegung als Verrat anprangern, ist er ein rotes Tuch. Ihr Einfluss auf in Deutschland lebende Jugendliche wächst, sagen Verfassungsschützer. Moustafa Shahin glaubt, die Gründe dafür zu kennen. „Sie sprechen eine klare Sprache, ein bisschen wie HipHop.“

Noch als er für Moustafa Shahin arbeitet, sucht auch Arid U. den Kontakt zu Salafisten. Einige ihrer bekanntesten Prediger, etwa den Frankfurter Scheich Abdellatif und den konvertierten Ex-Boxer Pierre Vogel, beide im Visier des Verfassungsschutzes, gibt er in seinem seiner Facebookprofil als Freunde an. Öffentlich distanzieren sie sich vom Terrorismus, ihr Weltbild aber scheidet ungnädig Gerecht von Ungerecht, Richtig von Falsch, Gut von Böse.

Es ist ein Weltbild, an dem Arid U. sich zu orientieren beginnt, an dem er vielleicht sogar Halt sucht. Er lädt sich im Internet islamistische Propaganda herunter, schwärmt für martialische Hymnen auf den Heiligen Krieg, schwelgt in Videoclips, die den todesmutigen Dschihadisten idealisieren. „Ich halte dieses Leben der Erniedrigung zwischen euch nicht aus“, heißt es in einem Lied, für das Arid U. auf seiner Facebookseite wirbt. Als Abu Reyyan stellt er sich im Netz mittlerweile vor, als der vom Glauben durchtränkte Vater.

Manchmal, wenn er all das über Arid U. liest, kommt es Moustafa Shahin so vor, als wäre er ihm nie begegnet. Als hätte es diese vier Monate nie gegeben. So viele Jugendliche und junge Männer gebe es, die mit radikalen Islamisten sympathisieren, so viele, die Gewaltfantasien nachhingen. „Aber warum macht einer wie Arid...?“

Die Frage lässt sich auch andersherum stellen, bei Terroristen wie Arid U., bei Schul-Amokläufern erst recht: Warum tun es so wenige, wenn doch so viele ins gängige Profil passen?

Im Dezember bricht Arid U. sein freiwilliges soziales Jahr ab, von einem Tag auf den anderen. Unsicher habe er gewirkt, sagt Shahin, beinahe so, als habe er sich für seine Entscheidung geschämt.

-„Warum gehst du“?

-„Ich brauche Geld.“

Von Mitte Januar an arbeitet Arid U. im Postzentrum am Frankfurter Flughafen. Sechs Wochen später besitzt er eine Pistole, Kaliber neun Millimeter, belgisches Fabrikat. Mit ihr und zwei Messern bewaffnet fährt er zum Flughafen und schießt aus nächster Nähe auf vier Menschen. Es wäre ein noch größeres Blutbad geworden, hätte seine Waffe keine Ladehemmung gehabt und wäre er im Terminal 2 nicht überwältigt worden.

Ein Video sei der Auslöser für die Tat gewesen, sagt Arid U. in einer der ersten Vernehmungen, ein Video auf Youtube. Es zeigt US-Soldaten, die ein afghanisches Mädchen vergewaltigen. Es gibt dieses Video, mittlerweile ist es von der Plattform verschwunden. Dabei ist es gar nicht echt. Es ist eine Szene aus Brian de Palmas Irakfilm „Redacted“.

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