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Archiv: Campino über The Police Eine Jugendliebe

Es gibt Bands, die man nie vergisst. Bei Höhenflügen haben sie uns mit ihren Liedern noch weiter über die Wolken getragen, bei Abstürzen haben uns ihre Songs

04.07.2007 10:07

Es gibt Bands, die man nie vergisst. Bei Höhenflügen haben sie uns mit ihren Liedern noch weiter über die Wolken getragen, bei Abstürzen haben uns ihre Songs getröstet. Police waren für mich so eine Band. Ich verdanke ihnen einen der besten Küsse meines Lebens. Damals, am 7. Dezember 1979, hatte mich eine meiner ersten Jugendlieben mit in die Düsseldorfer Philipshalle geschleppt. Police traten dort im Rahmen ihrer Regatta De Blanc-Tour auf.

Ich war 17 und die von mir verehrte Frau ein Fan, also musste ich mitgehen, um bei ihr punkten zu können. Das war jedenfalls die offizielle Begründung. Wahr ist auch, dass ich Police gut fand. Nur durfte man das in meiner Punk-Clique nicht laut sagen. Denn Sting , Andy Summers und Stewart Copeland galten trotz ihrer platinblond gefärbten Haare und ihrer schnellen Songs als zu sauber, zu erfolgreich.

Da stand ich also neben diesem Mädchen, eingekeilt zwischen Pogo tanzenden Düsseldorfern und grölenden britischen Soldaten der Rhine-Army. Wir alle erlebten ein großartiges Konzert - schnell und energiegeladen.

Police waren damals in Punk-Kreisen respektierter, als das manchmal dargestellt worden ist. Ihr erstes Album Outlandos D’Amour hatte ich mir noch gekauft, die zweite LP Regatta De Blanc hatte ich geklaut. Vielmehr habe ich sie klauen lassen und dann für die Hehlerware fünf Mark bezahlt. Die Singles aber habe ich selbst geklaut. Ich habe sie heute noch.

Police waren eine Band, die zwischen allen Stühlen saß - genau das machte sie so interessant. Für die einen waren sie New Wave, ein diffuser, nichtssagender Sammelbegriff für alles, was kurze, gefärbte Haare trug und versuchte, modern zu klingen. Aber was, bitte schön, soll das gewesen sein: New Wave? Dann gab es für die Jungs noch Etiketten wie Reggae-Rock, Pop oder, ganz am Anfang, eben auch Punk.

Ich mochte Police zunächst wegen ihrer Kontakte zur Londoner Punk-Szene. Was auch auf den Einfluss von Miles Copeland, dem Manager der Band und Bruder von Schlagzeuger Stewart, zurückging. Mit seinen Platten-Labels Illegal Records und Stepforward Records hatte er Bands wie Chelsea und Generation X gefördert und auch einen guten Draht zu The Clash. Sting trat oft als Gast-Bassist mit Chelsea auf - auch noch, als Police schon Weltstars waren. Die Beziehung zwischen Police und Punk ist also viel komplexer als gemeinhinbekannt. Begeben wir uns auf dieses Feld; ergründen wir, was Sie schon immer über Police wissen wollten (aber nicht zu fragen wagten).

Waren Police zu gut für Punk?Das haben sie selbst oft behauptet. Ich glaube nicht, dass man zu gut für einen Musik-Stil sein kann. Da stellt sich die Frage, was einen guten Musiker ausmacht? Ist es jemand, der Noten lesen und Partituren schreiben kann? Oder bedeutet "gut" nicht vielmehr, einen eigenen Stil zu entwickeln, einen Klang, der einzigartig und wiedererkennbar ist: Der verstorbene Johnny Thunders, Mitbegründer der New York Dolls und der Heartbreakers, war zwar technisch gesehen kein brillanter Gitarrist, dennoch hat man seinen Sound aus Hunderten von Gitarren herausgehört. Die Sex Pistols hatten einen unverkennbaren Klang, den andere nie so nachmachen konnten.

Das Gleiche galt für Police. Police waren nicht zu gut für den Punk, siewaren allerdings etwa fünf Jahre älter als all die jungen Wilden. AndySummers und Sting hatten in zahlreichen Rock- und Jazz-Bands gespielt, Stewart Copeland war Drummer bei der Prog-Rock Gruppe Curved Air. Sie waren alle drei exzellente Musiker, als der Punk-Sturm losbrach und es auf einmal völlig unwichtig war, ob man seine Instrumente beherrschte oder nicht.

Haben Police Punk kopiert?Der Vorwurf ist so alt wie die Band selbst: Pseudo-Punks. Eine nutzlose Debatte. Police waren einfach sehr gut darin, die Essenz der Punk-Szene anzuzapfen, mit Rock und Reggae zu verbinden und in ihren Songs zu verdichten. Das ist vor allem auf dem ersten Album, aber auch auf den B-Seiten der ersten Singles zu hören. Songs wie Next To You oder Dead End Job atmen diese raue Energie aus der Punk-Club-Szene. Wer sich Ende der 70er in England auf die Bühne eines Clubs wagte und nicht innerhalb von Sekunden von 0 auf 180 beschleunigen konnte, stand nicht zur Diskussion.

Police waren in dieser Zeit nicht nur schnell und laut, sie waren auchfiligran und haben mit dem Rückenwind des Punk einen neuen Sound entstehen lassen. Nachdem sie sich mit ihren ersten Hits durchgesetzt hatten, nahmen sie dann den Fuß vom Gaspedal, öffneten sich musikalisch, integrierten Keyboards und Saxophon. Eine logische Richtungsänderung, denn irgendwann stößt man mit nur drei Instrumenten an eine Grenze. Ihr Sound war längst ein erfolgreiches Markenzeichen, das von anderen Bands kopiert wurde. Zu demZeitpunkt konnten Police machen, was sie wollten, was Sting mal zu der Äußerung animierte, sie könnten auch ein Album mit Fürzen aufnehmen und würden damit erfolgreich sein.

Haben Police den Reggae-Rock erfunden?Nein. Aber sie haben ihn entscheidend geprägt und wie kaum eine andere Band eine Zeitlang zu ihrem Markenzeichen gemacht. Auch diesen Einfluss haben sie der Punk-Bewegung zu verdanken. Es war Ende der 70er selbstverständlich, dass Reggae-Bands mit Punk-Gruppen auftraten: Die Außenseiter-Musik aus Westeuropa wurde auf einen Level mit der Außenseiter-Musik aus Jamaika gestellt. Da ergaben sich zwangsläufig reizvolle Synergien. The Clash sind mit ihren Reggae-Rock-Mischungen als Erste vorneweg marschiert. Aber auch die Ruts, eine der härtesten Punk-Bands, haben viele Reggae-Elemente in ihre Songs integriert. Police haben diese Mischung oft benutzt und verdichtet.

Eine Liebes-Hymne an eine Prostituierte, getragen von einem mal schleppenden, mal explodierenden Reggae-Rock-Rhythmus, erzählt von einem Mann, der wie eine Frau singt - das waren im Fall von Roxanne gleich drei verstörend-schöne Eigenschaften, die es zu einem Welthit machten.

Hätten Police auch ohne die hohe Stimme Stings Erfolg gehabt?Geschadet hat sie sicher nicht. Wobei ich zugeben muss, dass mich Stings hohe, durchdringende Stimme zunächst eher abgeschreckt hat. Ich bevorzugte doch eher die vom Leben gegerbte Variante, wie sie Slade-Sänger Noddy Holder zum Besten gab. Es gibt zu Stings Stimme eine amüsante Anekdote von dem britischen Posträuber Ronnie Biggs. Bis zum Mai 2001 hatte er 30 Jahre im Exil in Rio gelebt. Als ich ihn dort für Plattenaufnahmen mit den Toten Hosen besuchte, erzählte er uns, dass er Sting mal in Rio getroffen habe.Der Posträuber und der Police-Sänger wurden einander vorgestellt, und Biggs sagte auf die ihm eigene stichelnde Art: "Ach du bist das, der die Lieder von Police singt? Ich dachte immer, das wäre ein Mädchen." Der Legende nach soll der weitere Abend ziemlich unterkühlt verlaufen sein.

Und jetzt sind Police also wieder zusammen. Viele einst große Bands raufen sich noch mal zusammen, nach dem Motto "For good times’ sake" - um dann festzustellen, dass die Luft raus ist. Als Fan möchte man sich so was nicht mit ansehen. Aber wenn Comebacks gelingen, ist es ein doppelter Triumph. Ich gehe jede Wette ein, dass Police die Erwartungen erfüllen werden. Warum? Vor allem, weil Sting die ganzen Jahre präsent war, im Studio und auf Tourneen. Das, was Police ausgemacht hat - die komprimierte Energie, die Songs, dieStimme -, wird er jederzeit abrufen können.

Ich bin Sting mehrere Male begegnet - einmal 1999 bei einem Interview für die FR, ansonsten bei gemeinsamen Festivals. Im Münchener Olympiastadion hatte er 1996 den undankbaren Job, nachts in einem Unwetter spielen zu müssen. Ich habe mir eine Weile lang angesehen, wie er da oben auf der Bühne dem Wasser trotzte. Es war inzwischen so kalt geworden, dass viele Leute einfach gingen. Sting aber war in diesem Wolkenbruch ganz bei sich selbst und bei denen, die blieben. Er hat den abgedeckten Teil der Bühne verlassen,sich einfach in den Regen gestellt und weitergespielt. Immer weitergespielt. Das hatte große Klasse.

1979, nach dem Konzert in Düsseldorf, habe ich meine Jugendliebe nach Hause gebracht. Wir fuhren in der Straßenbahn, als sie mir spontan einen Kuss gab. Daraufhin hatte ich so einen Quark in den Knien, dass ich mich erst mal setzen musste. Die Heftigkeit dieses Kusses hatte wahrscheinlich weniger mit mir zu tun. Sie war wohl noch begeistert von dem Konzert, denn diese Geschichte ist für mich schlecht ausgegangen. Ich bin mit der Frau nie zusammengekommen. Der Kuss war unser Höhepunkt. Vielen Dank dafür, auch an Police.

Campino, bürgerlich Andreas Frege, ist Sänger der Toten Hosen. Seine Mutter stammt aus England, sein Vater war Deutscher. Wenn es um Musik oder Fußball geht, schlägt sein Herz für England.

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