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Arabische Welt Sex unterm Schleier

Macht eine Klimaanlage schwanger? Shereen El Feki hat das Liebesleben in der arabischen Welt untersucht – und fand Unwissen, Scham, aber auch zunehmenden Mut.

06.03.2013 21:33
In der arabischen Welt spielt sich das Liebesleben der Menschen im Verborgenen ab. Foto: imago stock&people

Macht eine Klimaanlage schwanger? Shereen El Feki hat das Liebesleben in der arabischen Welt untersucht – und fand Unwissen, Scham, aber auch zunehmenden Mut.

Fünf Jahre lang traf Shereen El Feki arabische Frauen und Männer und sprach mit ihnen über Probleme in ihrem Liebesleben. Nun ist ihr Buch „Sex und die Zitadelle“ auf Deutsch erschienen, und El Feki, klein, schmal, kurzhaarig, sitzt zum Interview in einem Kreuzberger Loft. Auf dem Tisch steht eine große schwarze Handtasche.

Ist das die Tasche, in der Sie einmal einen Vibrator durch den Zoll geschmuggelt haben, um ihn arabischen Frauen vorzuführen?

Oh nein. Das Ding war gut in meinem Gepäck verstaut. Und ich hatte mir vorher auch genau überlegt, was ich sage, wenn der Zoll es entdeckt.

Was hätten Sie gesagt?

Dass es ein Kinderspielzeug ist.

Wie sind Sie überhaupt auf die Idee gekommen, arabischen Frauen einen Vibrator mitzubringen?

Es war, nachdem ich Azza getroffen hatte, eine junge, gebildete Ägypterin, die mir Arabisch beibringen sollte. Nach und nach habe ich auch ihre Familie kennengelernt, ihre Schwestern und Cousinen. Sie wurden immer offener und haben irgendwann über ihre Beziehungen erzählt. Mir wurde schnell klar, dass es nicht allzu gut steht um ihr Ehe- und Sexleben.

Was haben sie für Probleme?

Sie sind unzufrieden mit ihren Männern, wissen aber nicht, wie sie ihnen das sagen sollen. Es gilt als unhöflich, sich über solche Dinge zu beschweren oder selbst etwas anzuregen. Eine von Azzas Verwandten beispielsweise hatte sich vor ihrer Hochzeitsnacht im Internet kundig gemacht, was man so alles beim Sex machen kann. Ihr Mann hat sofort Verdacht geschöpft und seine Frau vor dem Bett auf den Koran schwören lassen, dass sie vor der Hochzeit keinen Sex hatte. Es ist also nicht leicht für beide Seiten, Frauen und Männer. Sie wissen einfach zu wenig, und Azza und ihre Angehörigen haben mich, weil ich ja aus einer anderen Welt komme, gefragt, ob es nicht Lehrmaterial gibt. Und so habe ich Bücher, DVDs und diesen Vibrator nach Ägypten geschmuggelt.

Und, hat es geholfen?

Das Lehrmaterial war leider nicht so hilfreich. Da wird zum Beispiel geraten, vor dem Sex erst mal in Ruhe ein Glas Wein zusammen zu trinken. Das würden Azza und ihre Cousinen aber niemals ihren Männern vorschlagen, denn der Islam verbietet kategorisch den Konsum von Alkohol. Dann war die Rede davon, sich zusammen in der Öffentlichkeit zu zeigen, auch Sex unter freiem Himmel könne durchaus anregend sein. Das geht natürlich auch nicht. Dafür kann man in manchen Ländern ins Gefängnis wandern.

Und der Vibrator?

Den haben sie ausprobiert. Die verheirateten Frauen jedenfalls, zusammen mit ihren Männern.

Die Ledigen nicht?

Sie zeigten großes Interesse, aber Azza, die älteste, hat sie nicht rangelassen. Selbstbefriedigung ist noch mal ein ganz anderes, ebenfalls sehr schwieriges, Thema in Ägypten. Ich habe schnell begriffen, dass die Probleme zu tief liegen, als dass man sie mit einem Sexspielzeug lösen könnte.

Sex in der arabischen Welt

Sie beschreiben in Ihrem Buch die Ehe in der arabischen Welt als Zitadelle, als Festung. Ist das nicht ein bisschen in jeder Ehe so?

Hier ist es aber besonders extrem, denn nur in der Ehe sind sexuelle Kontakte erlaubt. Alles andere gilt als schamlos, verboten, unschicklich. Das heißt, dass all die Menschen, die sich außerhalb dieser Zitadelle befinden, keinen Sex haben dürfen. Also sehr junge Menschen, oder geschiedene oder homosexuelle, oder ganz einfach diejenigen, die keinen Partner finden, weil sie kein Geld haben.

Das war offenbar nicht immer so. In Ihrem Buch zitieren Sie Gustave Flaubert, der Mitte des 19. Jahrhunderts Ägypten bereiste und sich, wie Sie schreiben, dabei „nilaufwärts fickte“.

Flaubert ist womöglich nicht der beste Dokumentarist dieser Zeit, denn er kommt von außen und zeigt die Menschen in der arabischen Welt als sexbesessen und ein bisschen primitiv im Gegensatz zu den moralisch guten und gebildeten Westeuropäern. Interessanter ist, sich die Schriften von Arabern anzusehen, wie frank und frei die damals über diese Dinge gesprochen haben. Ich kenne die Bücher allerdings nur, weil ich aus Kanada komme. In arabischen Ländern bekommt man sie nicht.

Weil sie verboten sind?

Verboten sind sie nicht. Vor den Aufständen in Ägypten hat mal ein konservativer Anwalt versucht, „Tausendundeine Nacht“ verbieten zu lassen. Und es gab riesengroße Entrüstung. Die Leute haben gesagt, das ist Teil unserer Geschichte, unserer Kultur, das ist absurd!

Warum bekommt man diese Bücher dann nicht?

Sie spielen keine Rolle im Leben der Menschen. Sex kommt in der öffentlichen Wahrnehmung immer nur in Verbindung mit Verbrechen oder Katastrophen vor, aber nie hat es mit Freude zu tun.

Was lernen Kinder in der Schule über Sex und Sexualität?

Nicht viel. Eine Verwandte von mir ist auf einer Top-Uni in Ägypten. Sie hat mich neulich gefragt, ob sie schwanger werden kann, wenn ihr Verlobter sich vor die Klimaanlage stellt. Sie hat gedacht, dass Menschen durch Pollenübertragung schwanger werden können. Sie lachen, aber es ist traurig. Es sind diese jungen Leute, die in der Welt gefeiert werden, weil sie sich gegen die politischen Zustände gewehrt haben und alles infrage stellen. Es gibt aber einen Spalt zwischen persönlichem Leben und Politik, und wenn wir politisch weiterkommen wollen, müssen wir diese Dinge miteinander verbinden.

Ihre Mutter ist gebürtige Waliserin, Ihr Vater Ägypter. Sie sind in Kanada aufgewachsen und eigentlich Immunologin. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, ein Buch über Sex in der arabischen Welt zu schreiben?

Das hatte mit dem 11. September zu tun. Ich wollte wissen, wo ich herkomme, was das für eine Welt ist. Als Immunologin hatte ich damals viel mit HIV-Infektionen zu tun, und mir fiel auf, dass die Zahlen im arabischen Raum verblüffend niedrig waren, aber nichts mit der Wirklichkeit zu tun hatten. Ich traf ganze Familien, die infiziert waren. Das Aids-Problem hat mir bei meiner Recherche zum Buch Zutritt verschafft, auch zu religiösen Führern, denn Aids nehmen inzwischen viele Menschen ernst. Und wenn ich einmal ihr Interesse hatte, konnten sie nicht mehr aufhören zu reden.

Sie haben mit der Recherche zu Ihrem Buch schon vor dem arabischen Frühling begonnen. Was hat sich seitdem verändert?

Die Menschen reden freier. Es gibt so einen Geist, der aus der Flasche geschlüpft ist und sich nicht mehr einfangen lässt. Man sieht das zum Beispiel daran, dass Vergewaltigungen schneller ans Licht kommen. Frauen trauen sich, darüber zu reden und schämen sich nicht mehr.

Und wie ist es mit den Männern? Wenn man Ihr Buch liest, hat man den Eindruck, viele sind ziemlich ahnungslos. Sie bilden sich beispielsweise ein, an Impotenz wären enge Jeans oder der Staat Israel schuld.

Solche kleinen Geschichten gibt es in jedem Land. Die Wahrheit ist, Männer stehen unter großem Druck, weil sie weniger Wahlmöglichkeiten als Frauen haben. In meiner Familie zum Beispiel können Frauen zur Uni gehen, heiraten oder ledig bleiben, auch wenn das selten passiert. Sie haben Optionen. Für die Männer ist es schwieriger. Wenn einer seinem Vater sagt, ich glaube, ich wäre ein guter Choreograf, wird der antworten, du wirst Arzt oder Anwalt, Choreografie kommt nicht infrage. Man muss das Richtige studieren, damit man Geld verdient, denn wenn man kein Geld hat, findet man keine Frau zum Heiraten. Und wenn man nicht heiratet, kann man nicht zu Hause ausziehen und darf auch keinen Sex haben.

Waren Sie jemals mit einem arabischen Mann liiert?

Nein, das hat sich nicht ergeben. Mein Mann ist aus Kanada. Vor einem Jahr haben wir in Toronto geheiratet.

Dann haben Sie also keine traditionelle arabische Hochzeit mitsamt Bauchtänzerinnen und Freudenschüssen gefeiert?

Oh doch. Mein Mann und ich haben in Toronto zwar nur eine kleine Feier gemacht. Aber einen Monat später war ich auf einer Internationalen HIV-Konferenz in Kairo, und als ich vorgestellt wurde, sagte der Redner, Dr. Shereen El Feki hat in Toronto geheiratet, und weil wir nicht dabei sein konnten, haben wir beschlossen, die Hochzeit nachträglich zu feiern. Dann ging die Tür auf und mindestens zehn Musiker mit Trommeln und Pfeifen kamen in den Saal, Hochzeitstorten wurden aufgetragen und natürlich durften auch Bauchtänzerinnen nicht fehlen. In diesem Moment ist mir klar geworden, dass für viele Menschen in diesem Saal das Wichtigste, was ich jemals in meinem Leben getan habe, diese Hochzeit ist. All meine beruflichen Leistungen, meine Buchveröffentlichungen, all das zählt nicht.

Wie haben Sie reagiert?

Als die Parade begann, saß ich da wie erstarrt. Aber dann hat es mich auch sehr berührt. Wie glücklich diese Menschen darüber waren, dass ich nun endlich erwachsen geworden war.

Das Interview führte Anja Reich

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