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Anti-AKW-Reportage Der Kampf der radikalen Ladys

Seit vierzig Jahren läuft das US-Atomkraftwerk Vermont Yankee am Ufer des Connecticut River. Seine Betreiber rechnen mit weiteren zwanzig Jahren und behaupten, der Meiler sei sicher. Das bezweifeln die Anti-AKW-Aktivisten in der Region stark.

Ein AKW in Waynesboro, Georgia, USA. Foto: dpa/Symbolbild

Tony Klein sagt, er bewundere die Deutschen, ja, mehr noch, er sei ihnen dankbar. „Die machen vor, wie wir es auch machen sollten“, sagt der kahlköpfige, kleine Mann. „Sie investieren in erneuerbare Energien.“ Dagegen die Amerikaner. Klein schnaubt jetzt ein wenig verächtlich. „Wir scheren uns nicht um unsere Enkel und Urenkel“, sagt er. „Wir denken nur an das Jetzt.“ Klein, der als Kojak-Imitator durchgehen würde, nimmt seine Hände zu Hilfe und zeigt nach Süden. Dort steht das Problem. Knapp 200 Kilometer von Kleins Wohnort in Montpelier entfernt – und ihm doch so nahe, als lebe er direkt daneben.

Das Atomkraftwerk Vermont Yankee steht am Ufer des Connecticut River. Dort gehen die bewaldeten Hügel des Bundesstaats Vermont nach und nach in die flachere Landschaft von Massachusetts über. Vermont Yankee ist eines von 104 US-Kernkraftwerken, die zusammen zirka 20 Prozent des US-Stroms liefern. Seit 1972 schon produziert Vermont Yankee Elektrizität – und wahrscheinlich würden sich immer noch die wenigsten darüber aufregen, hätte sich nicht am 11. März 2011 jenseits des pazifischen Ozeans eine Katastrophe ereignet. Im japanischen Fukushima schmolzen drei von sechs Reaktorblöcken. Es war der schlimmste Atomunfall seit dem GAU von Tschernobyl 1986. Und Tony Klein, der demokratische Abgeordnete im Bundesstaatsparlament von Vermont, dachte sich: Das war es nun mit Yankee Vermont, dem AKW, das vom Typ her dem japanischen Kraftwerk ähnelt wie ein Brennstab dem anderen.

„Ignoranten, nur Ignoranten“

Es kam aber anders. Ganz anders sogar. Nur wenige Tage nach der Katastrophe in Japan, als in Deutschland die schwarz-gelbe Koalition sehr überraschend den Atomausstieg verkündete, tagte in Bethesda bei Washington die Nukleare Regulierungskommission der USA, eine Bundesbehörde. Deren – ebenfalls sehr überraschendes – Urteil: Vermont Yankee bekam eine Lizenzverlängerung, das Werk darf noch weitere 20 Jahre am Netz bleiben.

„Ignoranten, nur Ignoranten, der verlängerte Arm der Atomindustrie“, schimpft Tony Klein in Montpelier, der Hauptstadt Vermonts, als er sich an diesen Tag erinnert. „Eine skandalöse Entscheidung“, sagt er und erzählt mit weit ausgreifenden Handbewegungen, warum das so ist.

Da war etwa das Jahr 2007. Ein Kühlturm auf dem Betriebsgelände am Connecticut River stürzte plötzlich ein. Kühlwasser strömte in den Fluss. Hinterher hieß es, eine Gefahr für Bevölkerung und Umwelt habe nicht bestanden. Drei Jahre später wurde dann bekannt, dass radioaktives Tritium aus Rohren im Boden ins Grundwasser gelangt war. AKW-Offizielle sagten erst, es seien niemals unterirdische Leitungen verlegt worden. Sie blieben sogar unter Eid dabei. Später mussten sie jedoch zugeben, dass das sehr wohl der Fall war. Die Folgen: keine.

Denn an der Lizenzvergabe für das AKW durch die Bundesbehörde in Washington änderte der Vorfall mit den Rohren auch nichts. Genauso wenig wie die Entscheidung des Parlaments von Vermont, das sich fast einstimmig gegen den Weiterbetrieb des Werks aussprach. Bundesrecht bricht Bundesstaatsrecht. So ist das in Sachen Atom in den USA geregelt.

Hinterher hieß es nur wieder, eine Gefahr für Bevölkerung und Umwelt habe nicht bestanden. Das ist so etwas wie die weltweit gültige Standarderklärung aller AKW-Betreiber nach Stör- und Unfällen.
Die Liste der Unstimmigkeiten ist aber noch länger. Es gibt zum Beispiel die Geschichte mit dem Aufzug. „Da wurde ich vor ein paar Jahren eingeladen, um das Werk zu besuchen“, sagt Tony Klein: „Und dann ging der einzige Aufzug nicht. Wie geht das denn, wenn man doch zeigen will, wie sicher alles ist?“

Diese und alle anderen Ereignisse rund um Vermont Yankee hat Tony Klein, der 65 Jahre alte Demokrat, im vergangenen Herbst schon einmal einem Deutschen erzählt. Jochen Flasbarth, Präsident des Umweltbundesamtes, war auf Studienfahrt in Vermont. Flasbarth sagte damals, er sei nicht gekommen um zu missionieren. Aber er könne den Amerikanern berichten, dass die geplante Energiewende in Deutschland nicht das Werk verrückter Wissenschaftler sei, sondern auf einer soliden Analyse basiere. Wirtschaftlich gesehen, sei die Energiewende ein vielversprechendes Projekt, zitierte die Zeitung Burlington Free Press den Besucher aus Deutschland.

Es war nicht gerade eine Massenveranstaltung, der Flasbarth im vergangenen Herbst beiwohnte. Aber das ist die Regel in den USA. „Hey, ich habe den Leuten gesagt“, erzählt Tony Klein: „Es sind die Deutschen, die das machen. Das ist nicht irgendein Drittweltland. Das sind die, die die BMWs bauen.“ Die Reaktion sei aber nicht überwältigend gewesen, sagt Klein. In Vermont sei es halt so: „Theoretisch finden die meisten Leute die erneuerbaren Energien wunderbar. Aber in der Praxis sagen sie dann zum Beispiel über Windmühlen: Ach, ich wusste gar nicht, dass das Ding so hässlich aussieht. Das will ich aber nicht hinter meinem Haus haben. Auf keinen Fall.“

Die Anti-Atom-Bewegung mag vielleicht in den Vereinigten Staaten entstanden sein, groß geworden ist sie andernorts. Könnte man mit einigem Recht sagen. Das sehen die Protest-Großmütter von Athol in Massachusetts allerdings ein bisschen anders. Marcia Gagliardi ist 64 Jahre alt, sie betreibt knapp 50 Kilometer flussabwärts vom AKW einen Trödelladen in einem weißen Haus mit roter Scheune. Sie sagt: „Wir sind ein Haufen radikaler Ladys.“ Die 85-jährige Ruth Hooke und die 67 Jahre alte Paki Wieland nicken. Sie wollen jetzt zeigen, was sie draufhaben.

Mit Joan Baez und Gloria Gaynor

Im Büro von Marcia Gagliardi steht ein Computer. Die Damen bitten zur Dia-Show. Sie dauert zwölf Minuten und zeigt Bilder ihrer Protestaktionen vor den Toren von Vermont Yankee. Die Hintergrundmusik zur Show machen Joan Baez („Stand Up“) und Gloria Gaynor („I Will Survive“). Die Lieder haben Hymnencharakter für die Damen. Gezeigt wird eine Protestgeschichte, zusammengestellt aus einem Jahrzehnt des zivilen Widerstands. Ist es Sommer, tragen die Damen grellbunte T-Shirts mit der Aufschrift „Shut down Vermont Yankee now“. Eine Frau aus Vermont fertigt die Shirts. Sie kosten 30 Dollar pro Stück.

Marcia Gagliardi zupft einen spätsommerlichen Staubfaden von ihrer Schulter und sagt, sie sei in den in den vergangenen Jahren schon 20 Mal von der Polizei festgenommen worden. Doch ebenso oft habe der Richter erst gar keine Anklage wegen unbefugten Betretens des AKW-Geländes erhoben. Die zierliche Dame mit dem kurzen grauen Haar sagt das in gedämpftem Ton – so, als habe sie im Laufe der Jahre 20 Niederlagen erlitten. Sie wolle doch gerne einmal vor Gericht sagen, wie gefährlich Vermont Yankee sei. Damit es mehr Leute begreifen: „Wissen Sie, bei uns denken die meisten Menschen immer noch, es sei patriotisch, an die Sicherheit von Atomkraftwerken zu glauben.“ Ruth Hooke sagt: „Die Leute wissen gar nicht, wie gefährlich das ist.“

Ein Besuch bei den radikalen Großmüttern von Athol ist wie eine Zeitreise zurück in die Anfänge der deutschen Anti-Atom-Bewegung. Die Sätze, die Argumente, die Art des Protests – sie sind ähnlich. Ruth Hooke sagt an einer Stelle: „Ich mache das für die Zukunft meiner Enkel und Urenkel. Das ist eine Sache, in der es um Leben und Tod geht.“ Und Paki Wieland fragt: „Was passiert eigentlich mit dem Atommüll? In den ganzen USA gibt es kein Endlager.“ Sie seufzt: „Ach, der Geist ist raus aus der Flasche.“ Aufgeben sei keine Option, sagen die Damen, nicht nach all den Jahren.

Demonstration im Kajak

Möglicherweise geht der Wunsch der radikalen Ladys nach Abschaltung des Meilers aber auch schneller in Erfüllung, als sie heute glauben. Obwohl weder der US-Präsident Barack Obama noch sein republikanischer Herausforderer Mitt Romney Signale aussenden, dass sie demnächst auf Atomstrom verzichten wollten. Im Gegenteil: Im laufenden Wahlkampf betonen sie regelmäßig, dass das Land nicht auf diese Energieform verzichten könne – Romney sehr bestimmt, Obama etwas weniger deutlich.

Doch vielleicht hat Peter Bradford recht. Er ist ein weltweit gefragter Atomexperte und war vor vielen Jahren selbst einmal Mitglied der Nuklearkommission in Washington. Gerade kommt er von einem nervenaufreibenden, mehrstündigen Telefonat zurück. Die Kasachen wollten mal wieder alles und noch mehr wissen, bevor sie ihm ein Visum ausstellen, sagt der 70-Jährige und nimmt Platz auf seiner Veranda, die einen spektakulären Blick auf die grünen Berge von Vermont bietet. Bradford sagt, es schon reichlich ungeschickt von den Atomregulierern in Washington gewesen, die Betriebslizenz des Meilers Vermont Yankee so kurz nach Fukushima zu verlängern.

Aber vielleicht werde das gar nichts ändern am Schicksal des Kraftwerks. „Ich glaube, viele der Atomkraftwerke in den USA werden in den nächsten 20 Jahren sowieso abgeschaltet“, sagt Bradford und rechnet vor: Derzeit bringt der Atomstrom gerade einmal vier US-Cent pro Kilowattstunde. Früher waren es dagegen leicht sechs bis sieben Cent. Wenn man die steigenden Kosten hinzunehme, die die AKW-Betreiber für die Sicherheit der altersschwachen Werke aufbringen und die sinkenden Kosten für Alternativenergien in Rechnung stelle, dann werde klar: Die Atomkraft hat selbst in den USA keine Zukunft mehr.

Ob diese Aussicht die radikalen Ladys von Athol besänftigen wird, ist allerdings fraglich. Vor ein paar Tagen haben sie an einer Anti-AKW-Flottille mit Kanus und Kajaks auf dem Fluss direkt unterhalb der Nuklearfabrik teilnehmen. „Wir machen weiter“, sagt Paki Wieland, „weiter, bis das Atomkraftwerk endlich abgeschaltet wird.“ Und Marcia Gagliardi wird vielleicht doch noch die Gelegenheit bekommen, die Sache in einem Gerichtssaal öffentlich zu machen.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Atomausstieg

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