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Anschläge in Großbritannien Regenschirm als Mordwaffe

Der Giftanschlag auf den russischen Ex-Spion Sergej Skripal und dessen Tochter Julia in Salisbury weckt in Großbritannien schlimme Erinnerungen.

Georgi Markow
Der Autor Georgi Markow wurde auf der Waterloo Bridge ermordet. Foto: dpa

Der Mordanschlag auf den russischen Ex-Spion Sergej Skripal und dessen Tochter Julia in Salisbury hat in Großbritannien schlimme Erinnerungen an frühere Verbrechen geweckt. Unterhausabgeordnete forderten Aufklärung in insgesamt 14 ungeklärten Todesfällen der vergangenen zehn Jahre.

Direkt oder indirekt hatten sich alle Opfer den Unmut mächtiger Männer in Wladimir Putins autoritärem Russland zugezogen. Im Fall der tödlichen Vergiftung des Ex-Spions Alexander Litwinenko mit radioaktivem Polonium 2006 bezichtigte der Londoner High Court sogar den Präsidenten als „wahrscheinlichen“ Anstifter.

Georgi Markow: Kritiker der bulgarischen KP

Die mutmaßlichen Täter bleiben ebenso auf freiem Fuß wie jene, die vor 40 Jahren in London den spektakulärsten Mordanschlag des Kalten Kriegs planten und ausführten. Bis heute wissen politisch interessierte Briten über 50 beim Stichwort „Regenschirmmord“ sofort Bescheid. Sie kennen den Namen des Opfers, Georgi Markow; sie erinnern sich an den Tatort, die Waterloo Bridge, und vor allem an die Tatwaffe: ein von sowjetischen Spezialisten präparierter Regenschirm, aus dem der Mörder hochgiftiges Ricin in die Wade seines Opfers feuerte.

Markow hatte in seiner Heimat Bulgarien als Dramatiker und Drehbuchautor Aufsehen erregt, ehe er mit den Behörden des langjährigen Staats- und Parteichefs Todor Schiwkow aneinandergeriet. Nach seiner Flucht etablierte sich der Künstler in London als scharfzüngiger Kritiker der bulgarischen KP und ihres allmächtigen Chefs. So sehr ärgerte sich Schiwkow über dessen allwöchentliche Sendungen auf BBC, Deutscher Welle und Radio Free Europe, dass der Diktator höchstselbst die Kollegen des KGB um Hilfe bei Markows Ermordung bat.

Die Tüftler des sowjetischen Geheimdienstes lieferten eine Lösung wie geschaffen fürs wechselhafte Londoner Wetter: Der Tod kam aus dem Regenschirm. Am 7. September, einem grauen Herbsttag, stand Markow an der Bushaltestelle der Waterloo Bridge, als er plötzlich einen stechenden Schmerz in der Wade fühlte. Ein korpulenter Mann mit Regenschirm, so berichtete es Markow später, habe einige Worte der Entschuldigung gemurmelt und sich davongemacht. Binnen weniger Stunden bekam der Regimegegner hohes Fieber, sein Blutdruck spielte verrückt. Den ratlosen Ärzten konnte Markow noch von der Regenschirmattacke erzählen, ehe er ins Koma fiel und starb.

Die Obduktion belehrte alle Skeptiker eines Besseren. In Markows Wade fanden die Pathologen eine Kapsel von der Größe eines Nadelöhrs. Das 1,5 Millimeter breite Projektil enthielt zwei winzige Hohlräume, in denen Wissenschaftler des britischen ABC-Labors Porton Down Spuren von Ricin fanden. Das hochgiftige Protein aus dem Samen der Rizinuspflanze steht auf dem Index der UN-Chemiewaffenkonvention. Gegen Ricin gibt es bis heute kein Gegengift.

Das schaurige Attentat sorgte auf der Insel für Angst und Schrecken – wie offenkundig von Moskau und Sofia gewünscht. Der Mordkommission waren bis zum Zerfall des Sowjetimperiums die Hände gebunden. Dann fanden sich im Keller von Sofias Innenministerium eine ganze Anzahl präparierter Regenschirme. KGB-Überläufer wie der frühere Generalmajor Oleg Kalugin bestätigten die Hilfsdienste des sowjetischen Hegemons und Schiwkows unmittelbaren Auftrag: Nicht umsonst fiel der Tag des Attentats mit dem Geburtstag des Diktators zusammen.

Ein General des bulgarischen Geheimdienstes Darschawna Sigurnost (DS) erhielt 1992 eine kurze Freiheitsstrafe, weil er Markow-Akten vernichtet hatte. Einen Prozess gegen Anstifter und Täter des Mords an Bulgariens berühmtestem Dissidenten aber hat es bis heute nicht gegeben. Posthum wurde Markow in Bulgarien für seinen Widerstand gegen das kommunistische Regime geehrt. Seine Ermordung bleibt ungesühnt.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Großbritannien

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