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Andy Fletcher im Interview "Wir wären besser nicht aufgetreten"

Zehn Fragen an Depeche Mode Keyboarder Andy Fletcher: Wie sich die britische Synthie-Band einst in Ostberlin vor den Karren der DDR spannen ließ. ( Mit Video)

27.10.2009 12:10
Depeche Mode: Dave Gahen (v.l.n.r.), Martin Gore und Andy Fletcher. Foto: Anton Corbijn

Mr. Fletcher, mit dem Mauerfall endete vor 20 Jahren der Kalte Krieg. Sie haben mit Depeche Mode schon vorher oft in Osteuropa gespielt. Wie kam es dazu?

Wir waren damals junge Kerle, 21, 22 Jahre alt - wir wollten einfach überall auftreten! Herumkommen, Spaß haben, die Welt sehen! Leichter wurde es dadurch, dass es uns nie ums Geld ging. Bei unserer ersten Mini-Tour durch Osteuropa, Mitte der 80er, zahlten wir ordentlich drauf. Es hat sich trotzdem gelohnt: Die Leute waren verrückt nach Depeche Mode.

Was blieb Ihnen besonders in Erinnerung?

Vor allem Ungarn, weil wir da am häufigsten waren. Das Land war das am meisten verwestlichte in Osteuropa. Die luden viele Westbands ein, bevor der Eiserne Vorhang fiel. Neulich spielten wir in Polen, heute ein ganz normales Land. Aber damals war es bizarr: So viele Polizisten hatte ich nie zuvor in einer Halle gesehen. Sonst erlauben wir beim Soundcheck keine Zuhörer - in Polen standen ungelogen 1000 Polizisten und hörten dem Soundcheck zu!

Etwas Besonderes war auch das einzige Depeche-Mode-Konzert in Ost-Berlin, das ein ungarischer Veranstalter mit der FDJ einfädelte: Am 7. März 1988 spielten Sie in der DDR - das gelang nicht vielen Westbands.

Wir wollten seit einer Ewigkeit in Ost-Berlin spielen, aber es wurde uns nie erlaubt. Wir waren in Ungarn, Polen, der Tschechoslowakei aufgetreten - nur in zwei Städte ließen sie uns nicht: Moskau und Ostberlin! Jahrelang löcherten wir unser Management damit - und eines Tages hieß es: Es klappt! Ihr dürft nach Ost-Berlin.

Wieso wollten Sie unbedingt?

Wir wussten, dass wir unheimlich viele Fans in Ostdeutschland hatten: aus Briefen, von Westberliner Freunden, aus der Presse. Man erzählte uns, dass wir da größer als die Beatles seien. Dass wir nie da spielen durften, steigerte unseren Wunsch nur.

Unter DDR-Jugendlichen war es vor 1989 fast eine Religion, Depeche-Mode-Fan zu sein. Haben Sie eine Erklärung dafür?

Ich schätze, wir standen als Band für das Unerreichbare: Wir waren auch sehr angesagt in Westdeutschland, darauf sind sie in Ostdeutschland wohl eingestiegen. Westdeutsche Magazine wie die Bravo bestimmten ja den Geschmack in ganz Osteuropa. In der DDR schien aber mehr dahinter zu stecken. Dort konnten die Fans unsere Platten nie kaufen oder uns live sehen. In diesem Sinne war es durchaus eine Untergrundbewegung: Alles lief über Mundpropaganda, wurde auf Tapes gezogen, verkauft, getauscht. Gerade das trug vielleicht auch zum Reiz an uns bei.

Fanden Sie je heraus, wieso die DDR Sie plötzlich doch einlud?

Ja, später hörten wir, dass sie uns als Hauptattraktion bei der Feier zum Geburtstag ihrer Jugendorganisation präsentierten, um bei der Jugend zu punkten. Wir erfuhren, dass normale Fans kaum Chancen auf Karten hatten. Wir wussten davon nichts; damals waren wir einfach heillos begeistert, in Ostberlin spielen zu dürfen. Von heute aus betrachtet, hätten wir das Konzert besser nicht gegeben. Wir haben uns da wohl für die Partei einspannen lassen.

Es waren auch viele echte Fans unter den 6000 Zuschauern, die ganz ohne Ankündigung von dem Konzert in der Werner-Seelenbinder-Halle am Prenzlberg erfahren hatten. Noch heute schwärmen sie im Internet davon; vielen flossen die Tränen, als Sie damals tatsächlich die Bühne betraten.

Ja, obwohl uns die Sache mit den Tickets vorher schon komisch vorkam - da stand nicht mal unser Bandname drauf! -, war im Konzert nichts von all dem zu spüren. Es war trotzdem ein großartiger Gig. Aber mit viel Unangenehmen: Hunderte Polizisten beim Soundcheck, meilenweit abgeriegelte Straßen. Die Fans sammelten sich überall in der Umgebung - kamen aber nicht mal in die Nähe der Halle. Echt frustrierend.

Draußen zahlten Jugendliche bis zum Dreifachen ihres Monatslohns für Tickets, einer gab sein Moped dafür. Aus der ganzen DDR kamen Fans. Konnten Sie mit einigen von ihnen reden?

Keine Sekunde! Wir wurden total abgeschirmt. Wir wussten vorher nichts über unsere DDR-Fans, und nachher leider auch nicht. Wir durften auch nur diesen einen Tag in Ostberlin verbringen. Ich erinnere mich an einen Stadt-Spaziergang, viel ist davon nicht hängen geblieben. Nach dem Konzert eskortierten sie uns direkt ins Hotel, der Weg und das ganze Hotel waren menschenleer. Was bizarr war, da wir ja wussten, dass wir eine der angesagtesten Bands da waren. Jemand sagte uns, das sei das meistverwanzte Hotel der Welt - echt gespenstisch.

Wie waren Ihre ersten Ost-Konzerte nach dem Mauerfall?

Es war, als hätte es die Teilung nie gegeben. Wir merkten, was für eine große Nummer wir in Ostdeutschland wirklich waren - anhand der Plattenverkäufe, die durch die Decke gingen. Bis heute verkaufen wir im Osten Deutschlands mehr als im Westen. Außerdem füllten wir auch in mittelgroßen Städten ganze Stadien, in Leipzig zum Beispiel. Ich erinnere mich, wie mir bei unserem ersten Besuch dort ein Mädchen eine private Stadtführung gab, zu diesem riesigen braunen Denkmal ...

Haben Sie es inzwischen auch nach Moskau geschafft?

Natürlich! Leider können wir uns an den ersten Gig kaum erinnern. Der fiel bei uns in eine wilde Phase, wenn Sie verstehen. Aber wir waren noch oft da, und vor einer Weile bin ich noch mal allein als DJ durch Osteuropa getourt, weil es mir solchen Spaß gemacht hatte. Inzwischen erkenne ich da keine Unterschiede mehr zu Auftritten im Westen. Schon erstaunlich, wie schnell das alles ging.

Interview: Nadja Erb und Steven Geyer

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