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Anders Behring Breivik Liebesbriefe an einen Mörder

Tausende Fanbriefe erreichen Anders Behring Breivik im Gefängnis. Seine Fans blenden aus, dass er heute vor fünf Jahren 77 Menschen in Norwegen ermordete. Für sie ist er Opfer und Held zugleich.

Jesus Breivik: Seine Fans argumentieren, er habe aus der Not heraus gehandelt. Deshalb ist er für sie Held und Ikone.

Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag. Ich liebe dich Baby, kämpfe weiter“, schreibt Hilde Hansen* unter das Foto eines selbst gebackenen Regenbogenkuchens, verziert mit weißer Sahne und roten Smarties, die das Wappen der Tempelritter formieren. Das Baby, das Hilde Hansen liebt, heißt Anders Behring Breivik und hat heute vor fünf Jahren 77 Menschen getötet. Menschen wie Hilde, einige zufällig, andere bewusst. Er tötete Kinder, Jugendliche, Erwachsene, als er in Oslo eine Bombe zündete und später ein Ferienlager der Arbeiterjugend stürmte und als Polizist verkleidet das bis dahin größte Massaker in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg anrichtete.

Hilde Hansen ist Anfang 20, in ihrem Blog bezeichnet sie sich als „weibliche norwegische Breivik-Supporterin“. Sie stellt Kinder- und Jugendbilder des Massenmörders online. Sie listet ihre Gedanken zu ihm und seinen Ansichten. Als die Mutter von Breivik starb, dankte sie ihr dafür, ein „perfektes menschliches Wesen“ geboren und herangezogen zu haben, „ein perfekter Sohn.“ Sie zeigt sich verärgert darüber, dass andere Breivik-Fans nur seinen Vornamen nutzen, das sei respektlos, schließlich stehe „Commander Anders Behring Breivik“ über ihnen. Sie zeichnet Bilder von ihm, die ihn als liebevollen, weichen Typ mit blondem Engelshaar und süßem Lächeln zeigen. Blogs wie den von Hilde gibt es zu Dutzenden im Internet.

Der Massenmörder als Superstar. In der weiten Welt des Internets tauscht sich Hilde Hansen mit Gleichgesinnten aus. Es gibt zahlreiche Communitys. Nachdem die Fanseiten auf Facebook gesperrt wurden, nutzt die Anhängerschaft das russische Pendant VK. Dort tragen junge Frauen „Free Breivik“-Shirts mit seinem Konterfei und Tattoos mit eben solchen Schriftzügen. Sie nutzen Breivik als eigenen Nachnamen, haben sein Foto als Profilbild und posten selbst gezeichnete Bilder. Mehr als 3800 Mitglieder hat die größte russische Gruppe, Männer und Frauen, aus Polen, der Ukraine, Russland, Kroatien, Schweden, Norwegen, Belgien, Finnland und Deutschland. Die englischsprachige Community zählt immerhin 150 Mitglieder. Auf Anfrage geben einige an, zu Beobachtungszwecken („Ich studiere Psychologie“) in den Gruppen zu sein und nicht mit Breivik zu sympathisieren.

Aber es gibt auch Mitglieder wie Johanna Uhland*, eine Deutsche in Norwegen, die sich zwei kleine Hakenkreuze auf den Bauch tätowiert hat. Oder Martin Boll*, der grinsend den Hitlergruß zeigt. Oder die dunkelhaarige Münchnerin Julia Müller*, gerade volljährig geworden, die ein „Free Breivik“-Shirt trägt und auf ihrem Youtube-Channel Videos animiert, auf denen Breivik einen Heiligenschein oder Engelsflügel trägt. Darunter kommentieren Freunde: „Bleib stark“ oder „Du bist unser Held.“ In der englischsprachigen Gruppe berichtet Julia Müller stolz über einen Brief, den sie von Breivik erhielt. Es sind einige junge Mädchen, die sich über Briefe ihres Superstars austauschen. Einige Antwortbriefe stehen frei im Internet.

Wie viel Post Anders Behring Breivik nach wie vor erhält, wollte das Gefängnis in Skien, wo er seine lebenslange Haftstrafe absitzt, gegenüber der FR nicht kommentieren. Vor Gericht sprach Breiviks Anwalt von alleine 4000 Briefen, die von den Behörden kontrolliert wurden, ehe sie an ihn weitergereicht oder konfisziert wurden. Breivik klagte im vergangenen Jahr gegen die Konfiszierung, doch er bekam kein Recht zugesprochen. Das Gericht geht davon aus, dass er über den Postweg rechtsextreme Netzwerke aufbauen möchte.

Die Mittzwanzigerin Mareike Buhlmann* hat mehrfach versucht, Breivik im Gefängnis zu besuchen. Breivik habe sie eingeladen, erzählt sie der FR, das bestätigen auch andere Mitglieder der Gruppe. Sie wäre gerne seine Freundin gewesen, manchmal bezeichnet sie sich auch als solche, sogar vor Gericht erschien sie in dieser Funktion. „Er ist eine so nette Person, magisch und sehr clever.“ Sie mag ihn, und deshalb sieht sie andere Fans nicht gerne, „die Mädchen mögen ihn nur, weil sie Mädchen sind. Das ist so dumm.“

Isabella Nini* gibt an, Breivik habe ihr vor sieben Jahren das Leben gerettet, seither seien sie befreundet. Die beiden Frauen kennen sich. „Liebe Mareike, ich weiß, dass Anders dich sehr mag, er bezeichnet dich als enge Freundin.“ Isabelle Nini zeigt sich ebenfalls besorgt über weitere Fans, „ich glaube, sie interessieren sich nicht für ihn als Person, sondern weil er ein Promi ist. Ich will nicht, dass er verletzt wird.“

Beide Frauen wurden vom Gefängnis abgewiesen, als sie Breivik besuchen wollten. Mareike Buhlmanns Briefe wurden irgendwann nicht mehr durchgestellt. Die norwegischen Behörden unterstellen ihr „unmoralische Aktionen, um Verbrechen zu unterstützen“. „Vorher konnte ich wenigstens Post von ihm bekommen“, sagt sie und betont, dass sie keinesfalls Verbrechen unterstütze. Heute sagt sie, sie sei raus aus der Politik. Auf die Frage, warum sie Anders Breivik möge, sagt sie: „Ich mag nur meinen Hund und meine Katze.“ Sie habe mit dem Thema Anders Behring Breivik abgeschlossen. Was vorgefallen ist, zwischen dem Massenmörder und ihr, lässt sie unbeantwortet. Heute stellt sie gar infrage, ob sie je mit Breivik Kontakt hatte. „Tausende schrieben ihm, ich weiß nicht, ob die Antwortbriefe, die ich erhielt, tatsächlich von ihm sind.“

Immer wieder hat Breivik seinen Unterstützern Briefe geschrieben, einige sind von seinen Anwälten autorisiert worden. An eine Tania gerichtet schrieb er, dass rund 60 Prozent der Briefe, die er erhalte, Unterstützerbriefe seien. Er bedankte sich bei ihr, bot ihr an, künftig auf Englisch und nicht Norwegisch zu korrespondieren, „Tania, danke für deinen aufmunternden Brief, ich bin sehr interessiert, dich näher kennenzulernen.“ Einer Daisy schreibt er, ihre Fotos seien wunderschön und inspirierend. Am Ende entschuldigt er sich für den überwiegend politischen Antwortbrief: „Ich neige dazu, politischen Aktivismus manchmal ein bisschen zu ernst zu nehmen.“ Er versieht die Aussage mit einem lächelnden Smiley.

Rund 90 Prozent der 600 Menschen, die vor zwei Jahren eine Petition für die Freilassung von Anders Behring Breivik unterschrieben haben, waren männlich. Es sind jene, die seine Ideologie teilen und in Gruppen wie „Der Europäische Untergrund“ und „Deutsche Reichs Nachrichten“ sind. Sie verweisen auf die Identitäre Bewegung in Deutschland und fordern in sozialen Medien wie Twitter Breiviks Freilassung vor allem nach Terroranschlägen wie in Brüssel in diesem März oder in Paris im vergangenen November. Nach der Amokfahrt in Nizza twittern sie Sätze wie: „Kampf gegen Terror geht am besten mit Terroristen“, „Macht ihn zum Verteidigungsminister der Weißen“ oder „Es ist an der Zeit, gegen die Invasoren vorzugehen“.

Der Rechtsextremismus war bei ihnen schon da, Breivik als ausführende Kraft das Idol. „Klar, es gilt, Gleich und Gleich gesellt sich gern“, sagt der Psychiater Theo Payk, der Bücher über die Faszination des Bösen schrieb. So auch bei Ekatarina Mudrinova*, die sagt, Breivik habe etwas getan, von dem jeder in den pseudo-demokratischen Staaten träume, aber zu feige dafür sei. „Ich unterstütze keine Gewalt, aber das Verhalten von Migranten ist außer Kontrolle geraten.“ Ob sie an die Jugendlichen denkt, die Breivik umbrachte? „Es ist nicht seine Schuld, sondern die ihrer Eltern.“ Die hätten sie im falschen politischen Weltbild erzogen.

Die Ukrainerin Ekatarina Mudrinova ist da anders als die meisten anderen Frauen in den sozialen Medien, den zahlreichen Blogs und Plattformen. Die sehen in Breivik einen beschützenswerten Mann Mitte 30, der aus einer Notwendigkeit heraus, für Norwegen und Europa und damit auch für sie, bereit war, sein eigenes Leben zu opfern. „Ich wäre nie so mutig wie er“, sagt Natalya Ivanova*, „ich bin schwach und feige, genau deshalb ist er mein Held.“ Sie hat sich in den jungen, blonden Mann verguckt und darüber begann sie, seine politischen Gedanken zu teilen.

„Sie haben einen Tunnelblick, der alles andere ausblendet“, sagt Psychiater Payk aus Duisburg. Deshalb existierten die Opfer für sie nicht. „Sie haben eine Art weiblichen Instinkt für den Täter – Zuwendung, Hilfe, Unterstützung – spielen eine wesentliche Rolle.“ Das gelte umso mehr, je charmanter er sich darstelle – und je mehr er sich als Opfer inszeniere. „Frauen sind vielleicht hinsichtlich Machoverhalten abhängiger, manipulierbarer, suggestibler“, sagt Payk.

Genau wie Nina Hansen, Isabella Nini und Mareike Buhlmann hat Natalya Ivanova aus Sankt Petersburg begonnen, Breivik zu glorifizieren. Auf vk.com hat die 30-Jährige zahlreiche Bilder von ihm gepostet. Zwei Briefe hat sie ihm geschrieben, erzählt sie, aber nie eine Antwort erhalten. „Das erwarte ich auch nicht“, sagt sie, „ich hoffe nur, er kann sie überhaupt lesen und fühlt sich dadurch unterstützt.“ Ob sie in ihn verliebt sei? „Liebe ist ein großes Wort“, sagt sie. „Liebe ist eine Art Ausnahmezustand, psychisch wie hormonell, der rationales Denken und Handeln außer Kraft setzen kann“, sagt Payk. Hybristophilie heißt der Fachausdruck dafür, wenn Frauen sich in kriminelle Männer verlieben, auch bekannt als Bonnie-und-Clyde-Syndrom.

Einige schlimme Mörder haben eine große weibliche Anhängerschaft, etwa James Holmes, der 2012 in einem Kino in Aurora während eines Batman-Filmes Amok lief. Oder Luka Magnotta, der seinen chinesischen Liebhaber ermordete, zerstückelt und Teile seiner Leiche aufgegessen haben soll. Oder US-Serienmörder Ted Bundy. Es gibt sogar eine Partnerbörse im Internet, www.jailmail.de, die Kontakt zwischen Inhaftierten und nicht Inhaftierten vermittelt. „Das Böse fasziniert durch den Sog des Unheimlichen, Unbegreiflichen, durch den Nervenkitzel beim Blick in den Abgrund“, versucht sich Payk an einer Erklärung, auch wenn er betont, dass das menschliches Verhalten nicht immer erklärbar sei. Die Psychologin Sheila Isenberg schrieb das Buch „Women who love men who kill“ („Frauen, die Mörder lieben“). Sie geht davon aus, dass die Frauen in ihrer Kindheit selbst misshandelt worden sind und deshalb einen Mann suchen, den sie kontrollieren können, ohne, dass dieser sie verletzt.

Der deutsche Psychiater und Sozialwissenschaftler Theo Payk widerspricht ihr in Teilen. „Ich denke, dass bestimmte Persönlichkeitsmerkmale vorherrschen“, sagt er. Etwa Unsicherheit, Selbstaufwertung durch Nähe zu ungewöhnlichen, prominenten Menschen. „Sie ersetzen das kritische, rationale Denken durch Emotionalität, Suggestibilität und sozialen Aktivismus.“ Hilde Hansen hat auf Youtube Videos eingestellt, die den 22. Juli 2011 rekonstruieren. Auf ihrer Website schreibt sie: „Nicht nur, dass die Geschichte beweisen wird, dass Breivik Recht hat, später werden die Leute auf unsere Zeit zurückblicken und sich wundern, wie die Gesellschaft sich derart ignorant selbst zerstört hat.“ Der 22. Juli 2011 sei der Beginn des 1. Europäischen Bürgerkrieges. Sie fügt sich Breiviks Argumentation, der in seinem Brief an Tania schreibt: „Die Operation hat mir viel abverlangt, sowohl logistisch, physisch und auch emotional. Der 22. Juli 2011 war der schlimmste Tag meines Lebens – der Tag, vor dem ich mich jahrelang gefürchtet hatte.“ Über die 77 Menschen, die ihr Leben verloren, über die rund 260 Verletzten, über die Hunderte Jugendlichen, die psychische Erkrankungen davontrugen, verliert Nina Hansen auf ihrem Blog kein Wort.

* Zum Schutz der Protagonisten hat die Redaktion alle Namen geändert

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