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Amokläufe Gemobbt, dann Amok gelaufen

Ermittler analysieren Münchner Täter.

17.03.2017 18:34

Er chattete mit sich selbst über Amokläufe. Kaufte eine Pistole mit über 500 Schuss Munition. Übte Schießen im Keller, fuhr nach Winnenden und las ein einschlägiges Buch. Doch weder Eltern noch Lehrer oder Ärzte bekamen mit, wie der psychisch kranke Schüler immer mehr in seine irrationale Welt aus Hassfantasien abrutschte.

Am 22. Juli 2016 fuhr der 18-jährige David S. mit dem Fahrrad ins Münchner Olympia-Einkaufszentrum (OEZ). Er erschoss neun Menschen und richtete sich schließlich vor den Augen von Polizeibeamten selbst. Seine Tat hatte die ganze Stadt in Aufruhr versetzt, die Polizei hatte zuerst einen Terroranschlag befürchtet.

Fast acht Monate nach der Tat bestätigt der Abschlussbericht von Staatsanwaltschaft und Landeskriminalamt erste Einschätzungen: Der Schüler war unter Gleichaltrigen weitgehend isoliert. Über Jahre sei er gemobbt und teils misshandelt worden. „Er entwickelte Rache- und Vernichtungsfantasien und beschäftigte sich intensiv mit dem Thema Amok“, sagte der Leitende Oberstaatsanwalt Hans Kornprobst am Freitag bei der Vorstellung des 170 Seiten starken Berichts. Sein Hass habe sich gegen Jugendliche gerichtet, die von Alter, Aussehen, Herkunft und Lebensstil denen ähnelten, die ihn mobbten, vor allem junge Menschen südosteuropäischer Herkunft.

Er hatte die Tat ein Jahr lang vorbereitet, hegte Sympathien für nationalsozialistische Ideen und den rechtsextremen norwegischen Massenmörder Anders Breivik. „Zwar hatte David S. eine extreme Fremdenfeindlichkeit entwickelt, obwohl seine Familie selbst einen Migrationshintergrund hatte“, sagte Kornprobst. Dennoch ist er überzeugt: „Als politisch motiviert wird man die Tat nicht ansehen können.“

„Völlig irrationales Weltbild“

Die Ermittler hatten mehr als 1000 Videos und über 2000 Vernehmungen von Zeugen ausgewertet. Durch die enorm umfangreichen Ermittlungen „haben wir ein Gesamtbild des Täters gewonnen, das damals niemand hatte“, sagte Kornprobst. Der Schüler sei ein Außenseiter gewesen. „Im Laufe der Zeit schuf sich David S. ein völlig irrationales Weltbild“ – etwa die Vorstellung, dass seine Feinde mit einem Virus infiziert seien und er sie deshalb töten müsse. In der Freizeit spielte er exzessiv Ego-Shooter-Spiele.

Am Ende wird nur einer zur Verantwortung gezogen. Der mutmaßliche Waffenhändler ist wegen fahrlässiger Tötung in neun Fällen angeklagt. (dpa)

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