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Amerikanisches Sozialsystem Armutszeugnis

Emile Taylor aus New York leidet Hunger, obwohl er 40 Jahre lang Grundschullehrer war. Wie er können sich fast 50 Millionen US-Bürger nicht mal mehr das Nötigste zum Überleben leisten. Und staatliche Hilfe gibt es kaum.

Schlange vor einer Suppenküche im New Yorker Stadtteil Bronx. Foto: Getty Images

So hatte sich Emile Taylor sein Leben nach dem Beruf nicht vorgestellt. Er wäre gerne weggezogen aus New York, weg aus Harlem, wo er 40 Jahre lang als Grundschullehrer gearbeitet hat. Er hätte sich vielleicht ein Häuschen im Warmen gekauft, so wie viele Rentner, in Florida oder in Puerto Rico.

Stattdessen sitzt er jetzt im Keller der „Soul Saving Station“ an der 124. Straße. Die „Station“ ist eine der zahllosen evangelikalen Kirchen von Harlem, die oft aus nicht mehr bestehen als aus einer Ladenfront im Erdgeschoss eines heruntergekommenen Wohnhauses, wo in einem tristen Saal am Sonntag zum Gottesdienst einige wenige Klappstühle aufgestellt werden. Wochentags sind zur Straße hin die Rollgitter heruntergelassen. Eine Außentreppe im Hinterhof führt in einen schmucklosen, neonbeleuchteten Raum mit Betonboden, wo von städtischen Bediensteten etwa 150 warme Mahlzeiten ausgegeben werden.

Emile kommt jeden Tag hierher, oft schon um 10, drei Stunden bevor die Hühnerteile mit Kartoffelpüree und Bohnen angeliefert werden, die es hier meistens gibt. Er setzt sich dann zu den anderen vielleicht 120 Gestalten, die hier, wo es im Winter warm und im Sommer nicht so heiß ist, darauf warten, ihren Hunger zu stillen. Es ist ihre einzige Mahlzeit am Tag.
Emile Taylor hat sich eine Ausgabe der New York Post mitgebracht, die im Supermarkt an der Ecke umsonst verteilt wird, und jetzt studiert er intensiv die Artikel. Mögen die meisten anderen auch hier sein, um ein bisschen Gesellschaft zu haben: Emile will für sich bleiben.

Anders als die meisten anderen ist Taylor gepflegt, er hat ordentliche Kleidung, die Haare sind adrett geschnitten, er ist frisch rasiert. Er hat ein Zimmer in einer sogenannten SRO, eine Single Room Occupancy, ein Einzelzimmer in einem Wohlfahrtshotel, in denen die Stadt ihre Bedürftigen unterbringt. Die Miete dort ist nicht hoch für New Yorker Verhältnisse, ein paar 100 Dollar. Und doch kann sich Emile von seiner mageren Pension darüber hinaus kein Essen leisten. „Das reicht neben der Miete gerade noch für Kleidung und Toilettenartikel.“

Natürlich könnte er versuchen, seine Ex-Frau aufzusuchen, von der er sich vor 20 Jahren hat scheiden lassen, und sie um Hilfe bitten. Oder seine Tochter, die mittlerweile fast 40 ist und die er seit zehn Jahren nicht mehr gesehen hat. Oder er könnte zurück in den Süden gehen, nach South Carolina, von wo er wie so viele Glückssucher Ende der 60er Jahre nach Harlem kam, von dem man damals im armen Süden noch glaubte, es sei das gelobte Land. Doch dazu ist er zu stolz, die Scham ist zu groß. „Ich komme schon zurecht“, sagt er.

Kampf gegen Windmühlen

Emile Taylor leidet unter dem, was das Bürokratenamerikanisch als „Nahrungsmittelunsicherheit“ beschreibt. 1,3 Millionen seiner Mit-New Yorker fallen ebenfalls unter diese Kategorie. In den gesamten USA sind es geschätzte 49 Millionen, also knapp 16 Prozent der Gesamtbevölkerung, die sich „zwischen Krankenversicherung und Nahrung entscheiden müssen, zugunsten ihrer Kinder auf Essen verzichten oder ihren Kalorienbedarf aus eigener Kraft nicht decken können“, so die offizielle Kategorisierung der Nahrungs- und Arzneiaufsichtsbehörde FDA.

Wenn Joel Berg diese Zahlen zitiert, steigt sofort sein Blutdruck. Der kleine stämmige Mann wird dann rot und unruhig, beginnt in seinem winzigen Büro im unteren Manhattan, nur einen Steinwurf von der Wall Street entfernt, auf und ab zu schreiten und sich in Rage zu reden.

Berg hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, den Hunger in Amerika zu bekämpfen, seit er als Beamter unter Bill Clinton im Landwirtschaftsministerium mit den Realitäten der Nahrungsversorgung in den USA konfrontiert wurde. Seither leitet er die „New York Coalition Against Hunger“, eine gemeinnützige Organisation, welche die ungefähr 1200 Suppenküchen und Beratungsstellen von New York koordiniert, zu denen auch die Soul Saving Station gehört.

Es ist ein Kampf gegen Windmühlen, und man merkt Berg seine Dauerfrustration an. „Mehr als die Hälfte unserer Suppenküchen kann der Nachfrage nicht nachkommen“, schimpft er. Allzu oft müssen sie die Hungrigen wieder nach Hause schicken, kleinere Portionen kochen, die den Kalorienbedarf nicht decken oder ihre Öffnungszeiten einschränken. Für eine Stadt, in der 55 Milliardäre leben, sei diese Statistik ein „himmelschreiender Skandal“.

Berg möchte auf keinen Fall als Linker oder gar als Sozialist kategorisiert werden. In den USA ist es ein fatales Stigma, mit dem S-Wort belegt zu sein. Deshalb vermeidet er das Wort „Umverteilung“. Aber so viel will er doch sagen: „Wenn man nur Bill Gates mit schwedischen Sätzen besteuern würde, könnte man mit diesen Einnahmen alleine das Hungerproblem in den USA lösen.“ 30 Milliarden hat er errechnet, bräuchte man dazu – etwa die Hälfte von Gates’ Vermögen. Angesichts einer guten Billion, die ausgegeben wurde, um die Banken zu retten, nicht einmal ein Trinkgeld.
Doch über Hunger und Armut mag man in den USA nicht gerne reden. Wirklich etwas dagegen unternehmen erst recht nicht. Sicher, Linksliberale wie der New York Times Kolumnist und Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman werden nicht müde, auf die immer extremere wirtschaftliche Ungleichheit in den USA hinzuweisen. Bei den Intellektuellenzeitschriften Atlantic und Mother Jones war die „Vampir-Wirtschaft“, in der wenige Superreiche die wachsende Masse der immer ärmeren Amerikaner aussaugen, schon Titelthema.

Doch der Tenor ist jeweils einer der Resignation. Man fühlt sich an die Ränder der öffentlichen Debatte gedrängt, einsame Rufer im Wald einer immer konservativeren Gesellschaft. Selbst unter Obama, schreibt Mother Jones, ist die demokratische Partei, einst Advokat der Armen und Partner der Gewerkschaften, eine Marionette des Big Business.

Seite 2: Perspektivlosigkeit

Strecken und improvisieren

Auch Joel Berg hat größte Schwierigkeiten, sich Gehör zu verschaffen. Er hat ein Buch über das Hunger-Problem in Amerika geschrieben, er geht auf Vortragsreisen, er versucht immer wieder, die Medien auf das Thema aufmerksam zu machen. Doch meistens ohne Glück. Ab und an kommt ein Reporter vorbei, gedruckt werden die Geschichten selten. Die Mainstream-Medien wollen das Thema Hunger nicht anfassen. Bestenfalls als Gastkommentar von Berg wird in der Washington Post oder der New York Times das Hunger-Problem periodisch verhandelt – meist zu Weihnachten oder zu Thanksgiving. Beim New Yorker Bürgermeister Michael Bloomberg, seines Zeichens self-made Multimilliardär, hat es Berg in zehn Jahren nicht geschafft, auch nur einen einzigen Termin zu bekommen.

Dazu, warum das so ist, warum niemand in Amerika etwas gegen Hunger und Armut unternehmen mag, hat Berg selbstverständlich seine Theorie. „Es herrscht selbst bei ansonsten wohlmeinenden Menschen wie Bloomberg schlicht die Ideologie, dass man selbst daran schuld ist, wenn man arm ist, dass man zu faul ist. Deshalb glaubt man, dass niemand wirklich für die Armen verantwortlich ist. Das Problem soll mit Wohltätigkeit aus privater Hand gelöst werden. Doch das reicht nie und nimmer.“

Immerhin: Unter der aktuellen Regierung ist es ein wenig besser geworden, als es unter Bush war. Dank des Konjunkturpaketes von Obama bekommen 1,7 der acht Millionen New Yorker Lebensmittelkarten und Essensbeihilfe – eine viertel Million mehr als unter Bush. „Es ist aber gerade nur genug, um eine Katastrophe zu verhindern“, sagt Berg. Die Suppenküchen und Lebensmittelausgaben kämpfen immer noch ums Überleben.

Pfarrerin Beverly Oliver, die Leiterin der Ausgabe in der Soul Saving Station in Harlem, kann davon ein Lied singen. „Bis jetzt geht es noch immer irgendwie“, sagt die schwarze Frau mit dem kurz geschorenen grauen Krauskopf und den großen Ohrringen, während sie den Besucher in ihre Vorratskammer führt. Unmengen von Konserven füllen dort das Regal, Bohnen, geschälte Tomaten, Thunfisch, Fleischklößchen, Mandarinenstücke. „Hier ist, was ich habe, aber ich brauchte viel mehr.“ Schon lange kann sie nicht mehr jeden Tag alle drei Nahrungsgruppen anbieten – Eiweiß, Gemüse, Stärkebeilage. Immer öfter muss sie strecken und improvisieren. Dabei kommen ständig mehr Leute. „Wir in Harlem haben die Wirtschaftskrise ganz besonders zu spüren bekommen. Hier ist die Arbeitslosigkeit so hoch wie sonst nirgends in New York.“ Und wenn die Konservativen im Kongress und die bankrotte Regierung des Staates New York, Sitz im provinziellen Albany, demnächst die Beihilfen streichen, dann weiß sie nicht, wie sie weiter- machen soll.

Eingerichtet in der Perspektivlosigkeit

Emile Taylor hat mittlerweile seine Zeitung ausgelesen, und weil es immer noch nicht 13 Uhr ist und das Essen immer noch nicht aus der Küche gekommen ist, hat er nun doch ein Gespräch mit seinem Nachbarn angefangen.
Es ist Ray, seinen Nachnamen nennt er nicht. Er ist wie Emile etwa Mitte 60 und sieht deutlich zerlumpter aus. Die Jacke ist aus der Altkleidersammlung, sie ist fleckig und die Ärmel sind ausgefranst. Ray war Möbelpacker, seinen Job verlor er vor acht Jahren, nachdem er sich die Hand gebrochen hatte. Sie verheilte nie ordentlich, weil er keine Krankenversicherung hatte. Vor fünf Jahren hat er die Jobsuche aufgegeben. Er war drei Jahre auf der Straße, jetzt ist er in einem Wohnheim. Seine Sozialhilfe beträgt 136 Dollar im Monat.

Das alles sei gar nicht mal das Schlimmste, sagt Ray. Er habe sich in der Perspektivlosigkeit und der Armut eingerichtet, er habe gelernt, über die Runden zu kommen. „Das Schlimmste“, sagt er, „das ist die Einsamkeit.“ Auch deshalb kommt er in die „Soul Saving Station“. Vielleicht sogar vor allem deshalb.
Auch Emile Taylor liest seine Zeitung lieber hier als alleine in seinem SRO Zimmer. Aber zugeben würde er das nicht.

Die Tabletts mit den Hühnchen sind jetzt aufgetragen. Doch bevor die Hungrigen zugreifen dürfen, müssen sie noch ein paar christliche Hymnen von einem Schülerchor über sich ergehen lassen. „When I fall down You pick me up. When I am dry You fill my cup“, singen Zwölfjährige voller Inbrunst. Das soll Trost spenden. Ray und Emile Taylor starren dabei nur vor sich hin. Dann gehen sie an den Tresen und holen sich ihren Teller. Endlich.

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